Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1902)
- Date
- 1902-04-25
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 Interesse zürnenden. Das größte Wohlwollen aber erweist eine solche Gemeinde sich selbst, denn, was sie zur Hebung des Lehrerstandes Ihut, das thut sie zur Hebung und Förderung ihrer eigensten Interessen, zur Förderung der Jugend. Denn, gesellt sich zu dem hohen Maße von Berusstreue und Pflichterfüllung, von denen der Lehrer beseelt ist. auch eine erhöhte Berufssreudigkeit, die die unbedingte Folge einergesicherten Anstellung ist, so wirkt diese Frische auf den Geist der Jugend zurück, und die Opfer, die eine Gemeinde zur Sicherstellung ihres Beamten, der nicht im öffentlichen Schuldienste steht, bringt, sind, so groß sie auch scheinen mögen, doch nur verhältnißmäßig klein im Vergleiche zu den großen Vortheilen, die sie aus einer solchen für ihre Jugend zieht, und tausendfältig ist die Frucht, die ihren Kleinen daraus erwächst. Mögen aber auch die mittleren und kleineren Gemeinden dem edlen Beispiele folgen und zur Sicherstellung ihrer Knltusbeamten alles thun, was in ihren Kräften liegt. Einer Gemeinde, selbst einer kleineren, die bestrebt ist, dieses Ziel zu erreichen werden sich auch die Mittel und Wege zur Erreichung dieses Zieles bieten. Oesterreich - Ungar«. Wie»», 21. April. Sehr traurig ist das Resultat der Taufstatistik. 618 Austritte aus dem Judenthum sind im Jahre 1901 erfolgt. Wohl keiner dieser Austritte geschah aus religiöser Ueberzeugung. die meisten aus materiellen Gründen : Heirath, Avancement, Protektion, auch Befreiung von der Kultussteuer oder von der Religionsschule. Dagegen sind im Jahre 1901 nur neun Kinder unter sieben Jahren und 37 zwischen 14 und 18 Jahren aus dem Jndenthum geschieden. Zwischen 7 bis 14 Jahren darf gemäß der konfessionellen Gesetze nicht getauft werden. Von den 618 aus dem Judenthum Ausgetretenen befanden sich 488 im Alter von 18 bis 40 Jahren. — In seiner Beantwortung der famosen Interpellation des Dr. Eisenkolb und Genossen in Sacher, der Nussiger „Nitualmordgerüchte" erklärte der Justizmi niste r, daß die Thatbestands-Momente eines Ritualmordes nach eingehender Untersuchung nicht vorhanden waren, und daß die Gerüchte keinen Glauben fanden. — Also wirklich nicht?! Die Leiche der verschwundenen Magd wurde bekanntlich ans dem Wasser gezogen, in das sie. um der Schande zu entgehen, gegangen war. — Unglaubliches berichtet man aus dem Gemeindehause. Es sollen nicht weniger als 20 Kandidaten zu Probepredigten von Ende Oktober ab eingeladen sein! Diese Leute scheinen es noch immer nicht zu merken, daß sie mit ihrem Treiben den historischen Ruf der alten Wiener Gemeinde arg kompromittiren. — In Prag hat der böhmische Nabbinerverband seine Generalversammlung an, 26. und 27. v. M. abgehalten und den klugen Beschluß gefaßt, eine ständige Kommission einzusetzen, die den Gemeinden die Möglichkeit bietet, bei Wahl ihrer Funktionäre nicht im Dunkeln zu tappen. Der Rabbinerverband übernimmt es, Alle, die sich um ein religiöses Amt bewerben, auf Wunsch der Gemeinden zu prüfen und über die Befähigung der Kandidaten ein Zeugniß ansznstelleu. Ferner wurde die Ausstellung eines einheitlichen Lehrplans für den Religionsunterricht und die Gründung einer Pensions- und Reliktenkasse nach dem Vorgang der deutschen Rabbiner beschlossen. — In Csakathurn feierte Oberrabbiner Jacob Schwarz untererhebenden Kundgebungen allgemeiner Verehrung das 40jährige Arntsjubilänm. Die Bürgerschaft brachte dem Jubilar einen Fackelzug. Bei dem Festgottesdienst hielt dessen Sohn, Oberrabbiner Dr. M. Schwarz aus Raab — der übrigens dort in den Stadtrath gewählt worden ist — eine ausgezeichnete Festrede. Ein Festbanket schloß die schöne Feierwürdig ab. — Dem hiesigen „Hilfsverein für die nothleidende jüdische Bevölkerung in Galizien" ist es trotz der Kürze seines Bestandes und des für Arbeitsbeschaffung überaus ungünstigen Zeitpunktes doch schon gelungen, durch Einführung verschiedener Hausindustrien vielen Hunderten in 15 der ärmsten Orte Galiziens dauernden Erwerb zu verschaffen. Die Zahl der Arbeitenden wächst von Woche zu Woche. — An der Le mb erg er botanisch-landwirthschastlichen Kontrol- und Versuchsstation sungirt jetzt Frl. Dr. Phil. Mathilde Gold fluß als Assistentin. Dieselbe besuchte in ihrer Geburtsstadt Warschau das Gymnasium, studirte in Genf Philosophie, wo sie im Jahre 1899 mit Auszeichnung zum Doktor Phil, promovirt wurde. Dann ging sie noch zur Vervollkommnung ihrer Studien nach Paris, kehrte nach zwei Jahren in ihre Geburtsstadt zurück, von wo sie an die Lemberger Anstalt berufen wurde. Frl. Dr. Goldfluß ist unseres Wissens die erste Frau, welcher in Oesterreich eine solche Stelle anvertrant wurde. Von Nah und Fern. - - Professor Dr. Leopold Landau, der im vergangenen Jahre sein 25 jähriges Jubiläum als Universitätslehrer feiern konnte, ist zum außerordentlichen Professor an der hiesigen medizinischen Fakultät ernannt worden. — Die Akademie der Wissenschaften hat Herrn Professor Dr. Eugen Goldstein in Berlin zur Fortsetzung seiner Untersuchungen über Kathodenstrahlungen, insbesondere über Kanalstrahlen, 2400 Mark bewilligt. — Der Privatdozent Dr. Ferdinand Blu menthal. Assistent an der ersten medizinischen Klinik der hiesigen Universität, ist zum korrespondirenden Mitglied der 8oeiet6 äo Ui6,ap6ntic;u6 zu Paris honoris eausa ernannt worden. — Dem Kommerzienrath Jacob ist nach dem „Konfektionär" vom Kaiser von Rußland der Stanislausorden II. Klasse verliehen worden. — Nach längeren Leiden ist der Rechtsanwalt und Notar Dr. Ludwig Saling er am18. d. M. hier gestorben. — Der hier am 14. d. M. am Herzschlag plötzlich verstorbene Buchdruckereibesitzer Max Brodeck, Verleger der „Berl. Buchb.-Ztg.", ist 65 Jahre alt geworden. Er gedachte in diesem Jahre sein 50 jähriges Berussjubiläum zu feiern. — Der Hofprediger a. D. Stöcker hat das sozialdemokratische Blatt „Ostpreußischer Landbote" in Königsberg wegen einiger Bemerkungen über die bekannte Eidgeschichte verklagt. — Am vergangenen Sonnabend fand in Posen für die Kreise Posen-West. Posen-Ost. Samter und Birnbaum die Wahl zum engeren Ausschüsse der Posener Landschaft statt. Herr v. Diedern an n - S e eh e im, der dem engeren Ausschüsse geraume Zeit angehört hat. wurde nicht wieder gewählt; man hat es ihm sehr übel vermerkt, daß er für den Schutz der Juden in der Provinz Posen eingetreten war. — Der Oberkantor M. Davidsohn in Gleiwitz hat einen 20 jährigen Vertrag mit Pension von seiner Gemeinde erhalten. — Der Stadtälteste Josef Fränkel in Ziegenhals hat bei seinem Scheiden aus dem Magistratskolleginm den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — In Leipzig wurde Dr. A. Nobel zum Rabbiner der orthodoxen Vereinigung Adaß Jeschurun gewählt. — Die Hamburger Bürgerschaft lehnte das Entlassungsgesuch des Präsidenten Siegmund Hinrichsen ab, genehmigte dagegen das Entlassungsgesuch des zweiten Vizepräsidenten. Hinrichsen erklärte hierauf, daß er sein Entlassungsgesuch zurückziehe. -- Der Fabrikbesitzer Gustav Herzfeld in Düsseldorf hat den Rothen Adlerorden IV. Klasse erhalten. — In Worms wurde eine neue Loge des B. B. Ordens begründet. — In Baden ist am 8. d. M. der erste jüdische Advokat in der Schweiz. Fürsprech Heinrich Guggenheim, in, 68. Lebensjahre gestorben. — Der Große Rath des Kantons Basel-Stadt hat einstimmig die Gesetzesänderung beschlossen, welche nöthig war, um der israelitischen Gemeinde die Anlegung eines Friedhofes zu ermöglichen. — Die Auswanderung der jüdischen Handwerker in Rumänien dauert fort. Am 12. d. M. sind aus Jassy 50 Familien nach Amerika ansgewandert. Am 14. d. M. haben 40 jüdische Familien Bukarest verlassen, um sich theils nach Kanada, theils nach Australien zu begeben. Am 15. April berichtet das „Buk. Tagebl." über die Bildung einer Gesellschaft von 300 jüdischen Auswanderern in der kleinen Walachei. Diese Gesellschaft wird in den nächsten Tagen von Crajowa abreisen. Eine Gruppe von etwa 100 Bukarester Familien, die über etwas eigenes Vermögen verfügen, hat sich organisirt, um von Galatz aus die Reise nach Shanghai anzutreten. — Der König von Italien hat den General Ott ölen g hi zum Kommandirenden der Armee im Felde gemacht. Es ist dies gewiß die höchste Stellung, die ein Jude bisher in irgend einer Armee bekleidet hat. — In Gothenburg ist am 10. d.M. der bekannte Kunstmäcen Dr. Pontus Fürstenberg im viernndsiebzigsten Lebensjahre gestorben. Er war Ritter und Kommandeur hoher schwedischer Orden, Ehrendoktor der philosophischen Fakultät in Lund u. s. w. Großer Hochachtung wurde er von dem Könige Oskar II. gewürdigt. — Der Eskadronchef Reno Elias Cahn ist zum Subdirektor der Artillerie in Havre, der Eskadronchef Valabrogue zum Kommandeur der Artillerie der 6. Division in Lyon ernannt worden. — Der Bischof von Nancy Monseigneur Turinaz, hat der Geistlichkeit und der zu seiner Diözese gehörenden Laienwelt verboten, die antisemitische Zeitung „La Croix" zu lesen. — In London ist Frau Nathaniel Monte fiore, die Mutter von Claude Montefiore, eine allgemein hochgeschätzte Frau, im 83. Lebensjahre gestorben. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin