Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1902)
- Date
- 1902-04-25
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228491--58594-3295050- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
203 ihrer Mitte birgt! Allen Menschen hält man ihre mellschliche! Natur, hält man die Macht der Leidenschaft, die Größe der! Versuchung, ganz gewiß aber Noth und Elend zu gute. Nur uns Juden richtet und beurtheilt man nach dem strengsten Maßstab, nur wir dürfen keine Menschen sein, wir sollen uns mit aller Gewalt zu der idealen Höhe von Engeln emporentwickeln! Man thut so, als wären die Zuchthäuser nur für die — Antisemiten *) da, der Jude aber, so scheint man zu glauben, dürfe niemals hinter diese grauenhaften Mauern gerathen, sollst wird er sogleich als ein „würdiger" Sprößliug , seines Stammes gebrandmarkt! Die so denken und reden, treffen ohne Zweifel den Nagel auf den Kopf. Gleichwohl ist es nur natürlich, wenn sich im Innern eines fühlenden Juden ein Peinliches Gefühl geltend macht, sobald er von einem seiner Glaubensbrüder hört, er sei ins Zuchthaus gekommen. Dieses peinliche Gefühl aber ist keineswegs identisch mit der Furcht vor den Antisemiten, es ist vielmehr gleichbedeutend mit einer Empfindung, ich möchte sagen, zorniger Scham darüber, daß Söhne des ältesten und einzigen Religionsvolkes aller echten Religion so fern sind, um sich gegen die Grundgesetze derselben zu vergehen, daß nicht wirklich in jedem Angehörigen dieser Religion der Funke glimmt, der, am Feuer des Sinai genährt, den Weg des Menschen erleuchtet, ihn vor allen dunklen Pfäden bewahrt, auf die Begierde und Leidenschaft ihn locken wollen. Diesem Quell mag auch das niederdrückende Gefühl entspringen. welches mich stets beim Betreten der Strafanstalt ergreift. Häufig wird dieses Gefühl noch verstärkt, wenn ich den Jnhaftirten selbst gegenübertrete und unter ihnen Elemente finde, die schwer zugänglich sind und selbst den innigsten Vorstellungen gegenüber kalt bleiben. Manchmal aber finden sich unter ihnen auch tiefempfindende Naturen, die nicht nur auf die Worte des Seelsorgers begeistert eiugehen, sondern auch selbst Gedanken, und oft gute Gedanken entwickeln. So ist unter Denjenigen, die momentan meiner Seelsorge anvertraut sind, Einer, von dessen Leistungen ich den Lesern dieses Blattes Kunde geben möchte, weil ich glaube, daß diese Leistungen es werth sind, bekannt zu werden. Wäre der Betreffende ein wissenschaftlich gebildeter, in Kunst und Litteratur erfahrener Mensch, so würde es sich nicht lohnen, auf ihn hinzuweisen. So aber ist es ein simpler Schuster — also Kollege des Hans Sachs -, der eine so wenig ausreichende Schulbildung genossen, daß er mir klagte, er könne nicht einmal genau die vier Rechenspezies. Dieser Mensch — er ist wegen Hehlerei verurtheilt und gehört, nebenbei gesagt, zu dem hohen Prozentsatz Derjenigen, die ihre Unschuld versichern - ist thatsächlich voll von Gedanken. Er lebt geradezu im Geistigen; sich geistig zu äußern ist ihm derart Bedürfniß, daß er jeden *) Die ehrenwerthen Leute haben ja auch mein harmloses Inserat in dieser Zeitung, in welchem ich um Beiträge zur Pessachbeköstigung der jüdischen Gefangenen bat, mit dem schmutzigen Geifer ihrer ohnmächtigen Wuth übergossen. Ihr thörichter Angriff vermag zwar jedem halbwegs gebildeten Menschen nur ein Lächeln des Mitleids zu entlocken. Aber es ist doch interessant zu sehen, wie diese Sippschaft auch hier wieder durch Verdrehungen und Lügen Hetzarbeit treibt, indem sie mein Inserat hinterlistigerweise so deutet, als ob ich der Strasanstaltsdirektion eine „Unterlassungssünde" vorwerfe. Es mag den Herren Antisemiten unangenehm sein, aber es bleibt doch dabei, daß es ein Mini st erial erlaß ist. der die Pessachbeköstigung der jüdischen Gefangenen gestattet, natürlich unter der Bedingung, daß die Kosten von privater Seite aufgebracht werden. Fetzen Papier, den er erhaschen kann, mit Bemerkungen oft scharfsinniger und gedankentiefer Art bekritzelt. Glücklicherweise aber wurde ihm die Erlaubniß, in seinen Mußestunden zu schreiben, und man hat ihm zu diesem Zwecke neben Tinte und Feder auch große gebundene Schreibbücher zur Verfügung gestellt. Ich habe jetzt zwei dieser Bücher von ihm in Händen. Dieselben sind dicht beschrieben mit geistigen Ergüssen der verschiedensten Art. Die Form ist allerdings noch etwas unbeholfen, namentlich in den in gebundener Sprache gehaltenen Partien, für die der zaghafte Autor zu inkliniren scheint. Aber auch in Prosaform finden sich lange Betrachtungen voll schöner Gedanken. Die behandelten Gegenstände berühren die verschiedensten Gebiete: Das Leben in der Anstalt, Politik, Familie, Religion. Auch lyrische und epische Versuche, Übersetzungen ans dem Polnischen finden sich. Alles bekundet ein zweifellos vorhandenes Talent, welches nur der Bändigung und Klärung bedarf, um wirklich Gutes und auch Brauchbares hervorzubringen. Man höre z. B. folgende Mahnung: Fromm scheinen ist eine Kunst, Doch sie verfliegt wie Dunst, Fromm sein ist keine Kunst, Und sie besteht durch Gottes Gunst! Darum sei fromm und wahr Von der Wiege bis zmn Altar. Und vom Altar bis ins Grab Weiche nimmer hievon ab! So wird es hier dir wohl ergeh'n Und auch vor Gott wirst du besteh'n! — Oder folgende Verse: Zwei Stimmen sich immer streiten Jetzt und in alle Ewigkeiten: Die eine ruft in ihrer Noth Um Hilfe zum lieben Gott. Doch wer im Glücke ist, der spricht: Einen Gott giebt es nicht! Daraus nun geht hervor: Das Glück hat für Gott ein taubes Ohr. Doch nur in Nöthen Erhebt sich die Stimme zum Beten. Und nun betet er selbst: O Herr der Welt, Leiter der Geschicke, Wenn es dir gefällt, Auf mein Elend blicke! Mitleid und Erbarmen Habe, o Himmelsrichter. Mit mir Kranken und Armen, Entferne die Galgengesichter. Die hier um mich reihen; So sei es dein heiliger Wille, Denn hier kann ich nicht gedeihen, Bei solcher Bosheit-Fülle! Heute vor einem Jahre War's, daß ich kam hierher. Mein Haupt schmückten schöne Haare, Jetzt habe ich keine mehr; Die einen sind ausgefallen, Die letzten wurden bleich. Alles muß mir mißfallen Hier in dem Schattenreich! O Herr und Himmelsrichter Erweise mir die Gnade Daß ich im Glanz der Himmelslichter Und ihrer Wärme mich bade; O Himmelsrichter, dich erbarme, Lasse deine Treue walten, Oesfne mir deine Arme, Laß mich hier nicht erkalten!