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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-04-25 · Heft 17 (25.4.1902) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 17 (25.4.1902)
Date
1902-04-25
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
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202 Theil deshalb, weil die Spender eben nicht „Nein" sagen können! Wenn Sie oder andere Herren Ihres Komitees zu einem Millionär kommen und sagen: „Die russischen Flüchtlinge, die wir nun hier haben, hungern," so kann er Sie nicht hinauswerfen, sondern giebt Ihnen vielleicht einige hundert oder auch tausend Mark. Oder er thut es auch deshalb — das ist noch der beste Fall, den ich Ihnen zugeben kann — weil er sich denkt: „Ich kümmere mich sonst gar nicht um jüdische Sachen, thne nichts dafür, lebe wie ein Heide. Das ist eine Gelegenheit, wo ich mit einigen hundert Mark mein Gewissen beruhigen kann . . ." Das ist meine Meinung," fügte er rasch bei. „Aber hoffentlich nicht die aller russischen Juden," erwiederte ich. „Natürlich sind unter den Spendern auch Leute, die so denken, wie Sie annehmen. Aber sie sind" — und das meinte ich ernst - „nach meiner Neberzeugung kein nennenswerther Bruchtheil. Die Meisten geben das Geld, weil die Noch so groß ist, daß sie die Herzen rührt. Denken aber Viele dabei auch, daß die Juden in Deutschland auch in ihrem eigenen Interesse nicht der plötzlichen Invasion von vielen tausenden mittelloser russischer Juden Zusehen können, ohne einen Finger zu rühren, so finde ich das völlig in der Ordnung. Das Gegentheil wäre Kopflosigkeit." Er nickte. „So, da hätten wir also unsere Meinungen ausgctauscht. . . Nun aber die Rechtsfrage: Bin ich sammt Frau und Tochter vor sieben Monaten aus Moskau ausgewiesen worden? Gehöre ich also zu jenen Juden, für die Ihr Komitee eingesetzt ist? Ich denke: Ja! Zweitens: Würde es Ihr Komitee mindestens 450 Mark pro Kopf kosten, wenn es uns Drei nach Amerika schicken und dort irgendwie versorgen wollte?!" „Ich glaube," sagte ich, „der Betrag ist etwas hoch gegriffen. Aber darauf kommt es nicht an. Die Hauptsache ist doch: Sie sind nicht mittellos, sind deshalb nach Deutschland gekommen, um sich operiren zu lassen, und kehren nun nach Rußland zurück, weil Sie in Warschau eine gute Stellung gefunden haben. Da kann also wirklich nur von einer Unterstützung die Rede sein, wenn Sie sie mit gutem Gewissen beanspruchen können und wollen!" Ich habe unser Gespräch bisher sinugetren wiedergegeben. Aber seine Aeußerung, die nun folgte und zugleich unser Gespräch abschloß, kann ich noch ziemlich wortgetreu mittheileu. Er erhob sich und sagte bitter: „Also deshalb, weil die deutschen Inden im Interesse ihrer sozialen Stellung und um sich ans die Mildthätigen Hinausspielen zu können, Ihr Komitee eingesetzt haben, deshalb, weil ich ein ordentlicher Mann bin, der immer sparsam gelebt und sich etwas zurückgelegt hat, deshalb, weil Gott die Heimsuchung über mich geschickt hat, und ich mich hier operiren lassen mußte, deshalb, weil ich mit Gottes Hilse und auf Empfehlung meines Chefs die neue Stellung in Warschau gefunden habe — deshalb soll ich den deutschen Juden 1350 Mark schenken?! Wäre ich nicht sparsam gewesen, hätte Gott die Heimsuchung nicht über mich geschickt und sich daun nicht durch die neue Stellung meiner erbarmt, so bekäme ich das Geld. Ich bekomme es nicht, weil die deutschen Juden aus meiner Sparsamkeit und ans Gottes Fügungen Kapital schlagen!... Nun, da habe ich weiter nichts zu sagen, vielleicht sind die deutschen Gerichte anderer Meinung. Adieu!" Man wird vielleicht glauben, der Mann sei unanständig gewesen; er war nach Allem, was ich von ihm erfahren habe, durchaus ehrenwerth. Auch waren seine letzten Worte durchaus kein Schreckschuß: er ging wirklich — ich weiß es zufällig — zu einem Anwalt und wollte ihm die Klage übertragen, was der gewissenhafte Mann natürlich ablehnte. Er war auch durchaus kein Narr, er war nur eben ein Typus seiner Nasse, an dem nur wenige Züge individuell waren . . . Aus dem Tagebuch eines jüdischen Sträflings. Von Dr. A. Ackermann-Brandenburg a. H. kann ich mich eines niederdrückenden Gefühles erwehren, so oft ich die Räume der Strafanstalt betrete, um meinen Glaubensbrüdern, die dort ihre Strafe verbüßen, helfend und ratheud, tröstend und aufmunternd zur Seite zu stehen. Ich habe stets die Empfindung, als sei ich bedrückt, als verdiente ich einen Vorwurf, daß Söhne Israels ihre Verfehlungen gegen das dritte, siebente und achte der zehn Gebote hinter Zuchthausmauern büßen müssen. Es scheint daß wir als Juden nervös geworden sind, daß die tausendmal wiederholten wahrheitswidrigen Behauptungen von dem hohen Prozentsatz der jüdischen Verbrecher ein Gefühl erhöhter Verantwortlichkeit in jedem Einzelnen hervorgerufen haben. Und dem ist ja auch so. Wir freuen uns und athmer: erleichtert auf, wenn wir von einem schweren, folgenreichen Verbrechen hören und uns überzeugt haben, daß sein Verüber kein Judc ist; mit Genugthuung durften wir daraus Hinweisen, daß an den schweren Bankvergeheu, die vor etwa Jahresfrist alleWel erschreckten nicht nur kein Angehöriger unseres Stammes all Schuldiger betheiligt war, sondern sogar die Hauptschuldiger im Lager derer zu suchen waren, die urteutsche Ehrlichkeit und Treue in Erbpacht genommen zu haben schienen und mekp denn einmal schmähend auf das verderbte Israel mit seinen Mammonsgeist losdonnerten. Und andererseits steigt uns midoppelter Schnelligkeit die Schamröthe ins Antlitz, wenn ei: Verbrechen bekannt wird, dessen Verüber ein Angehörige Israels war. Mit Recht schieben wir ihm eine doppelte Schub zu, die gegen Gesetz und Religion und die gegen die Gesammthei unseres Stammes. Nicht als ob wir unseren Gegnern den Recht zusprächen, die Sünden des Einzelner: der Allgemeinhei zur Last zu leger:! Aus dieser lästerlichen heimtückischen Ge pflogenheit ist die antisemitische Giflsaat zu der bedauerrrs werthen Höhe ernporgewachsen, die wir beklommen gewahren Aber da nun einmal diese Gepflogenheit nicht nur zum Rüst zeug der Berufsantiserniten gehört, sondern leicht auch von scheinbar Nornrtheilslosen gegen ihren eigener: Willen geül wird, so müssen wir ihr wohl oder übel Rechnung tragen urr uns mit erhöhter Aerrgstlichkeit vor jedem Schritt von: Weg hüten, mit dem wir eine so vielfache Schuld auf uns lade: würden. Für jeden normalen Menscher: irwolvirt dies Mahnung eine Beleidigung, da er ohnehin das Böse meiden weil es böse ist. In der That Haber: wir in unserer Mitll Leute genug, die eine solche, wenn auch nur doktrinäre Rück sichtnahme auf antisemitische Ungeheuerlichkeiten als übertrieben unstatthaft, ja würdelos erklären. Man zeige uns irgend ein größere Gemeinschaft, so sage:: sie, die keine üblen Elemente in

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