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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-04-25 · Heft 17 (25.4.1902) · p. Seite 201

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 17 (25.4.1902)
Date
1902-04-25
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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201 verlor ich kein Wort. Die Geduld riß mir erst, als ich mit einem Hundertmarkschein bezahlen wollte, und Portier wie Oberkellner — der Wirth war nicht sichtbar — erklärten, hundert Mark seien fünfzig Gulden österreichischer Währung. Es waren nach dem damaligen Kurs mindestens sechzig Gulden. „Herr," schworen Beide, „mehr als fünfzig Gulden bekommen wir für den Schein beim Wechsler nicht." Da wurde ich zornig und sagte ihnen einige landesübliche Höflichkeiten im Jargon. Die Wirkung war zauberhaft; die Beiden prallten zurück, sahen sich erstaunt an, und im nächsten Moment lagen weitere acht Gulden auf dem Tisch. Nun stürzte auch der Wirth herbei. Während mein Gepäck aufgeladen wurde, hörte ich, wie er den Beiden Vorwürfe machte, sie schädigten den guten Ruf seines Hauses. „Aber wir haben ja nicht gewußt, wer er ist," entschuldigte sich der Oberkellner. „Was heißt das?" rief der Wirth. „Den ganzen Tag kommen die Krakauer Juden zu ihm ins Haus, und Sie wissen nicht, daß er ein Jud' ist?!" „Das schon," sagte der Oberkellner. „Aber er hat sich doch eingeschrieben: „Aus Berlin." Da soll man wissen, daß ec ein Polnischer ist!"- Eine andere Geschichte, die von derselben Grundanschauung zeugt. Im Jahre 1892 — die Hochfluth der Flüchtlinge war abgelaufeu, aber der Durchzug noch immer ein starker — erschien eines Tages bei mir ein anständig gekleideter Mann in mittleren Jahren. Sein Benehmen war höflich und ruhig. „Ich heiße L. D.," sagte er in gutem, wenn auch nicht dialektfreiem Deutsch, „ich war bis vor Kurzem Buchhalter in Moskau. Ich habe gegen das „Deutsche Centralkomitee für die russischen Juden einen Anspruch von 1350 Mark. Das Komitee will ihn nicht anerkennen. Mein Recht ist zwar sonnenklar, aber einen Prozeß gegen das Komitee würde ich ungern führen. Ich bitte Sie um Ihre Vermittelung." „A.?!" wiederholte ich den Namen, den er mir genannt hatte. Ich mag ihn nicht hierhersetzen, aber es war ein überaus seltsamer Name, den man nicht leicht vergißt. „Ich habe den Namen kürzlich gehört." „Vielleicht bei der Sitzung des Komitees?" meinte er. „Da kennen Sie ja meine Sache schon und wissen, welch himmelschreiendes Unrecht mir angethan wird." „Nein," erwiederte ich. „Mit derlei Details können wir uns in unseren Sitzungen nur ganz ausnahmsweise beschäftigen. Es hat Jeder sein Referat, und bringt nur die prinzipiellen Gesichtspunkte, nach denen er sich zu richten hat. zur Diskussion. Ich muß den Namen anderweitig gehört haben . . . Was ist Ihre Sache?" „Es wird mir für mich, meine Frau und Tochter die Entschädigung für die Ueberfahrt nach Amerika verweigert." „Das ist Sache des Kollegen B.," sagte ich. „Er hält sich genau an die Direktiven, die wir aufgestellt haben. Vermuthlich >st Ihr Fall ein solcher, den er nicht berücksichtigen kann . . . Aber" — nun fiel mir Plötzlich bei, woher ich den Namen kannte — „Sie wollen ja gar nicht nach Amerika?!' Ein Berliner Augenarzt hatte mir von dem Manne erzählt- Er gehörte zu den Juden, die im Winter 1891 auf 1892 aus Moskau ausgewiesen worden waren. Das traf ihn deshalb minder hart als andere Schicksalsgenossen, weil er, der gut bezahlte, sehr tüchtige Buchhalter eines großen Geschäfts, in leidlich guten Verhältnissen war, auch seine Thätigkeit in Moskau ohnehin in nächster Zeit hätte unterbrechen müssen, denn er litt am grauen Staar und mußte sich einer Operation unterziehen. Zu diesem Zweck kam er nach Berlin und wandte sich an meine Bekannten. Der Arzt hatte mir zunächst den abenteuerlichen Namen für meine Sammlung seltsamer Judennamen des Ostens mitgetheilt und dann die Geschichte des Mannes erzählt. Er sagte ihm in jeder Hinsicht nur das Beste nach und freute sich sehr, daß sein Geschick eine günstige Wendung genommen habe. Der Mann hatte nämlich auf Empfehlung seines Chefs einen gleichfalls gut dotirten Posten in Warschau erhalten, den er nun demnächst antreten sollte. Dies alles sagte ich meinem Besucher. Er hörte, mich ruhig, unter bestätigendem Kopflücken an. Dann aber, nachdem ich geschlossen hatte, meinte er: „Ganz richtig, so ist es! Und dies alles habe ich auch Herrn B. mitgetheilt. Erstlich weil ich das Lügen überhaupt für unanständig halte, und ferner, weil dies alles an meinem Rechtsanspruch nichts ändert. Herr B. aber sragt mich: „Sind Sie in einer Nothlage?" Das habe ich der Wahrheit gemäß verneint; ich will ja kein Almosen, ich will mein Recht. Darauf hat er mich abgewiesen. . . Was sagen Sie dazu?! Ich aber bestehe auf dem, was ich zu fordern habe: mindestens 1350 Mark!" „Eine rechtlich begründete Forderung scheint mir das doch nicht..." sagte ich. „Dann müssen Sie mir gestatten, daß ich es Ihnen Nachweise." „Bitte!" „Also fürs Erste! Welche Aufgabe hat Ihr Komitee? Scheiden wir zwischen seiner offiziellen und seiner nichtoffiziellen Mission. Offiziell hat es die Aufgabe, den russischen Juden hilfreich zu sein, die flüchten müssen, weil sie in ihrer Heimath nicht mehr ihr Brod finden können." „Gewiß," sagte ich, „nur mit der Einschränkung, daß wir unsere Fürsorge nur denjenigen Juden zuwenden können, die in Folge der Ausnahmeverfügungen der russischen Regierung brodlos geworden sind . . ." „Wasser auf meine Mühle!" warf er sehr erfreut dazwischen. . . Und dies ist," schloß ich, „zugleich unsere einzige Mission, offiziell und nichtvffiziell." „Ich will Ihnen glauben," sagte er sehr höflich, „daß Sie das so ansehen. Sie gehören eben halb zn uns und halb zu den Anderen. . . gestatten Sie wenigstens, daß ich das so auffasse. Die Anderen, die hier in Deutschland geborenen Juden, schreiben Ihrem Komitee auch eine nichtoffizielle Mission zu: uns sobald als möglich los zu werden. Bestünde Ihr Komitee nicht, so würden wir ihnen aus die Dauer sehr lästig fallen; die Herren hätten nur die Wahl, entweder ruhig zuzusehen, wie uns die deutsche Regierung als Vagabunden über die Grenze schafft, und das wäre nicht hübsch für sie. oder sich darein zu finden, daß wir im Lande bleiben, um ihnen das zu verderben, was sie" — er lächelte — „ihre soziale Stellung nennen. . . Ich verlange von Ihnen," fuhr er rasch fort, „keine Aeußerung über diesen Punkt. Das ist eben meine Meinung. Und meine Meinung ist auch, daß Ihnen die Gelder, die Sie erhalten, hauptsächlich mit Rücksicht auf diesen nichtoffiziellen Theil der Mission zufließen, und zum geringeren

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