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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-04-25 · Heft 17 (25.4.1902) · p. Seite 200

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 17 (25.4.1902)
Date
1902-04-25
Page
Seite 200 (sequence 8)
Language
German
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200 die Ungeschichtlichkeit jener Erzählung von dem Kriegszug des Königs Amraphel und seiner Verbündeten gegen palästinische Vasallen zur Zeit Abrahams. Man nannte sie geradezu einen spätjüdischen Midrasch, verfaßt beinahe zweitausend Jahr? nach Abraham! (wenn Dieser überhaupt je gelebt habe!) Jetzt wird die Möglichkeit, daß uns hier wirkliche Geschichte aus zeitgenössischen Quellen berichtet wird, kaum noch bestritten. Man braucht auch »ur einen Blick auf die babylonisch, assyrische Geschichtschreibung zu werfen, um den unvergleichlich höheren Rang und Werth der biblischen zu erkennen. Jene besteht fast nur aus geist- und geschmacklosen Aufzählungen von Namen, mit denen die Könige selber in ruhmrediger Prahlerei der Nachwelt die Heldenthaten verkünden, die sie vollbracht haben wollen. Eine Niederlage hat natürlich nie Einer erlitten. Die babylonisch-assyrische „Geschichtschreibung" ist die armselige Sklavin asiatischer Despoten, eine Art großköniglicher Reklame, ein durchaus barbarisches Geistesprodukt ohne jeden höheren Gedenken. Damit vergleiche man die religiös durchdrungene, prophetische Bearbeitung der Geschichte Israels iu den Büchern Samuelis und der Könige mit ihrem unbestechlichen und unerbittlichen Urtheil über Volk und König. Hier spricht die Stimme der Wahrheit und das Urtheil der Geschichte. Weit reicher ist die Ausbeute an kulturgeschichtlichem Material. Das Leben und Treiben der Menschen jener Zeit tritt uns mit greifbarer Deutlichkeit aus den Ruinen entgegen. Wir können uns aus den vorhandenen Resten eine klare Vor» stellung machen, wie die Menschen vor vier» und fünftausend Jahren bauten und wohnten, wie sie Städte und Paläste anlegten, und wie es in ihren Häusern aussah; die bildlichen Darstellungen zeigen uns die Könige zu Hause und im Felde, auf der Jagd und im Schlachtgetümmel, an der Tafel und bei Empfängen, auf dem Thron und vor dem Altar. Wir haben die lehrreichsten Einblicke in die Verwaltung des Landes thun dürfen, wir lernen ein bis ins kleinste Detail ausgearbeitetes Recht, einen höchst ausgebildeten Geschäftsverkehr kennen, kurz, wirschen uns mitten hinein versetzt in ein reiches, vielgestaltiges Kulturleben, das sich besonders in den von Hnnderttausenden geschäftiger Menschen wimmelnden Riesenstädten Ninive und Babylon abspielt. Nichts kann die Haltlosigkeit der landläufigen Phrasen von der „Entwickelung" des menschlichen Geistes und der Kultur drastischer widerlegen. So weit wir die Geschichte des Menschen zurückverfolgen können, und das sind jetzt fast sechstausend Jahre, tritt er uns als Kulturmensch entgegen, der ebenso denkt und fühlt wie wir. Es ist ohne weiteres klar, wie außerordentlich das Verständniß des alten Testaments, dessen Gestalten sich inmitten dieser Verhältnisse bewegen, gewinnen muß, wie sie Farbe und Leben bekommen, wenn wir uns ihre ganze Umgebung vorstellen können. Aber verändert wird das Bild damit nicht. Im Gegentheil, wir erkennen jetzt erst seine Lebeuswahrheit- Während man früher eine Gestalt wie Abraham aus kulturhistorischen Vorurtheilen um das Jahr 2000 v. Ehr. für unmöglich hielt, können jetzt solche Bedenken nicht mehr in Betracht kommen. Als die Bibelkritik die Abfassung des Pentateuchs durch Mose zu bestreiten begann, war ein Hauptgrund dagegen, daß zu seiner Zeit die Schrift noch nicht erfunden gewesen sei. Jetzt wissen wir, daß schon weit über tausend Jahre vor Mose von der Schrift der ausgedehnteste Gebrauch gemacht wurde! So interessant es ist, die damalige Kultur bis in ihre intimsten Einzelheiten ans authentischen Zeugnissen kennen u lernen, wer mit derjenigen Phantasie begabt war, ohne die man sich überhaupt keine Vergangenheit gegenständlich machen kann, konnte sich das alles auch vorher denken. Wenn er nur nicht in dem dünkelhaften Wahn befangen war, daß die Menschen vor Tausenden von Jahren nothwendig Wilde gewesen sein müssen und erst wir es in aller Kultur so weit gebracht haben. Kleinigkeiten. Von Karl Emil Franzos. III. er Jude des Westens glaubt Grund zu haben, auf den Glaubensbruder im Osten herabzublicken, aber der Jul! des Ostens ist über den des Westens genau derselben Meinung. Er hält ihn nicht blos für minder fromm und in dn Wissenschaft des Judenthums ungelehrter als sich selber, sonder , auch für unbegabter und minder gut. Daß ihm der deutsch Jude ebenbürtig ist, wird er — ich spreche immer von de Masse, den Durchschnittsmenschen - nie zugeben. Noch meh; bei Vielen führt das Bewußtsein der Verschiedenheit fast zun grundsätzlichen Antagonismus. Dem Juden des Westens gegen über gilt Vielen gar Manches als erlaubt, waS sie sich gege > den östlichen Glaubensgenossen nie herausnehmeu würden. Das ist ebenso betrüblich wie der Hochmuth des westliche , Juden. Aber es hat seinen guten Grund. Die Verschiedenhe der Sprache, der Nationalität und der Kultur läßt Beide d, Bande vergessen, die sie mit einander verknüpfen. Der Jnd des Ostens hält sein Wissen für das tiefere; ein Mensch, dc nicht Talmud studirt hat, ist eben für ihn ein ungebildete Mensch. Seine Manieren gefallen ihm besser als die de westlichen Juden; er hält diese für geziert, den Christen a! geguckt. Hierzu kommt, daß Erziehung, geistige Atmosphäre die sittlichen Anschauungen, unter denen wir aufwachse! Jeden von uns bestimmen. Im Osten gilt vieles für erlaub was im Westen so verpönt ist, so daß es eben nur der Schlecht wagt. Ich könnte diese Andeutungen durch sehr, sehr viele Be spiele illustriren. Hier nur einige Kleinigkeiten aus einer überreichen Vorrath. Im Jahre 1891 verweilte ich irr Sachen der russische; Juden einen Tag in Krakau. Das Hotel, in dem ich wohnt, gehörte einem Christen, aber Portier und Oberkellner wäre Juden. Da ich tagsüber mit den Herren des dortigen Komitee viel im Hotel verkehrt hatte, so wußten die Bedienstete, natürlich ganz genau, zu welchem Zwecke ich nach Kraka: gekommen sei. Im Morgengrauen des nächsten Tages sollte ich,»an Lemberg weiter, erbat also schon am Abend zuvor mein, Rechnung, erhielt sie jedoch nicht. Sie wurde mir erst unmittelbar vor der Abreise in der Portierloge präsentirt. Die Rechnung war mindestens ebenso hoch, als hätte ich in ersten Hotel einer Weltstadt einen Tag verbracht, aber darüber

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