Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1902)
- Date
- 1902-04-25
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber dies Interesse erklärt sich nicht lillein aus dem geheimnißvollen Zauber, der die Gestalten der biblischen Geschichte von Kindheit an umwebt. „Zu diesen Er» nnerungen der Jugend gesellt sich in reiferem Alter das gerade n unserer Zeit jedem Denkenden sich aufdringende Ringen nach iner Vernunft wie Herz befriedigenden Weltanschauung. Dieses führt aber immer wieder hinzu der Bibel, in rster Linie zum alten Testament... soviel steht fest, daß, oenn erst die Summe der gewonnenen neuen Erkenntnisse, die Schranken der Studirzimmer durchbrechend, hinaustritt in das .'eben, in die Kirchen und in die Schule, das Leben der Menschen und Völker tiefer erregt und bedeutsameren Fortchritten zugesührt werden wird als durch alle modernen Entdeckungen der Naturwissenschaften zusammen." Dies ist das Bekenntnis) vieler ernster und männlicher Geister, die in den Errungenschaften der Naturwissenschaft und der durch sie geförderten, materiellen Kultur nur einen untergeordneten Geivinn für die Menschheit sehen und den sittlichen Fortschritt ür ihre wahre Aufgabe halten. Es ist zugleich das für uns werthvolle Geständnis;, daß das Judenthnm und seine heilige Schrift ihre Rolle noch nicht ausgespielt haben. Die Bibel aber, meint D„ können wir nicht ganz verstehen, ohne Babel zu kennen, diesen Brennpunkt von Kultur und Wissenschaft und Litteratur, das Hirn Vorderasiens, die alles beherrschende Macht, die Babylon bereits seit dem Ausgang des dritten Jahrtausends war. Mau kann den Gewinn, den die Assyriologie für die Bibel erbringen soll, nach vier Beziehungen betrachten: nach der sprachlichen, nach der politisch-geschichtlichen, nach der kulturgeschichtlichen und nach der religionsgeschichtlichen. In dem Babylonisch-Assyrischen ist eine Sprache bekannt geworden, welche mit der hebräischen außerordentlich nahe verwandt ist. Sie ist der älteste Zweig der semitischen Sprachfamilie und durch eine Litteratur vertreten, welche die im alten Testament vorliegende hebräische bereits jetzt um das Vielfache übertrifft. Nun aber hat unsere Kenntniß der hebräischen Sprache noch viele Lücken. Sv giebt es Hunderte von Wörtern, die im ganzen alten Testament nur je einmal vorkomme», und von deren Bedeutung es keine sichere Tradition giebt, deren Sinn wir also nur errathen können. Es ist zum Beispiel unmöglich, das Buch Hiob in allen Theilen mit Sicherheit zu übersetzen, und in manchen Versen und Versgruppen verstehen wir auch nicht ein Wort. Die vielen Uebersetznngen, die es nichtsdestoweniger giebt, sind nur Nothbehelfe. Hier kann die Vergleichung mit den verwandten Dialekten ausgezeichnete Dienste leisten. Früher standen dafür im Wesentlichen nur das Arabische und die verschiedenen späteren aramäischen Idiome zu Gebote, mit dem Babylonisch-Assyrischen ist ein hervorragendes Hilfsmittel hinzugetreten. Diesen Gewinn halte ich für den reellsten, denn die sichere Erklärung eines einzigen bisher dunklen Wortes oder Verses im alten Testament ist niehr werth als ein ganzer Stoß von Werken über die Geschichte Israels und seiner Religion, die als vergängliche subjektive Darstellungen über kurz oder lang ja doch Makulatur werden. Aber schon hier ist große Vorsicht geboten. Die Lesungen der keilinschriftlichen Texte sind durchaus nicht immer sicher, die Bedeutungen der Wörter stehen keineswegs überall fest, die Erklärungen der Gelehrten gehen oft weit aus einander, und nicht selten erweisen sich mit großer Bestimmtheit vorgetragene Uebersehungen als total falsch, und die weittragenden daran geknüpften Folgerungen zerplatzen als Seifenblasen. Gerade Professor Delitzsch hat mit seinen Aufstellungen bei den eigenen Fachgenossen vielen Widerspruch erfahren. Dennoch darf man dem von ihm schon seit langem in Aussicht gestellten, nach den Ergebnissen der Assyriologie bearbeiteten hebräischen Wörterbuch mit großen Erwartungen entgegensetzen, nachdem er uns eben erst eine Uebersetzung und Erklärung des Buches Hiob, in der das Assyrische öfter mit Glück herangezogeu ist, gegeben hat. Durch die babylonisch-assyrischen Ausgrabungen sind ferner viele Dokumente aus der politischen Geschichte der Völker bekannt geworden, mit denen die Geschicke Israels viele Jahrhunderte lang auss Engste verknüpft waren. Wir kennen jetzt den geschichtlichen Hintergrund, auf dem sich die Gestalt Abrahams abhebt. Denn wir haben ziemlich eingehende Nachrichten über einen babylonischen König, der für einen Zeitgenossen Abrahams gehalten wird, den mächtigen König Hammurabi, der Niemand anders sein soll als der biblische Amraphel, König von Sinear, der in der Geschichte Abrahams vorkommt (Een. c. 14). In die Zeit Moses und Jvsnas führt uns der Thvntaselfund von El-Amarna, der die politische Korrespondenz verbündeter asiatischer Könige, und, was wichtiger ist, palästinischer Vasallen und Präsektsn mit den ägyptischen Königen Amenvphis III. und IV. enthält. Dieser Briefwechsel wirft ein Helles Licht auf die Zustände Palästinas im 15. Jahrhundert kurz vor der Einwanderung der Israeliten unter Josua. Wir sehen unter anderem, daß schon damals die Stadt Jerusalem eine dominirende Stelle im Lande einnahm. Von ihrem Statthalter Abd-Chiba sind sieben Briefe erhalten, die das Berliner Museum besitzt. Eine nächtige Rolle in den Briefen der Statthalter spielen die erobernd in das Land eindringenden Habiri, unter denen man, allerdings unter mehrfachem Widerspruch, wie er in dieser Wissenschaft kaum einer Aufstellung erspart bleibt, die Hebräer verstehen will. Bereits früher anfgefuuden sind zahlreiche Inschriften aus der Zeit, wo die Reiche Israel und Juda in naher Beziehung zu Assyrien standen. Es ist das namentlich die Zeit der Könige Salmanassar, Tiglat-Pileser, Sargon und Sanherib, der Zeitgenossen eines Amos und Jesaja, der letzten Könige von Israel, der Könige von Juda Hiskias und seiner Nachfolger. Wir kennen ferner jetzt viel genauer die kriegerischen Unternehmungen Nebukadnezars, der dem jüdischen Reich ein Ende machte, und die Politik des Cyrns, der den Inden wieder die Heimkehr in ihr Land gestattete. All dies ist höchst dankenswerth, denn es setzt uns in den Stand, die Geschichte Israels in einen allgemeinen Zusammenhang einzugliedern, die politischen Ursachen in dem Wechsel seiner Geschicke besser zu verstehen und die biblische Chronologie zu kontroliren, vielleicht auch hier und da zu rektisiziren. Aber an der Wahrheit und Treue der biblischen Ueberlieferung wird damit im großen Ganzen nicht nur nichts geändert, sondern sie hat sogar eine glänzende Rechtfertigung erfahren. So stand z. B. der Bibelkritik jahrzehntelang nichts ^ster als