Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1902)
- Date
- 1902-04-25
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
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1S6 vorgelegten Rekrutirungstabellen läßt sich die alte, von den russischen Militärbehörden immer von Neuem gegen die Juden erhobene Anklage, als seien Diese mit ebenso viel Eifer wie Geschick bestrebt, die von allen russischen Bürgern gleichmäßig zu tragende Militärlast von sich auf Andere abzuwälzen, einmal gründlich auf ihre Richtigkeit prüfen. Neben der „jüdischen Ausbeutung" und der.Blntbeschuldigung bildet obige Anklage eine der wichtigsten Waffen aus der Rüstkammer der russischen Antisemiten, und wie die „jüdische Ausbeutung" sie vom sozialen, die Blutbeschuldigung vom religiösen, so ist die Anklage der Militärentziehung dazu bestimmt, die Juden vom politischen Standpunkte aus herabzusetzen. Daher haben die Herren Dragomirow. Wannowski und die anderen russischen Antisemiten in Generalsnniform die angebliche Scheu der „Hebräer" vor des Kaisers Rock stets lebhaft betont, um sie so beim Zaren zu verleumden und Diesen zum Erlaß von immer schärferen Ausnahmegesetzen gegen seine treuesten, ruhigsten und harmlosesten Unterthanen zu reizen gewußt. Die Widerlegung der Anklage der Militärentziehung ist deshalb für die russischen Juden von großer Bedeutung. Bei der Prüfung der vom Minister in seinem Berichte niedergelegten Daten darf nicht unberücksichtigt bleiben, daß in Rußland Bevölkerungs- und Militärstatistik zwei nicht ohne weiteres mit einander zu vergleichende Größen sind. Es leben in Rußland viele Millionen Menschen, die, obgleich vollberechtigte russische Bürger, doch der Militärpflicht entweder gar nicht unterworfen sind, oder zur Erfüllung derselben nach anderen Normen als die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung herangezogen werden. Zn den gänzlich Militärfreien gehören die Eingeborenen von Russisch-Centralasien, die in Südwestsibirien nomadisirenden Kirgisen sowie die Gebirgsstämme des Kaukasus. Diese sowie die 2-/4 Millionen zählenden anders rekrutirenden Kosaken müssen vorweg in Abzug gebracht werden. Der so außer Betracht gesetzte Theil erfaßt demnach eine Bevölkerung von 25 Millionen Menschen, die im ganzen asiatischen Rußland nur 91000 Militärpflichtige und kaum mehr als 24 000 Soldaten gestellt hat. Die 34000 Juden Sibiriens und die 58000 Juden des Kaukasus wurden mit 947 Militärpflichtigen und 256 Soldaten vollauf zur Militärpflicht herangezogen. So wenig trägt die eingeborene nichtjüdische Bevölkerung von Russisch-Asien zur Komplettirung des russischen Heeres bei, daß in der kaukasischen Provinz Dagestan die Bergjuden als die vornehmsten Träger des russischen Militarismus erscheinen. Sie stellten allein 166 Militärpflichtige und 48 Soldaten, während die gesammte übrige Bevölkerung einschließlich der eingewanderten Christen zusammen nur 71 Militärpflichtige und 21 Soldaten stellte. Gehen wir nun zum europäischen Rußland über, mit dem wir uns im Folgenden ausschließlich befassen müssen, so überrascht uns sofort die Thatsache, daß seine nichtjüdische Bevölkerung mit 97 134 000 Seelen nur 891 872 junge Männer im Alter von 21 Jahren hatte, während die 5 083 000 Juden 55 416 solche junge Leute im militärpflichtigen Alter aufbringen konnten. Rechnet man diese Zahlen genauer aus, so erfährt man, daß auf je 100000 Einwohner die Nichtjuden nur 818,18, die Juden dagegen 1090,16 Militärpflichtige hatten. Um im Jahre 1881, da die jetzt militärpflichtig gewordene Generation geboren wurde, so viel Kinder erzeugen zu können, müßten die Juden damals bereits 5935000 Seelen stark gewesen sein, während sie nach den Ergebnissen der Volkszählung von 1897 selbst 17 Jahre später nicht viel über 5 Millionen zählten. Mau müßte zu der absurden Annahme einer abnormen Kindersterblichkeit unter der nichtjüdischen Bevölkerung Rußlands oder zu der ebenso unwahrscheinlichen Erklärung seine Zuflnch nehmen, die jüdische Bevölkerung Rußlands habe in der 17 Jahren, — trotz der natürlichen Vermehrung, um fast eine Million abgenommen. Andernfalls bleibt zwischen den Angaben der Militärstatistik und den Resultaten der Volkszählung eine unüberbrückbare Kluft bestehen. Ein Vergleich der Zahl der von den Juden und den Nicht juden geforderten Soldaten ergiebt zur Evidenz, am welcher Seite hier der Jrrthum vorliegt. Von Ersteren wurden 18 529, von Letzteren nur 260 759 Soldaten gefordert. Um die an sie gestellten Ansprüche ohne besondere Austrengung befriedigen zu können, müßten die Juden nicht, wie die Volkszählung ergeben hatte, 5,08 Millionen, auch nicht, wie die Militärbehörden, bei Feststellung der Zahl der jüdischen Militär- Pflichtigen offenbar irrthümlicherweise angenommen hatte, 5,93 Millionen sondern weit mehr, nämlich 6 900 000 Seelen zählen. Hier widersprechen sich die Angaben der Militärbehörden selber, wodurch sie beide als völlig unzuverlässig erscheinen. Ein weiterer Blick auf die vom Minister des Innern vorgelegten Zahlen belehrt uns, das hier kein bona Käs begangener Jrrthum, sondern ein Akt reinster Willkür vorliegt, von den Militärbehörden mit voller Absicht verübt, um die Zahl der jüdischen Soldaten über Gebühr zu erhöhen. Berechnet man nämlich die Zahl der voll je Tausend Gestellungspflichtigen ausgehobenen Soldaten, so kommt man aus die ganz überraschende Thatsache, daß die russische Militärbehörde hier mit zweierlei Maß mißt. Während sie von je 1000 militärpflichtigen jungen nichtjüdischen Männern nur 292,41 dem aktiven Heere einverleibt, werden von ihnen, wenn sie Juden sind, je 334,36 zum Militär genommen. Die russischen Juden, die bekanntlich nichts taugen, werden also doch sehr bevorzugt, wenn man Leute braucht, um Thron und Altar, Kaiser und Vaterland zu vertheidigen. Nicht der Prozentsatz ihrer Bevölkerung, nicht auch die Zahl ihrer militärpflichtigen jungen Leute, einzig und allein der Wille der Behörden ist bei der Bestimmung der Zahl der von den russischen Juden alljährlich zu stellenden Soldaten maßgebend. Nicht viel anders geht es in Persien oder bei den von den türkischen Beamten vorgenommenen Aushebungen unter den Fellachen in Syrien und Mesopotamien zu. Durch die Erhöhung der Zahl ihrer Gestellungspflichtigen auf 1090,16 gegen 918,18 bei den Nichtjuden wurde die Zahl der 1901 zur Erfüllung ihrer Militärpflicht einberufenen Juden um volle 8,742 --- 2556 Soldaten, infolge der Erhöhung der voll 55,416 jüdischen gestellungspflichtigen auszuhebenden Soldaten von 292,41 pro Mille auf 334,36 erfuhr die Zahl der von den Juden zu stellenden Soldaten eine weitere Erhöhung um volle 2,324. Im Ganzen wurde den Juden Rußlands eine im Vergleich zu ihren nichtjüdischen Mitbürgern erhöhte Militärlast von 4860 Soldaten auferlegt! Wie es die Behörden anfangen, den armen Juden eine so unerschwingliche Blutsteuer aufzulegen, wird zum Theil wohl ihr eigenes Geheimniß sein. Von den beiden Faktoren, durch welche in Rußland die Zahl der von einer gewissen Religionsgemeinschaft zu stellenden Soldaten bestimmt wird, liegt der eine, nämlich die in den Matrikelbüchern feststehende Zahl der