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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-04-25 · Heft 17 (25.4.1902) · p. Seite 195

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 17 (25.4.1902)
Date
1902-04-25
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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Da aber festgestellt sei, daß dies beim Angeklagten nicht der Fall gewesen sei, so sei mit Recht auf Freiprechung erkannt worden. ö In Rumänien scheint es stark zugähren. Die Regierung teht, wie man aus Bukarest schreibt, vor einer schweren Entcheidung. Scheinbar ist im liberalen Lager Stille, in Wirklichkeit herrscht eine kochende innere Aufregung. Die Regierung 'teht sehr schlecht infolge der durch das Handwerkergesetz selbst geschaffenen Situation. Man glaubt durch lügenhafte Dementis alle Thatsachen aus der Welt zu schaffen. Täglich konferiren die Minister, ob nun im offiziellen Ministerrathe oderprivat, über die Lage. Die ausländische Finanzwelt inacht ungeheure Schwierigkeiten in Bezug auf die Konversion von 175 Millionen Francs. Was soll nun die Regierung thun? Die Regierung kann das selbst geschaffene Handwerkergesetz nicht zurückziehen, nnd sich selbst will sie nicht zurückziehen, was das Gescheiteste wäre. Die Würfel sind im Rollen. Wer weiß, wie sie fallen werden! Inzwischen wird die Frage der Judenauswanderung aus Rumänien immer dringlicher. Es geht uns dazu aus Bukarest der Text eines keiner weiteren Kommentare bedürftigen Manifestes der „^sooiatia meseriasilor Lvrei in capitata" (Vereinigung der hauptstädtischen hebräischen Handwerker) zu, welches in getreuer Uebersetzung wie folgt lautet: „Israelitische Handwerker! Es ist angezeigt, daß wir uns ein für allemal über die Lage klar werden, in der wir, die rumänischen Israeliten, uns hierzulande befinden. Ungezählt sind die gegen uns geschaffenen Gesetze. Alle angeblich gegen die Fremden erlassenen Gesetze sind nur auf uns angewendet worden. Obgleich im Lande geboren, gelten wir doch als Fremde, aber als Fremde ohne Schutz, als eine Klasse von Menschen, die nur dazu da ist, um von Jedermann nach Belieben ausgebeutet zu werden. Wenn wir aber dagegen zu protestiren versuchen, so antwortet man uns mit einem 23. November nnd einem 16. Mai. (Die Jahrestage der letztjährigen Antisemitenkrawalle. Am», d. Ned.) Für die Armee und sür die Besteuerung sind wir Rumänen; wenn es sich aber nm Schule» nnd Versammlungen handelt, sind wir es nicht. Nachdem man uns aus den Dörfern weggejagt hat, findet man, daß wir in den Städten allzu zahlreich geworden sind. Bei Votirung des Gewerbegesetzes hatte ein Herr Deputirter vorgeschlagen, daß wir als Solche, die kein anderes Vaterland habe», aus der Masse der Fremden ansgeschieden werden; die Regierung aber hat sich dem widersetzt. Später hat der Herr- Domänen minister in einer Sitzung der Handelskammerdelegirten allerdings erklärt, daß wir in die Rubrik der rumänischen Nationalität einzureihen seien; ein anderer Herr Minister hat aber uns verboten, Versammlungen zu halten, obgleich die Konstitution dieses Recht den Angehörigen der erwähnten Rubrik verbürgt. Die Freiheit des Kultus ist Allen, mit Ausnahme Derjenigen ohne Nationalität, garantirt. Am Samstag, 23. März (5. April) 1902, hat uns aber zur Zeit des Abendgebetes in der Baron-Hirsch-Synagoge die Polizei durch ihre Organe im Namen der Gesetze und Sr. Majestät des Königs verjagt, Zur Unterbrechung der Gebete gezwungen, haben wir die Synagoge verlassen müssen, von Redensarten trivialster Art begleitet, welche der betrefsende Polizeikommissar an die Adresse unserer Religion gerichtet hat. Die Polizei schickt uns zur Einschreibung in die InZu nationale regierungsfreundliche Handwerkervereinigung), Herr Bratescu (Führer der oppositionellen Handwerkerbewegung) droht uns aber mit Verwüstungen, ivenn wir nicht zu ihm kommen. Alle fürchten, daß wir auswandern, weil sie dann Niemandeil mehr haben, den sie ausbeute» können. Aber wir sind solcher Liebe überdrüssig, überdrüssig so vieler Erniedrigungen. Wir wollen als Menschen leben, und wenn wir das hier nicht können, so werden wir es anderwärts thun, was uns auch möglich ist. Keine Freiheit, und kein Brod? Wir wollen aber Beides. Das ist der wahre Grund für die Auswanderung der in Rumänien geborenen Israeliten." Wie man uns aus Köln berichtet, fand daselbst am 16. d. M. eine Konferenz in Sachen der rumänischen Auswanderer statt, deren Resultate selbstverständlich bald bekannt gegeben werden sollen. 4 Die Aussichten für die Inden in Südafrika erweisen sich unter dem neuen Regime günstiger, als man dies bisher geglaubt hatte. Die letzte Nummer des .lervisti Oironiele bringt einen sehr interessanten Bericht über ein Interview mit dem Rabbiner Dr. Hertz in Johannesburg, der von Lord Milner zum Mitglied des berathenden Komitees gewählt worden ist. Nach der Ansicht dieses kompetenten Beurtheilers bilden gerade die russischen Juden in Transvaal ein Bevölkernngselement, welches sich am besten den Verhältnissen assimilirt und dem Lande nur zum Nutzen gereichen kann. Von den Vorwürfen, die inan den dortigen Juden macht, sind nach den Ausführungen des Dr. Hertz die meisten unberechtigt. Weder bilden die Juden den reichsten Theil der Johannesburger 8toek LxebkMK-e, noch haben diese das verbotene Branntweingeschäft besonders gepflegt. Von 320 Uebertretungen auf diesem Gebiete im letzten Jahre kommen noch nicht 20 auf Juden. Genau so geht es auch mit den anderen Anklagen, die man gegen sie erhebt. Der Antisemitismus ist in Südafrika nur eine importirte Pflanze, die auf dem Boden des Landes nicht wird gedeihen können, wenn alle betheiligten Faktoren mit Entschiedenheit daran gehen werden, die ökonomische Lage zu verbessern. Vor dem Kriege lebten daselbst 25 000 Juden; von diesen waren in Transvaal selbst 15—16 000, 7500 in der Kapkolonie und der Rest in Natal, Rhodesia und den anderen Gebieten. Die Lage derselben hat sich während der Kriegszeit natürlich sehr verschlechtert. Aber es ist zu hoffen, daß sie unter der britischen Herrschaft, wo sie die volle bürgerliche Freiheit genießen, die sie unter den Buren nie hatten, wieder zur Ruhe gelangen werden. Die Zahl von 25 000 Juden unter mehr als 850 000 Andersgläubigen ist gewiß keine allzu große. Es ist deshalb begreiflich, wenn man unter den veränderten Verhältnissen Südafrika als ein sür weitere Kolonisation besonders geeignetes Gebiet ins Auge zu fassen geneigt ist. (9 Die russischen Juden als Soldaten. Von Paul Dimidow. ^l^it einer bei einem russischen Beamten anerkennenswsrthen Beschleunigung hat der russische Minister des Innern am 31. Januar dem Kaiser Bericht über die Ergebnisse der Nekrntirung pro 1901 erstattet. Das in Nummer 34 des „Regierungsboten" veröffentlichte Aktenstück darf diesmal um so größeres Interesse beanspruchen, als kurz vorher die Ergebnisse der 1897 zum ersten Male in ganz Rußland auf wissenschaftlicher Grundlage vorgenommenen allgemeinen Volkszählung bekannt gegeben wurden. Durch den Vergleich dieser Ergebnisse mit den vom Minister dem Kaiser

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