Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1902)
- Date
- 1902-04-25
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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IS4 Diese Idee liegt allen jenen Vereinigungen zu Grunde, die Handwerk und Bodenkultur unter unserer Glaubensgemeinschaft fördern sollen; von dem gleichen Gedanken ließen sich auch jene Männer leiten, die den „Hilfsverein der deutschen Juden" ins Leben riefen, um durch die That zu bekunden, wie sehr wir bestrebt sind, deutsche Bildung und deutsche Sitten auch über die engen Grenzen des Vaterlandes zu verbreiten, und der nämliche Geist durchwehte auch die Verhandlungen des letzten Gemeindetages, der durch seine Beschlüsse es anerkannt hat, das; es nicht blos genüge, über den religiösen Verfall zu klagen, sondern auch energisch ihm eutgegenzusteuern. Auch das Preisausschreiben für ein Werk, welches „das Wesen des Judenthums" darstellt, können wir nur auf die gleiche Erwägung zurückführen, daß wir nicht blos Behauptungen aufstellen, sondern auch wirkliche Thaten vollbringen wollen. Wir können hier nicht alle Werke und Vereine, alle Unternehmungen und Institute aufführen, die dem gleichen Zwecke dienen und dasselbe Ziel, wenn auch auf verschiedenen Wegen verfolgen. Nur die zahlreichen Vereine für jüdische Geschichte und Litteralur in allen Theilen unseres Vaterlandes wollen wir noch hervorheben, weil gerade diese Institution am Meisten geeignet ist. uns für den Kamps gegen die Gegner zu stählen, uns Muth und Trost in der Stunde der Gefahr zu spenden, zugleich aber auch unser Selbstbewußtsein zu haben, unsere Bekenntnißtrene zu stärken, uns Stolz und Achtung, Liebe und Anhänglichkeit zum Judenthum und seiner Lehre einzuflößen. denn nur auf diesem Wege gelangen wir zur Selbstzucht und zu jener sittlichen Höhe, die als das Ideal der israelitischen Gemeinschaft stets gegolten hat. Diese Selbstläuterung, Verbesserung und Veredelung, diese Selbstzucht, wie wir sie üben, muß und wird zum Ziele führen. Sie kann nicht ausbleiben die Zeit, wo Allen zur Gewißheit wird, daß Gott für uns streitet, daß aus unserer Seite das Recht und die Wahrheit sind. In dieser Hoffnung möge das Fest uns bestärken! Die Woche. Berlin, 20. April. ie in Centrumskreisen verlautet, dürfte künftighin der Abgeordnete Bachem die führende Stellung in der Centrumspartei einnehmen. Abgeordneter Bachem gehörte zu den Vertrauten Liebers und theilte dessen Anschauungen in vollem Umfange, so auch in Bezug auf die Gleichberechtigung der Religionsbekenntnisse und — den Antisemitismus, als dessen Gegner sich der Abgeordnete Bachem stets öffentlich bekannt hat. Es war in der Zeit der schlimmstell Hetze, als Dr. Bachem im Reichstage nach einer Rede Liebermanns v. Sonnenberg erklärte: „Wir bedauern es im höchsten Maße, daß über die Judenfrage in einem solchen Ton und Geist hier gesprochen werden darf, der in hohem Maße mit den Grundsätzen der Christenliebe in Widerspruch steht, die wir niemals außer Acht lassen sollten, und der zur Lösung der bestehenden Mißstünde nichts beitragen kann." Dieser Anschauung ist der Abgeordnete Bachem auch treu geblieben, trotz aller höhnischen Angriffe von antisemitischer Seite. 4 Das 50jährige Regierungsjubiläum des Großherzogs! von Baden hat weit über den Kreis des Großherzogthums! Baden hinaus Bedeutung, weil dieser Fürst selbst in kritischen Zeiten stets das Banner der Humanität hochgehalten Han Hatte er doch den Muth, trotz aller Angriffe einen Juden zun Finanzminister zu berufen und Diesen Jahrzehnte hindurch zn behalten. Auch daß die Universitäten des „Musterländle" Baden die Geistesfreiheit gegenüber dem Ansturm der Dunkelmänne mit Erfolg vertheidigten, ist dem Großherzog zu verdanke: Heidelberg und Freibnrg i. B. sind die einzigen Universitäten an denen auch im letzten Jahrzehnt Inden in ordentlich? Professuren berufen worden sind. In jüngeren Jahren stan der Großherzog, wie Berthold Auerbach berichtet, im Vorder gründe des Kampfes gegen den Antisemitismus. Er kann! im Umgang mit Dichtern und Gelehrten kein Hofceremoniell Es liest sich interessant bei Auerbach, wie der Großherzog be einen: Besuche dem leidend auf dem Sopha liegenden Dichte Math zuspricht. Eine Berliner Begegnung zwischen den Großherzog und Auerbach schildert der nachfolgende Brief de Letzteren an seinen Vetter Jakob Auerbach in Frankfurt a. M der vom 26. März 1881 datirt ist: „Ich lege Dir einen Brief des Großherzogs von Baden bei, de! er mir gestern durch einen Lakaien schickte, der aus Antwort warteb Das ist ganz gegen Hofform, fragen, ob man kommen und selbs schreiben. ... Wir sprachen von dem Ungeheuerlichen, der Ermordum des Kaisers Alexander. Ich sagte, daß die Art, wie die Jndenhetz fort und fort inszenirt wird, auch ein Werfen von Dynamitbombei ist. Aber der Großherzog hofft, daß das bald wieder vorüber sei obgleich er die tiefen Schädigungen, die das Volk damit erleide, voll kommen erkenne. Die Stunde verstrich, und nach seiner lieben, wahr Haft innigen Art, mich als den alten Herrn betrachtend, ging er mi in das Vorzimmer.... Dort traf ich die Grobherzogin. Als wi uns eben gesetzt hatten, kam die Kaiserin. .. . Ich legte nun dar, wi tief ich im Gemnth gestört sei durch die Iudenhetze. Die Großherzogii sagte: „Glauben Sie mir, diese häßliche Sache ist nur in Berlin Und auch hier ist sie nur vorübergehend," fiel die Kaiserin ein, „Berlin, treibt über Nacht, man weiß nicht woher, eine Pflanze aus. am andere. Tag ist sie wieder vergangen und sie hat keine Wurzel." Die Kaisern, wiederholte, wie unablässig wohllhuend die Juden sich bewähren, und wie sie selber vor Kurzem das jüdische Altersversorguugshaus besuch! habe, wie sie nächstens das jüdische Krankenhaus besuchen wolle." Großes hat der Großherzog von Baden in großer Zeü geleistet. Ein frohes Alter möge sein Lohn sein! * Der famose Graf Püekler beschäftigte vor Kurzem wiede einmal das Reichsgericht. Nachdeu ein freisprechendes Urthea des Landgericht I in Berlin auf die Revision des Staat? anwalts aufgehoben worden war, bat das Landgericht II m 19. Dezember v. I. den Grafen abermals von der Anklage verschiedene Bevölkerungsklassen zu Gewaltthätigkeiteu gegen einander aufgereizt zu haben, freigesprocheu. In zwei Volksver sammlungen hatte der Angeklagte die Anwesenden aufgeforden die Juden zu verhauen. Der Allgeklagte behauptete, er hal seine Rede nur durch kräftige Worte würzen wollen. Da i Gericht hat auch nicht als erwiesen angesehen, daß er da! Absicht gehabt hat, die Zuhörer zu Gewaltthätigkeiteu gegea die Juden aufzureizen. Schon seine Uebertreibungen, so heiß es in dem Urtheile, beweisen, daß seine Worte nicht ern gemeint waren, sondern nur scherzhaftes rednerisches Beiwera bildeten. Die Zuhörer lachten darüber. Auch der überwachend Polizeibeamte fand nichts darin. Der Angeklagte ist eine meh impulsiv handelnde und nach Befriedigung seiner rednerischen! Eitelkeit suchende Natur und hat nicht daran gedacht, daß seiw j Worte nach außen hin wirken könnten. Gegen das frei