Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1902)
- Date
- 1902-04-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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6. Jahrgang. Nr. 17. Allgemeine Berlin, 25. April 1902 eitung öes Auöenlhuins. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D*. Ludwig Philippson-Äonn. Verlags-Crpe-itron: Lerlm, Ferusalemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Redacteurr Gustav Karpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin Jerusalemer Straße48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Injsölt. Leitartikel: Festgedanken. — Die Woche. — Die russischen rden als Soldaten. Von Paul Dimidow. - Das Iudenthum und die h gebnisse der Assyriologie. Von Rabbiner Dr. B. Jae ob in Göttingen. II. Feuilleton: Kleinigkeiten. Von Karl Emil Franzos. III. — Aus d n Tagebuche eines jüdischen Sträflings. Von Dr. A. Ackermann in L andenburg a. H. — Literarische Mitlheilungen. Der Gemeindedote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, hlochau, Lobsens, Breslau, Natibor, Hameln, Hamburg, Ems, Aus der > einprovinz, Wien. — Don Nah und Fern. — Miscellen. — Geschäftliche 9 otizen. Festgedanken. Berlin, 24. April. 4l^>in ergreifendes Bild ist es, das uns der siebente Tag unseres Festes entrollt. Das eben erst befreite Israel sieht von Neuem seine ihm kaum noch gewordene Freiheit gefährdet. Finstere, drückende Nacht über ihm, Verrichtung drohende Wogen vor ihm, racheschnaubende Verfolger h nter ihm, so glaubt es sich unrettbar den Händen seiner fände ausgeliesert. Damals, in ihrer verzweifelten Lage, wird >uis erzählt, waren die Israeliten nicht einig, was sie zu bee nnen hätten, und vier Parteien bildeten sich. Die Einen s hlugen vor, den Tod im Wasser zn suchen, die Andern ins ägyptische Sklaventhum zurückzukehren, eine dritte Partei eri ahnte, ruhig den Kampf mit dem Feinde zu versuchen, und > jeder Andere glaubten genug zu thun, daß sie klagten und I «zweifelt aufschrien. Da erblickte diese zuletzt' gezeichnete artei plötzlich Moses, und sie wandte sich an ihn mit der s> irmischen Frage: „O unser Lehrer und Meister, was sollen >nr thun?" Der Angeredete entgegnete mit «nächtiger Stimmest daß es durch die Reihen drang: „Seid standhaft! Dann! .nicht ihr euch nicht in die Fluthen zu stürzen und auch u ht nach Aegypten znrückkehren. Gott wird für euch streiten, » :d ihr schweiget!" Ob das Bild, wie es aus Israels Jugendgeschichte uns v r die Seele tritt, in so manchen Zügen nicht auch heute noch sich zeiget? Ob «vir nicht die vier streitenden Parteien auch >>! heutigen Judenthum wiederfinden können? Giebt es doch v:ele in unserer Mitte, die es ruhig Hinausrufen: „Ehe ewig d i« Fluthen und Wogen des Hasses ausgesetzt zu sein, lasset n s unsere unvergleichliche, ruhmreiche Vergangenheit ver- >k ignen und preisgeben das Geschenk von Sinai." Und auch d Andern fehlen nicht, die entweder ruhig alles über sich n utzen lassen möchten ohne Kampf und Gegenwehr, oder allein ans ihre Kraft und Macht bauen. Ihnen allen gilt das für d e Ewigkeit niedergeschriebene Wort: „Seid standhaft! Gott streitet für euch, und ihr schweiget." Mit Denen, die zag und furchtsam gar schnell ihreUeberzeugung wechseln und der herrschenden Gewalt des Tages huldigen, die da um gewisser Vortheile willen, und wäre es auch nur um den Verfolgungen und Verleumdungen der Gegner zu entgehen, sich ruhig „ins Wasser" hineinbegeben und sich dadurch selbst dem moralischen Tod überliefern, gilt es freilich nicht zu rechten. Uns Andere will aber das Fest zum inuthigen Ausharren aneifern, indem es uns die siegreiche Gewißheit bringt: „Der Herr wird für euch kämpfen." Nicht zur Thatenlostgkeit will uns dieser Satz etwa aufmuntern, daß wir allen Anfeindungen gegenüber die Hände in den Schoß legen und müßig und sorglos die Hilfe von oben erwarten. Wie wenig dies wirklich die Absicht sein kann, belehrt uns ja der Festabschnitt selbst. Als Moses, durch die verzweifelten Angstrufe des Volkes für einen Augenblick selbst unmuthig geworden, zum Himmel flehte, da rief ihm Gott zu: „Was flehest du zu mir, sprich zu Israels Söhnen, daß sie aufbrechen!" Was anders kann damit gesagt sein, als daß das Volk den ersten Schritt zur Errettung und Befreiung selbst thun müsse? Das ist ein wohlzubeachtender Fingerzeig für die Gegenwart, für Viele in unserer Mitte, die in einem gewissen Fatalismus auf jede eigene Arbeit verzichten und Hilfe von Oben erwarten. Auch die Aufforderung „Gott kämpfen zu lassen" widerspricht nicht diesem Gebote der Selbsthilfe, nur daß uns hier die Waffen gezeigt werden, mit denen wir kämpfen und uns rüsten sollen. „Gott soll für euch kämpfen," d. h. für uns: unserer Vertheidigung, mit der wir allen Feinden begegnen wollen, muß zunächst die eigene religiös-sittliche Läuterung vorangehen. Die schönste Widerlegung aller gegen uns erhobenen Anklagen geschieht am besten dadurch, daß wir Judenthum gleichbedeutend sehen mit Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, mit Nächstenliebe und Sittlichkeit. Das dürfen wir keinen Augenblick außer Acht lassen, nimmer vergessen, daß mehr als durch Worte wir mit Thaten für uns zeugen, daß unser Leben und Wirken, die Bethätigung unseres Gottesglaubens unser schönster Schild und unsere sicherste Gegenwehr bleiben müssen. Das wird in unseren Tagen auch immermehr inmitten der deutschen Jndenheit gewürdigt. Wir haben uns wohl gesammelt und vereinigt, um in Wort und Schrift die Anklagen unserer Widersacher zu widerlegen; dies genügt uns aber nicht, und darum geschieht jetzt gar vieles, um die Zeit herbeizuführen, wo Gott für uns streiten wird, wo wir durch unsere ganze Gesittung und Charakterveranlagung unsere Feinde für immer entwaffnet haben.