Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1902)
- Date
- 1902-04-18
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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3 l ause verwirklichen läßt, welches in Anlage und Betrieb lediglich den Betürfnissen Nervenkranker Rechnung trägt und unter sachkundiger Leitung steht. Es giebt nun eine ganze Reihe gutgeleiteter Institute, welche diese Bedingungen erfüllen können, aber uns Israeliten, die >!>ir im Kampfe ums Dasein ganz besondere Schwierigkeiten zu überwinden haben, und das Auftreten von Nervenkrankheiten sich daher l.uch ganz besonders gehaust hat. war es säst unmöglich, davon Gelranch zu machen, sofern wir ans rituelle Beköstigung reflektirten und Anschluß an Glaubensgellossen suchten. Es mußte deshalb mit großer s'rende begrüßt werden, daß die Direktion der bekannten, seit dreißig ähren bestehenden Israelitischen Heil- und Pflegeanstalt uir Nerven- und Gemüthskranke zu Sayn bei Koblenz sch entschloß, ein separates Kurhaus für Nervöse und Erholungsledürftige — mit Ausschluß von schweren und störenden Fällen — rar einigen Jahren zu errichten und dein Betriebe zu Übergebell. Als > h vor mehreren Wochen Gelegenheit hatte, mich einige Tage zum b esuche eines Freundes in dem Kurhanse auszuhalteu.war dieses voll ca. 20 Kurgästen besucht, und die sehr günstigen Eindrücke, die ich von der ganzen Anlage, von dem Betriebe, dem überaus geselligen und gemüthlichen l -ben daselbst erhielt, geben mir Anlaß, die weitesten jüdischen Kreise i n Interesse der Nervösen und Erholungsbedürftigen auf diese unter!?r Leitung renommirter Fachärzte stehende segensreiche Heilstätte usmerkfam zu machell lind in Nachstehendem eine kurze Beschreibung wrselbeu zu geben. In einem der anmuthigsten Seitenthäler des cheins. ungefähr in der Mitte zwischen Koblenz und Neuwied als ste Station der Westerwaldbahn, liegt in idyllischer Schönheit und uhe Sayn, und einer der besten Kellner des Mittelrheius pries es holl vor 50 Jahren als den lieblichsten Ort an unserem Strome, eil es die Reize der Alpeuthäler mit der Pracht einer Nheiulandschaft rbinde. Hier, wo die Natur beruhigend und erhebend auf das i emüth, die ozonreiche Luft kräftigend ans die Nerven wirkt, liegt r schloßartige Neubau des israelitischen Kurhauses, ausgestattet mit lem Komfort der Neuzeit. Es enthält einige dreißig überaus beglich eingerichtete Logirzimmer. einen Speisesaal, einen großen Wintergarten als Gesellschaftssaal, Billard-, Lese- und Musikzimmer. rehrere Veranden und Terassen, ferner einen großen Turnsaal und ehrere vornehm eingerichtete Badezimmer für das gesammte Wasserwlverfahren. Die Erwärmung sämmtljcher Räume geschieht durch iederdruckdampfheiznng. Ein schöner, sehr allsgedehnter Park uiilebt das Kurhaus, und durch diese große Ausdehnung ist die Möglichst zu reichlicher Bewegung schon in den Alllagen des Kurhauses vorinden. Ausgenommen zur Kur werden Nervenkranke aller Art «cnrasthenie, Hysterie, Hypochondrie, nervöse Dyspepsie), Verstimmuugsistände, Morphinmkranke sowie alle Erholungsbedürftige, welche zur lgemeinen Stärknug ihrer Gesundheit eine ärztlich geregelte Lebens- - eise wünschen. Das Kurhaus verfügt über alle Heilmittel der i odernen Medizin; auch für Beschäftigung, auf welche in vielen allen großes Gelvicht gelegt wird, ist in eigenen Werkstätten und in <!l ausgedehnten Park- und Gartenanlagen, in der Oekonomie — 60 Morgen Land mit eigener Milchwirthschast — vielfach Gelegenst geboten. Allgehörige von Kurgästen können jederzeit mitaufnommeu werden. Zum Schlüsse möchte ich noch erwähnen, daß in -betracht der komfortablen Einrichtung, der vorzüglichen Verpflegung > d der sorgfältigen ärztlichen Behandlung die Kurkosten als sehr > aßig zu bezeichnen sind. x. Kassel, 10. April. Frau Waisenhausinspektor S che he > am 6. d. M. durch einen plötzlichen Tod aus ihrem Berufe ge- > linnen worden. Mit ihr schied eine Frau, die es wie kaum eitle A eite verstanden, die ernsten Pflichten ihres verantwortungsvollen ltes in dem Maße zu erfüllen, daß ein Ersatz wohl nicht zu finden ' i wird. Edel, hilfreich und gut. alles für die Waisenkinder, nichts ' sich, lebte und wirkte sie hier, im kleinen Kreise großes leistend. re Güte und Hingebung übertrug sie auf die ihr anvertranten l >der"und ersetzte den Waisen die Mutter im besten Sinne des Wortes. rhgeehrt in der Gemeinde und Provinz lebte sie nur ihrem Amte, o; dem der unerbittliche Tod sie so jäh hinweggerafft. An ihrer - l)re stand die ganze Gemeinde in tiefer Trauer. Hav6 pia auima. -- Straßburg. 3. April. Anläßlich der bevorstehenden Wahl von lr Konsistoriummitgliedern für das Israeli tische Konsistorium d Unter-Elsaß hat der Oberlehrer Herr Dr. Heinrich Lewy in -' Ahausen eine Petition an den Landesausschuß eingereicht, in welcher d- Landesausschutz um Schaffung eines seit 1870 fehlenden einheitlichen israelitischen Konsistoriums ersucht wird. Am 18. März, in der 14. Sitzung der zu Ende gegangenen 29. Session des Lalldesausschusses, wurde unter einer Hochfluth voll unzählbaren Petitionen auch diese Petition präsentirt. Abgeordneter Dr. Gumpert erkannte zwar die Vörtheile einer Centralisation der drei reichsländischen israelitischen Konsistorien all, glaubte aber, auf das Gesuch einer Privatpersoll nicht eingehen zu können. Abgeordneter Mannheimer aus Mülhausen erklärte. daß mall im Ober-Elsaß gegen eine Centralisation der israelitischen Konsistorien gestimmt sei. Uuterstaatssekretär Dr. Petri verspricht sich auch voll einer Centralisirung der drei reichsländischeu israelitischen Konsistorien große Vortheile; früher unterstanden die einzelnen Konsistorien dem Oberkonsistorium in Paris, seit 1870 sind sie selbstständig. Die Regierung könne aber mit einer Centralisirung der drei reichsländischeu israelitischen Konsistorien nicht Vorgehen, so lange nicht aus der israelitischen Bevölkerung Heralls eine größere Mehrheit Vorschläge mache. Nachdem nun Dr. Gumpert und der Staatssekretär Dr. Petri ihre Allsichten zu der Petition kund gegeben, und Mannheimer, welcher sich ausnahmsweise voll seinem Manuskripte emanzipirt und frei gesprochen hat. daß im Oberelsaß das Bedürfniß eines Centralkonsistoriurns nicht vorhanden sei, wurde diese Petition in Begleitung noch anderer Petitionen der Negierung als „Material" überwiesen. — Im großen Saale des „Englischen Hofes", der bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt war. hielt null gestern Abend Gymnasialoberlehrer Dr. Heinrich Lewy einen Vortrag über das Thema: „Die Mängel unserer israelitischen Konsist or ialverfasslUlg und Schritte zur Abhilfe." Der Redner, welcher die gegenwärtigen Verhältnisse ausschließlich sachlich beleuchtete, für keine religiöse Richtung Stellung nahm und jedes Persönlichen Angriffs sich enthielt, führte unter größter Aufmerksamkeit seiner Zuhörerschaft Folgendes aus : Die Petition an den Landesausschuß und ihre wohlwollende Aufnahme sei bekannt. Jetzt könne etwas erreicht werden, wenn mall sich mächtig rege. Aber es gelte nicht nur, das fehlende Oberkonsistorium zu schaffen, sondern bei dieser Gelegenheit auch einige andere Mängel zu beseitigen. Redner besprach sodann zunächst die Verhältnisse der einzelnen Gemeinden und des Gemeinderabbiners. Weiterhill behandelte Dr. Lewy die Bezirkskousistorieu. Nicht nur zwecklos, sondern geradezu schädlich ist die veraltete Bestimmung, daß von den sechs Laienmitgliedern des Konsistoriums vier am Sitze desselben wohnen müssen. Höchst bedenklich ist es, daß im Konsistorium neben sechs Laien nur ein theologischer Fachmann sitzt. Nirgends in Deutschland hat ein einzelner Rabbiner ein Aufsichtsrecht über andere Rabbiner. Zuletzt sprach der Redner vom Oberkousistorinm. Auf ein solches ist die ganze Konsistorialverfassung Angeschnitten. Darauf verlas Dr. Lewy eine Resolution und forderte die Anwesenden zur Diskussion auf. Niemand meldete sich zum Wort. Die einstimmig angenommene Resolution hat folgenden Wortlallt: „Die am 2. April 1902 zu Straßburg im großen Saale des „Englischen Hofes" zahlreich versammelteil Israeliten erklären, nachdem sie eitlen Vortrag des Gymnasialoberlehrers Dr. Heinrich Lewy voll Mülhausen über die Mängel unserer israelitischen Konsistorialverfassung und Schritte zur Abhilfe angehört haben, einstimmig, was folgt: Zur Abstellung schwerer Mißstände ist es dringend erforderlich: 1. daß alle israelitischen Gemeinden Elsaß-Lothringens grundsätzlich das Recht erhalten, ihre Vorstände selbst zu wählen und ihre Angelegenheiten selbst zu ordnen; 2. daß die Verordnung aufgehoben wird, wonach voll den sechs Laienmitgliedern jedes Bezirkskonsistorinms mindestens vier am Sitze des Konsistoriums wohnen müssen; daß ferner im Bezirkskonsistorium neben dem Oberrabbiner zwei Rabbiner sitzen, welche voll den Rabbinern des Bezirks gewählt werden; 3. datz ein Oberkonsistorium geschaffen wird, bestehend ans einem landesherrlich ernannten Präsidenten, aus einer Anzahl Theologen, unter denen die Gemeinderabbiner nach Gebühr vertreten sein müssen, und der entsprechenden Anzahl gewählter Laien." Behufs Erreichung dieser Ziele ist die Bildung eines Komitees erwünscht, welchem Israeliten aus allen Theilen des Landes angehören. Oesterreich-Ungarn. m Wien, 14. April. Mit welch unglaublicher, wahrhaft absurder Mühe die Antisemiten Wiens ein kleines Blutmärchen ersonnen, und dazu sogar die Residenz zum Mittelpunkte desselben machten, beweist der neueste, wahrlich tragikomische Fall, wo zwei Dienstboten, die eine im höchsten Grade hysterisch, in einem jüdischen Hause, in dem sie,