Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1902)
- Date
- 1902-04-18
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228490--58576-3295031- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
stünde, die schleunige Begründung einer solchen eine unabweisliche Nothwendjgkeit wäre. In richtiger Würdigung des schon im vorjährigen Bericht erwähnten Ministerialerlasses, in welchem der Handels- Minister die Ansicht ändert, „keine Staatshilfe sei so geeignet, die Heranbildung eines tüchtigen Handwerkerstandes zu fördern wie die Unterbringung von Lehrlingen in ausschließlich für die Zwecke ihrer Beaufsichtigung und Verpflegung aus Privaten Mitteln errichteten Anstalten" ist der Verein „Lehrlingsheim Pankow" bestrebt, eine hohe kulturelle Aufgabe zu lösen: junge Leute, deren Vorfahren durch den Druck von außen jahrhundertelang nur auf den Handel angewiesen waren, zu tüchtigen Handwerkern heranzubilden. So sind jetzt 45 Lehrlinge, die die verschiedensten Handwerke ausüben, im Lehrlingsheini^zu Pankow internirt, viele Aufnahmegesuche mußten aber wegen Mangel an Mitteln unberücksichtigt bleiben. Das Kuratorium sieht sich daher genöthigt, an alle Freunde der jüdischen Sache die dringende Bitte zu richten, ihr Interesse für den segensreich wirkenden Verein „Lehrlingsheim Pankow" dnrch Zuwendung größerer Geldbeträge zu bethätigen. — Herr Julius Cohn verlas den Kassenbericht und beantragte für den Schatzmeister, Herrn Julius Bodenstein, die Entlastung, die einstimmig erfolgte. Alsdann erfolgte per Akklamation die Wiederwahl der Revisoren. Herren Emanuel Appel und Julius Cohn, und die Neuwahl des Herrn Emil Pincus als Stellvertreter. Der letzte Punkt der Tagesordnung. Feststellung des Etats für 1902/1903, fand durch die einstimmige Annahme des Voranschlages mit 27000 Mark schnelle Erledigung. Das Kuratorium des Vereins „Lehrlingsheim Pankow" bilden die Herren: Kommerzienrath I. Löwe, Rentier Joseph Fränkel. Rechtsanwalt Kraft, Direktor Dr. Strelitz, Landschaftsmaler Julius Bodenstein, Fabrikbesitzer Dr. I. Ginsberg. Regiernngsrath Dr. Magnus, Direktor Dr. Jutrosinski, Rittergutsbesitzer Rudolf Mosse, Maurermeister M. Adler und Rentier D. Feilchenfeld. Direktor der Anstalt ist Herr Max Wiliuski. Die Aufnahme-Bedingungen sind auch in dem soeben erschienenen Jahresbericht abgedruckt, und glauben wir im Sinne des Kuratoriums zu handeln, wenn wir darauf Hinweisen. daß Ausnahmen immer nur zum Ersten eines jeden Kalen derguartals erfolgen. — Berlin, 15. April. Wir machen auf die in dieser Nummer befindliche Anzeige des Bechaurim-Vereins aufmerksam, der die diesjährige Feier am Montag, den 21. April, Morgens 6H4 Uhr in gewohnter Weise begeht. Den Vortrag hat Herr Rabbiner Dr. Rosenzweig übernommen, während Herr Kalltor Friedmann als Vorbeter sungireu wird. Der Ueberschuß wird an verschämte Arme vertheilt werden. x Schöttlanke, 11. April. Am 2. d. M. feierte die hiesige Gemeinde ein frohes, erhebendes Fest. An diesem Tage vollendete unser verehrter Rabbiner S. Wäldler sein 70. Lebensjahr in voller Rüstigkeit. Die Gemeinde nahm hiervon gern Veranlassung, um dem allbeliebten Seelsorger die wärmsten Sympathien zu bekunden. Private und Deputationen wechselten zur Begrüßung miteinander ab, Depeschen und Briefe nebst Allgebinde liefen in Menge ein. Nachmittags 5 Uhr begann die Feier in der Synagoge, die. mit Topfgewächsen. Blumen und Gewinden reich geschmückt, eine festlich gekleidete Schaar voll Männern und Frauen nebst der Jugend umschloß. Nachdem die Herren vom Vorstande den Jubilar in die festlich erleuchtete Synagoge geleitet, wo er von einem eigens dazu gebildeten Chor mit dem stimmungsvoll ausgeführten Begrüßungsliede ,.6orucü dabo" empfangen wurde, betrat der Schwiegersohn des Jubilars, Herr Rabbiner Dr. Pick, die Kanzel, um die Bedeutung des Tages für die Gemeinde auseinander zu setzen. Nach Schluß der Rede sprach Herr Rabbiner Wäldler von der Kanzel herab in bewegten Worten seinen Dank aus für alle Beweise der Liebe, die ihm zu Theil geworden und schloß mit einem innigen Gebet für die Gemeinde sowie für Kaiser und Reich. Mit einem Hallelnjachoral endete die schöne, erbauliche Feier in der Synagoge. Der gesellig-gemüthliche Theil des Festes spielte sich am Abend im „Verein für jüdische Litteratur und Geschichte" ab. Nach einem sehr interessanten und geistvollen Vortrag, den Rabbiner Dr. Pick auf Einladung des Vereins hielt, wurde der Jubilar als Ehrenpräses durch Herrn Fabian und Lehrer Wolf begrüßt. Hierauf feierte in längerer Rede mit trefflichen Worten Rabbiner Dr. Kraus das schöne, ungetrübte Verhältniß zwischen Gemeinde und Rabbiner. Ein Trinkspruch folgte auf den anderen. So hielt das gemüthliche Beisammensein die zahlreichen Teilnehmer bis in die späte Nacht zusammen, und man freute sich mit der angenehmen Empfindling, ein schönes, erhebendes Fest begangen zu haben. --- Ovornik, im April. Die Frage, ob jüdische Schulkinder au den jüdisch eil Feiertagen eine Sim ul tan sch ule besuche-, müssen, war Gegenstand der Verhandlung vor drei Instanzen. Hin besteht eine Simultanschnle, die von den Kindern des Kaufmanns Ludomer besucht wird. Der frühere Schulinspektor hatte es gedulde, daß die Kinder an den jüdischen Feiertagen die Schule nicht besuchte!. Ein neuer Schulinspektor erblickte in dem Nichtbesuch der Schule ohn? vorher eingeholte Erlaubuiß eine strafbare Schulversäumniß und b» antragte die Bestrafung des Vaters. Ludomer wurde vom Schöffel - gericht wie auch von der Strafkammer verurtheilt. Die Strafkammer als Berufungsgericht erachtete Ludomer für verpflichtet, bevor er sein? Kinder vom Schulbesuch zurückhielt. die Genehmigung vom Schu - inspektor hierzu eiuzuholen. Infolge der eingelegten Revision hat! sich das Kammergericht hiermit zu beschäftigen. Der Oberstaatsanwalt beantragte Zurückweisung der Revision, der Strafsenat hou aber das angefochtene Urtheil auf und wies die Sache zur ande^ weiten Verhandlung zurück. In der Begründung heißt es: „Na,? dein Judengesetze vom 23. Juni 1847 waren die Kinder des Angeklage r an und für sich verpflichtet, auch an den jüdischen Feiertagen an den Unterricht der Simultanschnle theilzunehmen, und nur ans Grund besonderer Dispensation konnten sie davon befreit werden. Die Feststellung des subjektiven Thatbestaudes ist aber bedenklich. Denn bishn war der Nichtbesnch der Schule an den jüdischen Feiertagen anstandn los geduldet worden. In der erneuten Verhandlung sei nun z i prüfen, ob der Angeklagte unter diesen Umständen nicht in dem tha - sächlichen Jrrthum befangen sein konnte, daß er berechtigt sei, seil Kinder an den jüdischen Feiertagen vom Schulbesuch zurückzuhalten 8t. Breslau, 11. April. Die Fränkelschen Zuflucht Häuser feierten am 6. d. M. das Fest ihres 50 jährigen Bestehen Bei dem aus diesem Anlaß veranstalteten Festgottesdienste hie > Rabbiner Dr. Guttmann eine Ansprache. — Herr Dr. Lewkowitz vo > jüdisch-theologischen Seminar Hierselbst ist als Religionslehrer na u Schneidem ü h l berufen worden, ferner sind die Herren Dr. Wild Dr. Chan und Kober vom jüdisch-theologischen Seminar ve 1 Ostern ab als Lehrer an den hiesigen Neligionsschulen beschästü l worden. — Nach kurzem Krankenlager starb in blühendem Manne - alter Jean Spiro, ein Sohn des Oberkantors Spiro; er war zule l als Opernsänger am Residenztheater in Dresden engagirt, wo sei? künstlerischen Leistungen ebenso sehr gerühmt und anerkannt wurd« 1 wie an den übrigen Stätten seines Wirkens. — Eine deutsä orientalische O P ere t t e n g e s el l scha f t spielt zur Zeit hier d Oper „Sulamit", eine Komposition des Kantors Friedland; „Hü Israel", das bei der hiesigen Aufführung als Einlage gesungen wir findet dabei reichen Beifall. I. Natibor, 12. April. Nach laugen Leiden verstarb Hierselbst Hr v Louis Bart enstein, der Begründer und Seniorches der glew namigen Firma, im Alter von 73 Jahren. Mit dem Heimgegangen. > verliert die Stadt einen ihrer angesehensten Bürger, die israelitisä ' Gemeinde ihren allverehrten Vorsteher. Seit vier Jahrzehnten saß d r Verstorbene in den Vertretuugskörperschasteu der Gemeinde, zuletzt a 7 Vorstandsvorsitzender, bis ihn vor einigen Jahren sein Leiden zwar! seine Ehrenämter niederzulegen. Mit nicht rastender Arbeitsfreudigk l weihte er seine volle Kraft dem Dienste der Gemeinde. Sein bescheiden - liebenswürdiges Wesen erwarb ihm zahlreiche Freunde bei allen L - kenutnissen. Der israelitische oberschlesische Gemeindebund hatte i ' zu seinem Ehrenmitgliede ernannt. Die Beisetzung des vortrefflich ' Mannes fand unter außerordentlicher Betheiligung statt. Als Vtreter des Gemeindebundes erschien der Bundesvorsitzende Nechtsauwc t Schüller aus Gleiwitz. Herr Rabbiner Dr. Blumenthal zeichn mit warmen Worten das Bild seines entschlafenen Freundes u> d rühmte ihn als einen jener Männer, die „sich in Treue mit den B ' dürfnissen der Gemeinde beschäftigen, und deren frommes Verdiei t nicht untergeht". Das Andenken des Entschlafenen wird ein Seg n bleiben. 0. Vom Rhein, 14. April. Die erschreckende Verbreitung ne vöser Erkrankungen in unserem au das Nervensystem jed ' Einzelnen ganz besondere Anforderungen stellenden Zeitalter muß noi wendig zu der Frage führen, wie dieser schweren Volkskrankheit, welä das Lebensglück so vieler Menschen zerstört, am ehesten Einhalt getha > werden kann. Die Erfahrung lehrt, daß sich dies nur in einem Kranken