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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-04-18 · Heft 16 (18.4.1902) · p. Seite 191

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 16 (18.4.1902)
Date
1902-04-18
Page
Seite 191 (sequence 13)
Language
German
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INI l'on der Welt da draußen ein trauriges Liedchen zu singen, uad wir bilden eine vou Galt und den Menschen verlassene Tafelrunde. Wie, wenn wir uns den Rest des Abends damit vertrieben, daß Jeder von uns der Reihe nach erzählte, wie > . zwischen diese düsteren Mauern gerathen ist? Wir könnten j > nicht nur den Abend todtschlagen, sondern auch manches lernen." „Der 97 er hat Recht! Wir wollen uns die Zeit mit dem erzählen unserer Lebensgeschichten vertreiben!" rief der an der afel präsidirende behäbige Nr. 104, der erst seit drei Monaten! >. S. saß, und dessen Namen, Rang und Stand wohl Jeder!;nnte, obgleich er nur als Nummer unter ihnen figurirte. Me in allen Gefängnissen, waren die Insassen auch hier! ichts als Nummer». Keiner brauchte zu wissen, „weß Na;;;'; >rd Stand" sein Nachbar sei, und woher er kam. „Wer soll anfangen?" erscholl es im Kreise. Nach einer bhaften Debatte einigte man sich dahin, daß dem Aeltesten - cr Tafelrunde die Ehre zustehe. Dieser begriff nicht, was der ärm zu bedeuten habe, und was man von ihm wolle. Er arrte hilflos von Einem zum Andern. „Was wollt Ihr von mir?" fragte er mit zitternder stimme, als der 97er ihn aufforderte, mit seiner Lebensrschichte zu beginnen. „Du sollst uns erzählen, wieso Du hierher gekommen bist; nr können nicht begreifen, welches Verbrechens Du Dich huldig gemacht haben kannst. Wir Alle glauben, daß Du nschuldig leidest." Die blöden Augen des Alten belebten sich, und seine ötimme wurde fest, als er feierlich sagte: „Gott ist gerecht und straft die Sündigen, aber die Menschen sind schlecht. Wisset, ich habe mich gegen seine Gebote versündigt und einen Mitmenschen belogen und berogen. Ich war ein Lebensversicherungsagent, das Geschäft mg schlecht, ich hatte Weib und drei Kinder, die ich nur ümmerlich ernähren konnte. Gar manchen Abend legten wir ms hungrig zu Bett. Meine Frau wurde von Arbeit und wrgen krank und sollte bald mit dem vierten Kinde niedernnmen. Da kam eines Tages ein eleganter, wohlhabender err und lies; sich von mir überrede», sich bei meiner Gesellschaft zu versichern. Ich weiß nicht, wie iir der Gedanke kam, die Gebühren einzustecken und m> nicht c nznmelden nnd ihm eine gefälschte Police zu schicken, r kam bald hinter den Betrug und drohte, mich anzuzeigen, uh bat und beschwor ihn, mich nicht um mein Brod zu bringen; h versprach ihm den Schaden zu ersetzen, erzählte ihm, daß >eine Frau krank sei nnd täglich ihre schwere Stunde erwarte;;. ich alter Mann warf mich vor dem Grausamen, der mein :vhn hätte sein können, zu Füßen und flehte um Erbarmen es nützte alles nichts. Er beharrte darauf, mich anzuzeigen, md er that es. Ich wurde wegen wissentlichen Betrugs zu ins Jahren Zuchthaus vernrtheilt. Mein Weib war im Ge- -chtssaal, als das llrtheil gefüllt wurde, und fiel mit einem schrei, der mir noch heule in den Ohren tönt, wie todt zn -ioden. Was aus ihr und meinen Kindern geworden ist, weiß ch nicht." Todtenstille herrschte in dem Gemach, als der Greis, von aeser Erinnerung ubermannt, erschöpft in seinen Stuhl znrückank. Der 104 er war schon zn Anfang der Erzählung erblaßt md blickte wie gebannt auf den Alten. Seine Finger spielten ervös mit Messer und Gabel, nnd er unterdrückte nur mit Mühe eine Frage. Nach einer Weile fuhr der Alte leise fort, als ob er mit sich selbst spräche: „Bei Tag und Nacht habe ich nur mehr einen Wunsch, und wenn es einen gerechten Gott im Himmel giebt, muß er ihn mir erfüllen und den Mann, der kein Erbarmen mit mir hatte, mich ins Gefängniß brachte, ebenso hart strafen, wie er mich gestraft hat. Seine Kinder sollen sein Andenken verfluchen und sich von ihm wende», wie die Meinigen von mir! Wenn ich ihn vor meinen Augen elend sterben sähe, würde ich ihm meine Hand nicht zur Versöhnung reichen." schloß er mit erhobener Stimme. „Wie heißt der Mann, der Sie ins Unglück gebracht hat, und den Gottes Strafe treffen möge?" fragten Einige aus der Tafelrunde. „Chain; Pinkus, Getreidehändler in M." Tiefe Stille trat ei». Aller Blicke richteten sich auf den am obersten Ende der Tafel Präsidirende», der wegen Wechselfälschungen und großer Unterschlagungen zu zehn Jahren Zuchthaus verurtheilt war. Sein Gesicht war furchtbar verzerrt, die Augen traten aus den Höhlen, die Lippen waren blau: „Gott hat gerichtet! Sein Name sei geheiligt für nnd für," röchelte er nnd sank, vom Herzschlag getroffen, zu Boden. Die Anwesende» sprangen alle entsetzt auf und umringten die Leiche, das Todtengebet sprechend. Nur der Greis blieb stumm ans seinem Platze sitzen, sein runzeliges, vergrämtes Gesicht zuckte; endlich erhob er sich, trat mit schlotternden Beinen vor die Leiche hin und sagte mit bewegter Stimme: „Gott hat ihn gerichtet, gelobt sei sein Name! Möge er ihm verzeihen, wie ich ihn; verzeihe. Amen!" So endete der Sederabend in; Kerker. Aer arme Student. Von Julius Bauer. Er stellt in der groben Stadt allein, Ein Armeleutkind voll Jammer nnd Pein. Er nährt sich kärglich vorn Stundengeben Nnd kann nicht sterben und kann nicht leben. Oft läßt ihn — wer kann die Seufzer messen? — Seilt Wissensdurst den Hnnger vergessen Das Schicksal versagt ihm die kleine Gunst . . . Stndiren ist auch eine brodlofe Kunst. Die Lampe brennt trübe, die Stube ist kalt, Die Hoffnung allein giebt Kraft ihm und Halt. Die Hoffnung würzt sein trockenes Brod, Die Hoffnung färbt seine Wangen roth. Und wenn er auch nichts zu essen hat, Er glaubt an die Zukunft — das macht ihn satt. So lebt er heute, so lebt er morgen, Ein Armeleutkind voll Kummer nnd Sorgen. Doch wenn er ein Brieflein erhalten hat: „Wie geht es dir, theurer Sohn, in der Stadt?" Dann schreibt er mit seinem Herzensblut: „Geliebte Mutter, es geht mir gut!"

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