Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1902)
- Date
- 1902-04-18
- Page
- Seite 190 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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190 In der vierten Szene des fünften Aktes läßt der Dichter seinen Helden Wolfgang sich folgendermaßen äußern: „Jaa — hahahaa — „Wenn Gott mit mir sein will und mich behüten will auf dem Wege, den ich reise, und Brod zu essen geben und Kleider anzuziehen, so soll der Herr mein Gott sein." Wenn er über nichts hergiebt, dann hat er sich auch von mir nichts zu versehen, und ich rverfl ihn wieder in die Rumpelkammer." Durch die Anführungszeichen, mit welchen der Dichter den ersten dieser beiden Sätze begleitet, wollte er ihn zweifellos als ein Citat kennzeichnen, und zwar als ein Citat aus dem 1. B. Mos. 28, 20-21. Nach der Meinung des Dichters hätte also der Patriarch Jakob in demselben Sinne gedacht und gesprochen. Aber eine solche Auffassung jener Stelle scheint mir völlig irrthümlich. Man denke sich: der erfahrene, nun einsame Jakob hat, den Haß seines Bruders Esau fliehend, das Elternhaus verlassen, um in die weite Ferne zu seinen Verwandten, die Götzendiener sind, zu ziehen. Die erste Nacht auf seiner Wanderung ruht er in Lus ans. Hier überdenkt er seine hilflose Lage, es überkommt ihn die ganze Sorge für sein künftiges Ergehen, ob er die schwere Zeit überstehen, ob er körperlich, geistig und religiös keinen Schaden leiden werde. Im Traume der Nacht erscheint ihm der Ewige und versichert ihn seines Schutzes und seines Heils. Jakob ist von dem Vertrauen auf den Ewigen durchdrungen, und in der Eefühlsmischung von Angst und Vertrauen, von Sorge und Freude legt er ein Gelübde ab. Worin besteht nun wohl sein Gelübde? Was gelobt er? Gelobt er zu glauben oder zu thun? Ersteres war ja unnöthig, da er sich in keinem Zwe ifel über den Glauben befand, den er doch mit aus dem Vaterhanse genommen hatte, und da er sonst wohl auch der Erscheinung des Ewigen nicht gewürdigt worden wäre. Nein! er war nur im Zweifel und Sorge um sein Wohlergehen, und er gelobt, den mit Olivenöl begossenen Stein zum Altar, zum Gotteshause zu weihen und den Zehnten seiner Habe zu heiligen, — wenn er glücklich und wohlbehalten, unversehrt znrückkehren würde. — Vollständig und richtig lalltet also das Gelübde Jakobs folgendermaßen: „Wenn Gott mit mir ist und mich behütet auf diesem Wege, den ich reise, wenn er mir Brod zu essen und Kleidung auzulegen giebt, wenn ich in Frieden heimkehre zum Hause meines Vaters und der Ewige mir Gott bleibt (so daß ich nicht von den heidnischen Verwandten im fremden Lande von meinem Glauben abtrünnig gemacht werde): so soll dieser Stein, welchen ich als ein Denkmal hillgestellt habe, ein Gotteshalls sein, und alles, was du mir giebst, will ich dir verzehnten!" Ein Sederabend im Kerker. Eine wahre Geschichte von Bertha Kätscher. ^ein Mensch ist so verkommen und schlecht, daß iu seinem Innern nicht doch noch ein Funken Pietät und Nächstenliebe schlummern würde. Selbst von den Verbrechern ärgster Sorte wissen die Gefängnißwärter Züge von Herzellsgüte und Aufopferung zu erzählen, die geradezu rührend sind, ^und die Verbrecher jüdischer Konfession sind es, die darin mit gutem Beispiel vorangehen, was übrigens nicht Wunder nehmen darf, da Diese sich nur selten einer Blutthat schuldig machen. Ein Bonmot sagt den Juden nach: „Wenn sich in der Wüste Sahara zwei Juden treffen, so bilden sie schon eine Gemeinde, selbst wenn der Eine vom Südpol, der Andere vom Nordpol kommt, und sie sich gar nicht verstehen." Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl äußerte sich auch in dem Gefängniß S.; die dort internirten jüdischen Gefangenen bildeten eine kleine Gemeinde und hatten sich von dem menschenfreundlichen Direktor die Erlaubniß erwirkt, all allen großen Festtagen Gottesdienst abzuhalten und die Sederabende gemeinsam irr einem ihnen dazu zur Verfügung gestellten Raum zu feiern. Während der acht Festtage bereitete ein Anderer der jüngeren Gefangenen, die das Loos traf, die Mahlzeit, welche auf gemeinsame Kosten bestritten wurde. Wochenlang vor dem Osterfeste arbeiteten die Gefangenen mit doppeltem Fleiß an den ihnen zugetheilten Beschäftigungen, um einen möglichst großen Spaarpfennig bei dem Direktor gut zu haben, damit der Seder würdig ausfalle. An einem stürmischen Märzabend im Jahre 1900 saß eine aus allen Theilen des Reiches zusammengewürfelte Gesellschaft voil alten und jungen Männern um den langen, festlich gedeckten Tisch in der Werkstube L. Der erste Theil der Hagadah war absolvirt, die von Nummer 148 — der im Privatleben Auskocher war — trefflich bereitete Mazzeklößensuppe aus gelöffelt, gar manches Gläschen des guten Passahweins hinter die Gurgel gegossen, und doch wollte keine rechte Stimmung aufkommen, denn draußen heulte der Wind, die kahle Stube mit den weißgetünchten Wänden, die Strüflingsgewänder, die Erinnerung an in trautem Familienkreis gefeierte Sederabende ließ keine frohe Laune aufkommen. Es war eine merkwürdige Gesellschaft, die manchem Sozialreformer und Psychologen hätte zu denken geben können. Am untersten Ende der Tafel saß ein Greis; Gram, Schande und elende Gefängnißluft hatten ihn im Laufe der Zeit fast zum Idioten und zur Zielscheibe des Spottes aller Mitgefangenen gemacht. Seine eingesunkenen Augen blickten verständnißlos im Kreise umher, mit zitternden Fingern führte er das ihm dargereichte Glas zum Munde, den Inhalt zum größten Theil verschüttend dabei blöde vor sich hinlächelnd. Ihm gegenüber, den Ehrenplatz einnehmend, saß ein in den besten Jahren stehender, kräftiger Mann, dem man es ansah, daß er einst bessere Tage gesehen haben müsse; er vermochte keine Minute ruhig zu sitzen, um seinen sinnlichen Mund spielte ein boshafter Zug in seinen grauen Augen lauerten Hinterlist und Grausamkeit Ein bildhübscher junger Mensch von kaum 17 Jahreu diente als Mundschenk. Eine angeborene Liebenswürdigkeit und Dienstbereitschaft machten ihn zum Liebling seiner Mitgefangener!. Trotz des Sträflingsgewandes und des geschorenen Hauptes konnte er seine gute Herkunft nicht verleugnen; bei schärfster Beobachtung konnte man weder in seinem wirklich schöner: Antlitz noch in seinem Benehmen und Wesen die Verbrechernatnr irr ihm entdecken. Es war. als ob ein verkleideter Prinz in diese Gesellschaft von Parias gerathen wäre. Als er die Gläser zum dritten Mal vollschenkte, und der gefüllte Lammsbraten unter tiefem Schweigen bis auf einen kleinen Rest verzehrt war, meinte er: „Wie wär's, meine Herren, wenn wir etwas Leben in die Bude brächten? Jeden von uns — ob alt, ob jung — hat das Leben schon ordentlich mitgenommen; Jeder von uns weiß