Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1902)
- Date
- 1902-04-18
- Page
- Seite 189 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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189 »einem innersten Wesen nach Orthodoxie und Ketzerei nicht kennt. Nach seiner noch nicht getrübten Lehre richtet Gott die .Benschen nicht nach ihrem Glauben, sondern nach ihren Thateu. Licht durch seiner: Glauben oder Unglauben, sondern durch sin Leben wird der Mensch selig oder unselig. Jüdische Orthodoxie ist nichts anders als Verschriftlichung des Judenthums, ünd speziell der orthodoxe Glaube, daß auch die Abschreiber >er Bibel inspirirt waren und sie uns bis auf den Buchstaben -etreu überliefert haben, ist altprotestantische Orthodoxie. Derjenige, der sich über diesen geschichtlichen Zusammenhang klar ist, glaube aber nicht, daß er damit schon das Recht abe, sich „freisinnig" zu nennen. Er weiß jetzt, was jüdisch und was unjüdisch ist, aber Freisinn ist kein Wissen, sondern ine Gesinnung. Sonst müßte man ja nothwendig gelehrt ein. um freisinnig zu sein, und es könnte keinen unfreisinnigen Helehrten geben. Wer das Gegentheil des Talmuds behauptet and z. B. die gegenwärtig herrschende Ansicht vom Pentateuch um Dogma erhebt und den Andersdenkenden für einen Ketzer rklärt, ist gleichfalls ein Orthodoxer, ein „Rechtgläubiger". Jede Orthodoxie ist uujüdisch. Ebenso unmöglich ist eine ortho d ore Wissenschaft des Judenthums, die man neuerdings etabliren möchte. Es kann wohl eine orthodoxe Gelehrsamkeit geben, aber eine freie Forschung, der schon am Anfang das Resultat eststeht, ist ein innerer Widerspruch. Wenn nun das Judenchum auf Gott gegründete Sittlichkeit ist, so ist die Bibel das Oehrbuch dieser Sittlichkeit. Ihre Absicht ist von Anfang bis gl Ende, uns den wahren Gott und seinen Willen, Gotteserkenntniß und Gottesfurcht zu lehren. Weil aber die Wissenschaft von Gott und von dem, was recht und gut ist, die höchste Wahrheit und die Gottesfurcht die edelste Blüthe und Frucht aller Weisheit ist, und sie nirgends so rein und deutlich gelehrt wird wie in der Geschichte und der: heiligen Schriften der Israeliten, so ist die Bibel das wissenchaftlichste Buch, das es giebt. Nur ist es die eigenchümliche Pädagogische Weisheit der Bibel, daß sie ihre Wissenschaft, d. h. ihre religiösen Wahrheiten und Forderungen, zumeist nicht in Lehrsätzen, sondern in Erzählungen mittheilt and durch symbolische Handlungen und Vorkehrungen verdeutscht und einschärft. Die wahrhaft wissenschaftliche, d. h. den lbsichten und dem Wesen der Bibel gemäße Art, sie zn unteruchen ist daher die .Ermittelung ihres religiösen Gehaltes. Die naturwissenschaftliche und historische Seite, die Einkleidung, mrf uns ebenso wenig für wesentlich gelten, wie sie es der Bibel galt. Die Einkleidung der Wahrheit, daß die Ordnungen er Welt von Gott auf das Vollkommenste eingerichtet sind, aß jedes Wesen eine ihm eigeuthümliehe Art. Würde und Bestimmung habe, daß alle Menschen einerlei Ursprung haben, aß in dem Menschen sich Irdisches und Himmlisches verbinden, aß Mann und Weib gleichgeartete Wesen sind, dazu bestimmt, mH zu ergänzen, — die Einkleidung dieser Wahrheiten in eine mzählung von der Schöpfung dieser Ordnungen für wesentch halten, heißt den Rahmen höher schätzen als das Bild, lud trotzdem bleibt es dabei, daß es keinen angemesseneren Lahmen geben kann, daß noch kein Mensch eine vollkommenere Form, jene Lehren einzukleiden, hat erdenken können. Ebenso oenig berührt es das Wesen unserer Religion, ob der Pentaaaich von Mose niedergeschrieben ist oder nicht, obgleich die Abfassung durch Mose mit absolut zwingenden Gründen noch nicht hat widerlegt werden können. Das Buch, welches Sätze wie die zehn Gebote oder den Ausspruch: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst" enthält, wird für alle Zeiten das Grundbuch der Menschheit bleiben, was für ein Titel auch auf dem Rücken seines Einbandes stehe. Die Bibel ist eine heilige Schrift ihres Inhaltes wegen und trägt ihre Beglaubigung in sich selbst. Unsere Religion Hütte nur eins zu fürchten: die Leugnung Gottes und des Sittengesetzes. Aber darüber können wir beruhigt sein: keine Wissenschaft wird diese Grundlagen des Judenthums hinwegbeweisen. Das, wovoll wir bisher geredet haben, ist der ewige und unveränderliche Grundgehalt des Judenthums. Das empirische oder historische Judenthllm, d. h. die besondere Allsprägung der Grundwahrheiten in den verschiedenen Zeiten, ist überhaupt keine konstante Größe, sondern muß nothwendig in seinen Formen und Formeln nach den jeweiligen außerjüdischen Faktoren, mit denen es sich auseinandersetzt, wechseln. Es ist ebenso verkehrt, zwischen den verschiedenen Gestaltungen Werthllnterschiede zu machen, wie es eine reine Unmöglichkeit ist, sich der beständigen Wandlung zu widersetzen. Es ist eine Illusion der jüdischen Orthodoxie, zu glauben, sie repräsentire das echte und wahre, unverfälschte und unwandelbare Judenthmn. Man kann ihr, wie oben scholl angedeutet, Nachweisen, daß sie durch und durch griechisch und christlich ist. Aber auch die moderne Gestalt des Judenthums, wie sie sich besonders unter dem Einfluß des deutschell Nationalismus herallsgebildet hat, ist nicht eine höhere Form als das Lalmudische, sondern nur eine andere und ihren Bekennern nach ihrer ganzen Denkweise angemessenere. Nur dies sind wir schuldig, die Selbstständigkeit und Obmacht der unwandelbaren israelitischen Grundgedanken in allem Wechsel mit Standhaftigkeit und Besonnenheit zu behaupten. Dazu gehört, daß das Judenthum seiner ursprünglichen Anlage gemäß seinen Inhalt nicht wie das Christenthum in Glaubenssätzen, sondern in Darstellungen der Sittlichkeit auspräge, in Sittlichkeit bedeutenden oder fördernden Symbolen und Handlungen. Da also das Judenthum auf der Grundlage unumstößlicher Wahrheiten beruht und seinem Wesen nach die Freiheit hat, sich jede Wahrheit zu eigell zu machen, so hat es voll der freiesten Forschung nichts zu fürchten, sondern darf sie als willkommene Bundesgenossin begrüßen. Denn sie ist Geist voll seinem Geist, weil alle redliche Forschung ein Suchen nach Wahrheit ist und in Gott mündet. Jede wissenschaftliche Wahrheit wird, zu Ende gedacht, eine ethische Wahrheit und eine sittliche Forderung. Alle Wissenschaft arbeitet für das Judenthum, für den Sieg voll Ideell des Alten Testaments, die so gewiß einst die ganze Welt erobern werden, wie sie einen Theil bereits erobert haben. Das Judenthum ist nicht eine Religion, seine Grundwahrheiten sind die Religion. (Forts, folgt.» Ein Irrthum der Otto Ernst. Bon Rabbiner Dr. Friedmann in ^ublinitz. (7«n seinem neuesten Drama „Die größte Sünde" geißelt Otto Ernst den kirchlichen Zwang der Gesellschaft, welcher den wahrheitsliebenden, überzeugungstreuen Menschen rücksichtslos in den Ruin zu stürzen sich nicht scheut. Doch dies wäre kein Grund, das Drama in diesem Blatte zur Sprache zu bringen, da sein Inhalt im Allgemeinen gar keine Beziehung zum Judenthum anfweist. Nur ein Wort, wenn auch so nebenbei ausgesprochen, veranlaßt mich zu einer Richtigstellung.