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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-04-18 · Heft 16 (18.4.1902) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 16 (18.4.1902)
Date
1902-04-18
Page
Seite 188 (sequence 10)
Language
German
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188 sondern sieht in ihm perverse sittliche Verfassung, entstanden aus böser Neigung und Selbstsucht. Atheismus ist „Welwla", das ist Frivolität, eine gewissenlose Auffassung und Behandlung sittlicher Verpflichtungen, und demnach die Unfähigkeit, in moralischen Dingen richtig zu urtheilen. N. ist moralische Thorheit, das Urtheil wurzelt im Willen. Ein philosophischer Atheismus ohne Beeinträchtigung der praktischen Sittlichkeit würde ihr zwar das Fundament entziehen, hätte aber für die Bibel nichts Empörendes und würde sich bei richtiger Auffassung des Begriffes „Gott", den zu leugnen widersinnig wäre, bald als ein Streit um Worte Herausstellen. Solche Sätze wie der des Talmud stammen ans einer ganz anderen Vorstellungswelt. Sie sind heidnisch und christlich. Cs ist eine noch lange nicht genügend gewürdigte Thatsache, daß der Talmud durchtränkt ist von griechisch-römischen, christlichen und noch anderen Anschauungen, daß es kein einziges Gebiet giebt, auf dem er eine ungetrübte Ueberlieferung des biblischen Alterthnms darstellt, daß er vielmehr dem Geiste der Bibel oft fast entfremdet und die sogenannte Tradition in ihrer orthodoxen Definition nichts als eine dogmatische Konstruktion ist. Der Talmud ist im Wesentlichen die Auseinandersetzung und Verschmelzung des selbst schon nicht mehr ungetrübten nach» exilischen Judenthums mit Religion, Philosophie, Wissenschaft, Recht und Sitte des zur Neige gehenden griechisch-römischen Alterthnms. aber auch schon sehr erheblich durch das Christenthum und noch mehr durch seine Sekten beeinflußt. Ich behaupte, daß man keine Seite im Talmud und Midrasch ohne beständige Orientirung an der zeitgenössischen Bildung und Kultur versteht, und daß die Wissenschaft noch zeigen wird, daß gerade das, was mau für „spezifisch jüdisch" hält, z. B. das Gesetz als Lebensordnung, die Gesetzlichkeit als Sittlichkeits- Prinzip, der Midrasch, der dialektische Geist u. a., fremder und zwar fast immer griechischer Herkunft ist. So ist auch aller Dogmatismus fremder, christlicher Herkunft. Um dies zu erkennen, muß sich die jüdische Forschung allerdings erst mit ganz anderer Intensität dem Studium der Zeit zuwenden, in welcher sich jener Prozeß vollzog. Dieselbe ist für nns viel wichtiger als die spanisch-arabische Epoche, die doch nur eine Episode ist. Das Christenthum war von vornherein auf den Glau den gegründet: auf die Ueberzeugung, daß Jesus der Sohn und Gesandte Gottes und auf die Thatsache, daß er von den Tobten anferstanden sei. Aber kaum entstanden, spaltete es sich in eine Unmenge Sekten, die seine ursprünglichen Glaubenssätze sehr verschieden deuteten und seinen Bestand ernstlich gefährdeten. Demgegenüber sah sich das offizielle Christenthum genöthigl, einen Glaubensstand zu formuliren und festzustellen, was mau glauben müsse, um ein wahrer Christ zu sein, Irrlehren aber als verdammlich zu brandmarken. Daher ist die Geschichte des Christenthums eine Geschichte immer neuer Formulirungen des rechten Glaubens gegen immer neu auftauchende Irrlehren, also Dogmeugeschichte. So begann man schon im zweiten Jahrhundert Ketzerkataloge anzufertigen, welche die Shstematisirung der schon im Neuen Testament häufigen Verdammungsnrtheile darstellen. EL war eine Zeit wilder Gährung, einer unerhörten Neligionsmischerei und des schrankenlosen religiösen Subjektivismus, denen gegenüber ein positives Bekenntniß sich auf das Straffeste znsammenfassen mußte. Diesem Streben oder Zwang entzog sich auch das Judenthum nicht, und die erste Mischna des elften Traktats Sanhedrin, ans dem obiger Satz stammt ist nichts anderes als ein dem Christenthum nach ge «hinter Ketzerkatalog, der sich namentlich gegen die philosophische Tagesbildung, in der Judenthum und Christen thum den gemeinsamen Feind bekämpfen, richtet. Eine dem Griechen, d. i. dem damaligen Gebildeten bc sonders fremdartige und anstößige Lehre war die leiblich. Auferstehung der Tobten, welche in das Judenthum und von da in das Christenthum wahrscheinlich aus der parsischen Religion gekommen ist. Im Judenthum hat diese Lehre schon sehr früh Eingang gefunden, und als man nach griechischen Vorbilde die allmälig und unabhängig von der Bibel ent standenen neuen Erkenntnisse, Gesetze, Einrichtungen und Sitten dadurch legitimirte, daß man sie durch allerlei Auslegung« fünfte schon in der Thora angedeutet nachwies, war es amt nicht schwer, Schriftbeweise für die Auferstehung der Tobten zu finden. Auf diesen Nachweis legte man so großes Gewicht daß man Jeden für einen Ketzer erklärte, der ihn bestritt Beweis genug, daß er bestritten worden sein muß, und die; mit sehr guten Gründen, denn sonst hätte man den Glauben daran nicht zu befehlen brauchen. Das Christenthum mußte natürlich einen noch größeren Werth auf diese Lehre legen und bemühte sich auf alle Weise, sie den Heiden an nehmbar zu machen. Der Satz von der Inspiration der Bibel von der göttlichen Herkunft ihres Buchstabens hat zwar bereit; in der Bibel selbst bedeutsame Anknüpfungen, aber in den: Sinne, daß auch die Darstellung der biblischen Geschicht. bnchstäbliche göttliche Offenbarung sei, ein Satz, der mit den anderen zusammenhängt, daß die Thora schon von Anbeginn de Schöpfung völlig fertig bei Gott gelegen habe und nach Ab lauf einer gewissen Zeit dem Mose eingehündigt worden sei — solche Sätze gehen höchstwahrscheinlich durch Vermittelung jüdisch-alexandrinischer Philosophie auf griechische Gedanken insbesondere ans die platonische Jdeenlehre, nach welcher e ein vorweltliches Urbild der Welt giebt, zurück, nicht ohne dag auch ägyptische durch stoische Philosophie beeinflußte Theologin mena mitgewirkt haben. Das Christenthum hat denselben Satz ausgestellt, nur daß es für Thora Logos und Christus sagte Auch die Strafe der Ketzer ist, wie überhaupt die Vor stelluugen jener Zeit von Himmel und Hölle, unbiblisch. Di Bibel spricht bekanntlich nie von einem Jenseits, und das »n Absicht, nicht um es zu leugnen, denn der Glaube daran in eine kaum abzuweisende Konsequenz der wahren Religion sondern um gegeu die ivüsten Vorstellungen des Heidenthnm zu protestiren. Aber in dem Jahrhundert Jesus', das nick mehr die Kraft des biblischen Protestes hatte, brach diese Wahn mit Macht über die geängstete Menschheit herein, um die Schilderungen von Himmel und Hölle, ansgemalt nact ägyptischeil und griechischen Anschauungen, sind die Lieblings themata der religiösen Schriftsteller, welche damit den leidende! Frommen trösten und den Bösewicht schrecken wollen. Dies Wenige mag genügen, die Entstehung des talmudischen Satzes verständlich zu machen und die Quelle jener Auffassung nach der ein Zweifel an dein Buchstaben der Schrift mit Verdaminniß belegte Ketzerei und Sünde ist, aufznzeigen. Die Aufstellung eines solchen Satzes war vielleicht eine geschichtliche Nothwendigkeit, mochte auch zu gewissen Zeiten eine gewisse disziplinäre Berechtigung haben, aber wenn man ihn für absolut verbindlich hinstellen wollte, dann ist es nothwendig, mit allem Nachdruck zu betonen, daß das Judenthum

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