Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1902)
- Date
- 1902-04-18
- Page
- Seite 187 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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187 Das Indenthum und die Ergebnisse der Assyrislsgie. Von Rabbiner Dr. B. Jacob in Güttingen. Zeit zu Zeit geht durch die Tagesblätter eine Mittheilnng über „neueste Forschungen", durch die wieder einmal nachgewiesen sein soll, dies oder jenes u der Bibel sei nicht wahr, oder diese und jene Wahrheit, d e man bisher den Israeliten zu verdanken meinte, hätten sie em anderen Völkern entlehnt. Es handelt sich hierbei für uns Juden um eine Lebensfrage, gegen die alles, was uns ust beschäftigt, bedeutungslos ist. Denn nicht nur die weltschichtlichen Ansprüche des Judenthums werden damit veri> int, auch sein Fundament, das Alte Testament, scheint ihm ltzogen zu werden. Diese Besorgniß konnte durch Zeitungsreferate über einen ortrag, den der Assyriologe an der Berliner Universität, Professor Friedrich Delitzsch, vor dem Kaiser gehalten hat, mid der bald darauf im Druck erschienen istr), von neuem geeckt werden. Weniger freilich durch den Vortrag selbst. Von uer einzigen, allerdings folgenschweren Aufstellung abgesehen, e ühält er nichts, was nicht Allen, die sich um diese Dinge k -mmern, längst bekannt ist. Auch ist Delitzsch weit entfernt, e Bibel herabzusetzen, sondern im Gegentheil von Ehrfurcht gen das heilige Buch und die Propheten Israels durchnngen, was Niemand, der von dem Verfasser weiß, anders wartet haben wird. Nichtsdestoweniger ist die Schrift ein neuter Mahnruf an das Judenthum, sich über die Ergebnisse r von Delitzsch vertretenen Wissenschaft zu erklären. Da aber de auch noch so sachliche Bestreitung derselben von religiös i teressirter Seite in dem Verdachte dogmatischer Voreinmnommenheit steht, so ist es uöthig, zuvor unsere grnndtzliche Stellung gegenüber der freien Forschung und modernen mttestamentlichen Wissenschaft in aller Offenheit und Klarheit, - .rzulegen. „Die geistreichen Darlegungen des bekannten Gelehrten morden der kirchlichen Bibelauslegung noch viele Schmerzen - reiten." — „Es hilft nichts, daß die „rechtsstehenden" Zei-! ngen und Zeitschriften in thörichter Polemik gegen Delitzsch ' e Sprüchlein anfsagen: „Die Bibel ist Gottes Wort — Gott l nn sich nicht irren" — orZo hat sich die Wissenschaft dein uchstaben der Bibel unterzuordnen." Mit diesen Bemerkungen wurde das Referat über den ntrag in einer vielgelesenen Tageszeitung begleitet. In der That ist dies der Standpunkt christlicher Orthodoxie ' engster Observanz. Wenn die Bibel im ersten Kapitel die meltschöpfung in sechs Tagen erzählt, dann ist dies die reine l rchstäbliche Wahrheit, und keine Wissenschaft darf darin irre rachen. Die Bibel ist Gottes Wort, und Gott kann sich nicht irren. - enn Jesus die Thora als ein Werk Moses citirt, dann sind b e fünf Bücher von Mose, was auch immer die Bibelkritik d pi sagt, denn Jesus konnte nicht irren. Ist dies auch der m.andpunkt des Judenthums? Es muß der Wahrheit gemäß l kannt werden, daß es eine jüdische Orthodoxie gab und a bt, welche der christlichen an Kraßheit und Strenge um u -hts nachsieht. Der Talmud lehrt: Folgende haben keinen h Babel und Bibel. Ein Vortrag von F. D. Leipzig, 1902. L. Hinrichs. Antheil an der zukünftigen Welt: Wer behauptet, die Wiederbelebung der Todten sei keine biblische Lehre, wer die göttliche Herkunft der Thora bestreitet, ja wer auch nur von eine in einzigen Verse sagt, nicht Gott habe ihn gesprochen, sondern Mose von sich aus, desgleichen wer die Göttlichkeit irgend einer überlieferten Deutung bestreitet. Dieser Satz ist ein Dogma des offiziellen Judenthums, und sein größter Dogmatiker, Moses Maimonides, erklärt sogar schon den für einen Ketzer, der auch nur ein Wort in der Thora leugnet, obgleich er die Buchstäblichkeit eines großen Theils der Thora selber geleugnet hat. Es ist also unbestreitbar, daß jeder^Jsraelit, der die Göttlichkeit und Verbindlichkeit auch nur der geringsten Aeußerung der schriftlichen oder mündlichen Lehre leugnet, geschweige denn die Abfassung des ganzen Pentateuchs durch Mose, der ihn wörtlich nach Gottes Diktat niedergeschrieben hat, nach Talmud und Rabbinen ein Ketzer ist und keinen Antheil an jenem Leben hat, sondern auf ewig verdammt ist. Es ist gegenüber mildernden, aber irreführenden Umdentungeu nothwendig, die Dogmen der Orthodoxie einmal in voller Deutlichkeit hinzustellen. Wie Viele, die sich „orthodox" nennen, mögen wohl eine Ahnung haben, zu welchen Ungeheuerlichkeiten sie sich damit verpflichten? Aber Niemand zittere ob jener Drohungen! Wer sich sagen müßte, daß er nach diesen Sätzen ein Ketzer ist, der tröste sich damit, daß Gott weder den Talmud noch Maimonides bevollmächtigt hat, die Plätze im Himmel und in der Hölle zu vertheilen, und daß nichts gewisser ist als dies: daß Gott diejenigen liebt, die die Wahrheit redlich suchen, und vielleicht gerade die aufrichtigen Zweifler am ehesten Antheil am zukünftigen Leben haben und dort die ersehnte Klarheit finden werden. Jede im Judenthum anftretende Lehre hat ihre Berechtigung vor der höchsten Instanz, der Bibel, nachznweisen. Was dem Geist der heiligen Schrift widerspricht, ist nnjüdisch, das heißt unbiblisch, unisraelitisch, und wenn es durch die höchsten Autoritäten gedeckt ist. Nach dem Geiste der Bibel aber ist eine jüdische Orthodoxie, das heißt Rechtgläubigkeit, ein Widersinn wie hölzernes Eisen. Das Judenthum ist nach seinem innersten, durch die Bibel bestimmten Wesen nicht ein rechter Glauben, sondern ein rechter Wandel. Judenthum als Religion ist auf Gott gegründete Sittlichkeit. Dies ist es, was die Propheten, die maßgebendsten Lehrer Israels, unermüdlich predigen. Aber der Begriff einer Orthodoxie, nun gar in wissenschaftlichen, litterarischen, historischen oder archäologischen Fragen, ist der Bibel völlig fremd. Die Geschichtlichkeit der Genesis oder die Autorschaft Moses ist dem biblischen Alterthum so gleichgiltig, daß z. B. die Propheten die Namen der Erzväter und Moses kaum erwähnen, geschweige denn für die Buchstäblichkeit der Berichte über sie eifern. Man versuche, die obigen Sätze des Talmud und Maimonides irgend einem Propheten unterzulegen, um sogleich die Unmöglichkeit einzusehen und sich des himmelweiten Abstandes bewußt zu werden. Wir finden in der Bibel oftmals aufgezählt, was zu einem Frommen gehört, wer Gott wohlgefällig ist, aber niemals findet sich darin die Forderung dogmatischer Ueberzeugungen. — Ja selbst der Glaube an Gott wird nicht als eine dogmatische, sondern als eine moralische Ueberzeugung gefordert. Die biblische Bestreitung des Atheismus macht ihm nicht mangelhafte oder verkehrt^gerichtet<Jntelligeuz zum Vorwurf, sucht ihn daher auch nicht mit Gründen zu widerlegen