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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-04-11 · Heft 15 (11.4.1902) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 15 (11.4.1902)
Date
1902-04-11
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 Recht wegen ihrer Zahl und der in ihr vorhandenen Intelligenz die Führerschaft innerhalb der deutschen Indenheit besitzt, recht zahlreiche Mitglieder diesem Vereine zusühre, der wie kaum ein zweiter berufen erscheint, eine grundlegende Umwälzung der Verhältnisse der deutschen Juden zum Besseren herbeizusühren. §2 Berlin, 5. April. Der Verein Erster israelitischer Volkskin d erga r 1 en nnd Kinderhort zu Berlin, welcher den Zweck verfolgt, arme jüdische Kinder vom 3. bis 14. Lebensjahre tagsüber in Obhut zu nehmen und zu verpflegen, und durch geprüfte Kindergärtnerinnen unterrichten zu lassen, ist im Jahre 1897 gegründet worden. Es hat sich sehr bald herausgestellt, daß ein solcher Verein für die arme jüdische Bevölkerung Berlins eine Nothwendigkeit sei, denn während in den ersten Jahren des Bestehens desselben nur 50 bis 60 Kinder monatlich Aufnahme suchten, hat sich die Zahl in den letzten Jahren auf durchschnittlich monatlich 100 Kinder erhöht, wobei zu berücksichtigen ist, daß sich in der Zwischenzeit ein zweites Institut mit gleicher Tendenz gegründet hat, welches nicht minder von den Bedürftigen ausgesucht wird. Die erhöhte Frequenz ist selbstverständlich, wenn man erwägt, daß das Institut durch Beaufsichtigung, Verpflegung und Ausbildung der Kleinen, und zwar von früh 8 Nhr bis Abends 7 Uhr. iusonderlich auch die Eltern in den Stand setzt, ihrem Berus und Erwerb ohne Sorge nm ihre Kinder uachgehen zu können, ein Umstand, der sie vor dem Schritte, fremde Hilfe erflehen zu müssen, in vielen Fällen bewahrt. Der Verein, fast ohne Mittel ins Leben gerufen, wird lediglich durch Beiträge seiner Mitglieder erhalten. Die größeren Ansprüche haben eine immer weitere Ausdehnung der Räumlichkeiten und Vermehrung der Lehrkräfte erforderlich gemacht, während infolge der schlechten Zeitläufte die Beiträge nicht besonders gestiegen sind. In Würdigung der Thätigkeit des Vereins hat es demselben an Zuwendungen und Spenden bei besonderen Gelegenheiten nicht gefehlt, indetz ist der Vorstand doch nach reiflicher Prüfung, und in Erwägung, daß es fast zur Unmöglichkeit wurde, passende Lokalitäten miethweise zu finden, zu der Ueberzeugung gekommen, daß ein gesichertes Bestehen des Vereins nur erzielt werden kann, wenn es gelingt, demselben ein eigenes Heim zu schaffen. Hierzu aber bedarf er der thätigen Mitwirkung edler Menschen. Der Vorstand wendet sich deshalb an alle edeldenkende und hilfsbereite Frauen und Männer unserer Glaubellsgemeinschaft, und bittet sie, das Unternehmen, ein eigenes Heim zu gründen, durch einen einmaligen Beitrag zu unterstützen. Der Vorstand besteht aus Herrn Geheimer Sanitätsrath Dr. Ehrenhaus und den Damen Frau Justizrath Rosenheim und Frau Elise David. L2 Berlin, 6. April. Das Komitee für Ferienkolonien jüdischer Kinder (Vorsitzender Herr Ad. Mayer. Breitestraße 8/9) hat den 17. Jahresbericht allsgegeben. Danach ist im vergangenen Jahr 353 Kindern ein vierwöchentlicher Sommeraufenthalt verschafft worden. In der Eugen und Amalie Nosenstiel-Stiftnng in Bad Elmen wurden 93 Kinder untergebracht. Zur Begründung eines Heims an der Ostsee haben die Berliner Logen U. O. B. B. 8000 Mark, der Frauenverein dieser Logen 2000 Mark gespendet. In unentgeltlicher Pflege waren 118 Knaben und 106 Mädchen. In Briefen (Westpreußen) allein fanden 30 Kinder Aufnahme. Herr Lehrer Schapira macht sich durch sorgliche Bewachung und Führung der Kinder besonders verdient. Den Bemühungen der Herren Oberkantor Sarasohn in Stettin und Lehrer Borchardt in Samter sind zahlreiche Freistellen zu verdanken. Die Einnahmen des Vereins betrugen 12025.40 Mark, die Ausgaben deckten sich mit den Einnahmen. Bis jetzt hat das Komitee 3835 Kinder versendet und dafür 108 306.90 Mark verausgabt. Es besteht aus den Herren Ad. Mayer. Vorsitzender, B. Benjamin, Julius Cohn, Louis Kreslawsky, Sanitätsrath Dr. Maretzki, Rechtsanwalt Timendorfer. n. Wrescheii, 3. April. Mit dem 1. Oktober v. I. wurde Herr Lehrer H. Wolfs nach vierzigjähriger Amtstätigkeit (39 Jahre in unserer Gemeinde) auf sein Ansuchen in den Ruhestand versetzt. Gleichzeitig gab er auch sein Lehramt an unserer Neligionsschule auf. Leider konnte sich Herr Wolff nicht entschließet!, sein otium äi'snitatis an der Stätte seiner Wirksamkeit zu genießen, und so mußten wir mit seinen! jetzt erfolgten Fortgange ihn und seine ebenbürtige Gattin aus einer Reihe von Ehrenämtern scheiden sehen. Aus diesem Anlasse wurde vom Frauenvereiu, der seit seiner Begründung in Frau Wolff ein äußerst tüchtiges Vorstandsmitglied besaß, und von dem Esrielverein, den Herr Wolff mit begründen half, dem scheidenden Paare eine stilvolle Abschiedsfeier veranstaltet. Dieselbe fand unter großer Betheilignng am ersten Purimabende statt und legte durch ihre,! würdigen Verlauf Zeugniß ab von der großen Liebe und Verehrung, deren sich beide zu erfreuen gehabt. Nach dem vom Rabbiner Dr. Lewin gehaltenen Kaisertoaste feierte der als Gast anwesend? Kreisschulinspektor Dr. Winter Herrn Wolff in längerer Rede al; einen jederzeit pflichttreuen und gewissenhaften Lehrer, dessen Personal akten selbst voll dem geringsten Tadel frei seien, und der sich auch in dem Pestalozzi-Zweigvereinsvorstand sehr bewährt habe. Her Dr. Lewin überreichte nunmehr unter innigen Worten der Anerkennung seiner Verdienste um den Esriel-Verein Herrn Wolff ein schönes Album und machte ihm Mitteilung von seiner Ernennung zum Ehrenmitglied, während Frau Wolff vom Vorstande dc; Frauenvereins das ihr gewidmete Ehreumitgliedsdiplom übergeben wurde. Nach einer Reihe ernster und heiterer Ansprachen dankte der Gefeierte für sich und seine Gattin tiefbewegt für die zahlreichen Br weise der Anhänglichkeit seiner Gemeinde und gab auch in diesen seinen Abschiedsworten ein schönes Zeugniß von feiner religiösen! sinnung, die ihn allezeit anszeichnete. Um Mitternacht trennte man! sich in dem Bewußtsein, schöne, angeregte Stunden zu Ehren eine; würdigen, wohlverdienten Paares verlebt zu haben. Aehnliche Ane, kennungen waren Herrn Wolff auch vorher bereits zu Theil geworder, unter anderen von dem Lehrerverein und von der Religionsschul. Wir schließen unseren Bericht mit dem Wunsche, daß es Herrn und Frau Wolff vergönnt sein möge, noch recht viele glückliche und heitere Jahre eines ungetrübten Alters zu verbringen. x. Gr. Strehlitz O.-S., 5. April. Am 22. v. M. feierte Herr Kantor und Nelig ionslehr er Steiner das Jubiläum seimr 25 jährigen Amtsthätigkeit am hiesigen Orte. Dieser Tag bot d> r Gemeinde und den Schülern von Nah und Fern erwünschte Gelege, heit, ihrem treuen Beamten und verehrten Lehrer die Gefühle herzliche Liebe und Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Vormittags erschau der Vorstand in der Wohnung des Jubilars, und der Vorsitzende Herr S. Grätzer, ergriff das Wort, um in längerer, zu Herzen gehend e Rede dessen Verdienste zu würdigen, und überreichte im Aufträge d r Gemeinde unter herzlichen Worten der Anerkennung seiner law,- jährigen treuen Dienste ein kostbares Ehrengeschenk. Hierauf statte n Herr Geheimrath Grätzer Namens des Repräsentantenkollegiums herzlic! e Glückwünsche ab, und zwei Vertreter ehemaliger Schüler brachttn ebenfalls eine ansehnliche Ehrengabe dar. Mehrere Mädchen übe reichten unter Vortrag passender Gedichte Blumenspenden. Vie? Freunde und Bekannte aus allen Ständen der Bevölkerung gratulirte, persönlich, und groß war die Zahl der Glückwünsche und Angebiiü? aus der Ferne. Herr Steiner, sichtlich überrascht und ergriffen, dank e in einer längeren, von tiefer Bewegung zeugenden Rede für die ihm von allen Seiten erwiesene Ehre und versprach, auch in Zukunft ml seine Kraft einzusetzen für das Wohl der Gemeinde. Abends fand i i Schönwald'schen Lokale ein Kommers statt, an welchem sich fast al t Gemeindemitglieder betheiligten. Herr S. Grätzer brachte den Triw spruch in einem humorvollen, auf den Jubilar bezüglichen Gedieh e aus. Gesang und Scherz würzten das gemüthliche Beisammensein bis in später Stunde. Möge dein verehrten Herrn Jubilar noch ein? recht lange, glückliche Amtsthätigkeit beschieden sein! f. Leipzig, 8. April. Am 11. April ist der zwanzigste Todestug Jakob Nachods, des früheren Vorsitzenden des Deutsci- Israelitischen G e m e i n d eb u nd es, dessen Name in einer groß n Zahl von wohlthätigen Stiftungen verewigt ist. Jakob Nachod w-r am 22. März 1814 am Neumondtage des Pessachmonats Nissan geborm und ist am 11. April 1882, am achten Tage des Pessachfestes, zn ewigen Heimath eingegangeu. Nachod stammte von armen Elter i. Er besuchte die Samsonschule in Wolfenbüttel, der er ein namhaft s Vermachtniß Lnnterließ „zum Andenken an meine dort erhaltene Erziehung" und kam zu einer Zeit, in der Inden in Sachsen ausnahmsweise einen festen Wohnsitz haben durften, als Theilhaber ein r emporstrebenden Weltfirma, die hauptsächlich dem Export nach Ameriia dient und dabei ein Bankgeschäft betreibt, zu großem Wohl stände aus eigener Kraft, ohne ererbtes Vermögen. Die Weltfinna Kuauth, Nachod und Kühne hat die Erzeugnisse deutschen Gewerb steißes in Amerika heimisch gemacht und der vaterländischen Jndustr eine Quelle des Wohlstandes erschlossen. Vom Beginn seiner weiten,- greifenden gemeinnützigen Thätigkeit an widmete sich Nachod dem Wohle seiner Glaubensgenossen in erster Reihe. 30 Jahre alt, l" gründete er im Jahre 1844 die Gesellschaft der Freunde in Leipzig.

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