Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1902)
- Date
- 1902-04-11
- Page
- Seite 180 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228489--58553-3295007- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ISO opfern bereit ist. Ich verlasse mich nicht auf Wunder, aber ich vertraue der Kraft der Wissenschaft und des menschlichen» Willens, den ökonomischen Gesetzen und der historischen Nothwendigkeit. Jene glaubten an eine himmlische, ich an einß. menschliche und natürliche Erlösung. Und der gesunde Sinn unserer Alten täuscht sie nicht, wenn sie fühlen, daß meine starke Sehnsucht nach der Urheimath nicht „jüdisch" in ihrem Sinne ist, sondern allgemein menschlich, europäisch. Ich wechsele meine Religion nicht, denn ich habe keine, und fühle kein Bedürfniß nach einer neuen. Ich gehe in meiner nichtjüdischen Umgebung nicht auf, weil ich zum Aufgehen keine Eignung besitze, weil offenbar meine Individualität zu stark ist, um von meiner Umgebung aufgesogen werden zu können. Ich assimilirte mich darum nicht, weil ich nicht sein kann, was ich nicht bin, denn trotz meiner furchtbaren Kühle allen religiösen und traditionellen Dingen gegenüber, trotz meiner allgemeinen Bildung und meines Widerspruchs gegen Sitte und Brauch der Väter, fühle ich doch mit einer jeden Faser meines Herzens und in einem jeden Winkel meines Hirns, daß ich Jude bin. Ich bin Jude, weil ich es sein muß, ich bin es unbewußt und unwillkürlich, obgleich ich das Wesen meines Judenthums, seiu wahres Gepräge und seine echte Farbe nicht kenne. Eines weiß ich, eines fühle ich, daß, obgleich ich meinen Vorfahren und ihren schlichten Glauben untreu geworden bin, ich doch daheim wie draußen Jude geblieben bin. Befinde ich mich in Gesellschaft voll Glaubensgenossen der älteren Generation, Jude» altfränkischen Stils, so fühle ich mich geistig fremd, und es kommt mir vor, als gähilte ein Abgrund zwischen mir und ihnen, ich glaube beinahe nicht, daß wir etivas gemein haben. Komme ich aber in nichtjüdische Gesellschaft, so werde ich sogleich inne, wie lebhaft mein Judenthum in mir ist. — jenes mir unklare Judenthum! — und wie stark meine Verwandtschaft mit den Juden, sogar den verflossenen Geschlechtern, ist. Ich habe kein Positives Jndenthuiil, aber die negativen Wirkungen meines Judenthums sind stark. Das Ghettojudenthum ist mir fremd, aber noch fremder ist mir das europäische Judenthum, dieses unglückliche Geschöpf. Ich trete auf den ersten Blick wie ein Europäer auf, aber das Europäerthum hat mich nicht durchdrungen, hatImein inneres Wesen nicht umgewandelt. Unter den Ariern habe ich gelebt, auf ihren Hochschulen habe ich gelernt, an ihren Festgelagen habe ich theilgenommen, mit ihren Töchtern habe ich getanzt, ihre Bücher habe ich zu meinem geistigen Besitz gemacht, und dennoch kann ich keineswegs ihnen in allen Stücken gleichen. Die Kluft, die mich von ihnen scheidet, ist noch tiefer als jene zwischen mir und meinen Alten. Sowohl ich als Jene, nämlich die Arier, fühlen es ganz genau, daß wir uns mit einander nicht ohne Rest amalgamiren können. Aber für mich besteht das Uebel darin, daß ich auch'nicht mehr Jude sein kann in jener schlichten und natürlichen Weise wie alle meine Brüder. Unsere erstell Aufklärer liebten alle Menschen, oder strebten wenigstens danach, sie waren, Kosmopoliten. Ich Unglücklicher aber fühle die ganze Leere dieses Ausdrucks. Ich bin kein Kosmopolit. Ich liebe nicht alle Menschen in gleichem Maße, aber ich bin auch kein Nationalist von ganzem Herzen und ganzer Seele. O Brüder, sagt mir, was und wer ich bin! Erweist mir die Gnade und gebt mir ein Positives Judenthum, positive Ideale, und ihr werdet meine Seele retten. Fitterarische Mitteilungen. — Ein gern gesehener Gast in vielen Familien wird das Jahr buch für jüdische Geschichte und Litteratur (Berlin 190^. 5. Band. Albert Katz), das der Verband der jüdischen Litteratur vereine in Deutschland seit mehreren Jahren herausgiebt, auch dies mal in weiteren Kreisen eine freundliche Stätte finden. Es enthält auch diesmal eine Fülle von belehrenden und unterhaltenden Beiträgen aus der Feder hervorragender Autoren. An der Spitze steht der Rück blick auf die Ereignisse des Jahres von Professor Philippson und die literarische Jahresrevue vom Herausgeber dieses Blattes, dann folgt eine sehr werthvolle Studie aus dem Nachlasse des seligen Neligionsphilosophen S. L. Stein he im über die Mosesstatue von Michel Angelo mit einer biographischen Einleitung von dessen Neffen Rabbiner Dr. L ucas-Glogan; über jüdische Aerzte plaudert in an regender und unterrichtender Weise der Bndapester Universitätsdozem Dr. Maximilian Schächter, der das Thema vom historischen uni allgemein menschlichen Standpunkte aus in eine sehr interessante Be lenchtung rückt; ein werthvoller Beitrag zur deutschen Kulturgeschicht ist die Studie von Adolf Ko Hut über den berühmten oder vielmeh berüchtigten württembergischen Finanzmann Joses Süß-Oppenheimer die eine gerechtere Beurtheilung dieses merkwürdigen Staatsmannes als es bisher möglich war, anznbahnen sucht. Es folgt sodann die aus gezeichnete Gedächtnißrede. die der Rektor der.Wiener israelitischen theo logischen Lehranstalt, Prof. Schwarz, bei der vom Berliner Litteratur verein veranstalteten Centenarfeier auf Zacharias Frankel gehalten hat Von höchstem Interesse find die Mittheilnngen aus dem Briefwechsel von Zunz und David Kaufmann, deren erste Hälfte Dr. M. Braun ü diesem Hefte giebt. Die liebevolle Verehrung, mit der sich der Jünge dem Meister seiner Wissenschaft nähert und die halb ablehnende uni erst langsam sich erwärmende Haltung des Meisters diesem hochbegabter Jünger gegenüber — beides ist von gleichem Interesse. Der belletristischen Theil des Jahrbuches füllen eine hübsche Erzählung am dem modernen Leben „Ein Schwächling" von Bertha Pappenhein und ein anmuthiges biblisches Idyll von Martha Hellmuth aus Eine werthvolle Beigabe znm Jahrbuch bilden auch diesmal die Mit theilungen aus dem Verbände der Vereine für jüdische Geschichte mtt Litteratur, die der geschäftsführende Ausschuß der Oeffentlichkeit nun mehr zum zweiten Male unterbreitet. Wir entnehmen derselben di erfreuliche Thatsache. daß gegenwärtig 152 Litteraturvereine in Deutsch land existiren. Die Mittheilungen über die Arbeit der einzelne! Vereine bieten sehr interessanten Stoff zu einer eingehenden Betrachtung die wir uns für eine passende Gelegenheit ausheben wollen; für diesma begnügen wir uns, auf das Jahrbuch hingewiesen zu haben, mit den Wunsche, daß es auch außerhalb der Litteraturvereine recht viele Freund, finden möge. ,"sA2N von R. Schemtob b. Josef ibn Falaqnera, zun ersten Male herausgegeben von Rabbiner Dr. David in Bochun (Berlin. Poppelauer, 1902, XII und 92 Seiten.) Obgleich der viel berufene Mäcen der jüdischen Wissenschaft in Deutschland noch imrne' nicht aufgetreten ist, so schließt sich doch auch so nach und nach manch litterarische Lücke. Schemtob Falaqnera ist vielleicht kein Denken 1. Ranges, aber jederzeit von Munk bis auf Bloch, der ihn treffeneinen Popularphilosophen aus Maimunischer Schule nennt, für be deutend genug angesehen worden, um den Wunsch nach dem Besü seiner Schriften zu rechtfertigen. Nachdem 1894 L. Venetianer mi dem Sefer Hamaaloth vorangegangen, ist die hier zuerst auf Grund von vier Handschriften erfolgte Edition obiger Schrift eine wichtige Fortsetzung, die uns Falaqnera wieder um vieles näher bringt. Dü Schrift ist eine Art Grundriß der Wissenschaften, eine Einführung in jene höheren Studien, die seiner Zeit (der Verfasser lebte ca. 1225 bis 1290) die Juden Spaniens und Südfrankreichs anSzeichneten, und von ihnen mit so großem Erfolg betrieben wurden. Der Ausbau zeigt folgende Struktur: Sprache und Denken, Logik und deren Theile. Mathematik und deren Zweige (zu denen recht griechi schlauch Musik, und recht modern, auch Mechanik und Experimentirkunst gehören), Naturwissenschaften, Staats- und Rechtskunst, endlich Philosophie als Ziel und Gipfelpunkt menschlicher Weisheit und Glückseligkeit. Dr. David hat das Buch mit einer knappen Einleitung versehen, die alle wünschenswertheu biographischen und litterarischen Notizen über den Verfasser enthält. Der hebräische Text stellt sich nicht nur korrekt, sondern schön dar, ähnlich wie in den Editionen der Mekize Nirdarrürn Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Ba uchwitz in Berlin.