Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1902)
- Date
- 1902-04-11
- Page
- Seite 179 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit Jahrhunderten rufen uns die Philosophen zu: „Der Gipfel aller Weisheit ist die Selbsterkenntniß." Gut. Aber vo ist der Meister, der Philosoph oder Psychologe, der mich nicht die Erkenntniß seines, sondern meines eigenen Wesens lehren würde? Ich weiß zum Beispiel, daß ich Jude Sin, ich fühle es sogar auf eine gewisse dunkle Weise, aber, ich gestehe es zu meiner Beschämung, ich weiß nicht, worin das Wesen meines Judenthums besteht. Mein Glanbe oder Unglaube sind der Glaube oder Unglaube weder eines Juden noch eines Nichtjuden, sondern eines Europäers, der sich mit den modernen Naturwissenschaften und der Philosophie vertraut zeinacht hat. Ich „glaube" au das Gesetz der Evolution, der Erhaltung der Energie, an die Bewegung der Atome und die organische Zelle, ich glaube an die Identität von Materie und Geist, Sie zwei untrennbare Erscheinungsformen desselben Wesens sind, kurz, ich anerkenne alle jene Hypothesen und Theorien, auf denen sich die moderne Naturwissenschaft aufbant. Selbstverständlich glaube ich au das Vorhandensein eines höchsten Wesens, das mir unfaßbar ist. Aber dieser mein Gott ist eine blinde Kraft, eine Urkraft. Ich aber sehne mich nach einem lebendigen Gott, nach einem Gott der alle Augenblicke an seinem Schöpferwerk arbeitet, einem Gott, der alles sieht und weiß; ich suche ihn, habe ihn aber noch nicht gefunden, noch nicht entdeckt. Sei dem, wie ihm sei, mein Gott ist nicht inehr der Gott meiner frommen Vorfahren, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Einen Nationalgott, einen jüdischen Gott habe ich nicht. Die Wahrheit ist das Ziegel des Gottes meiner Vorfahren, und im Namen der Wahrheit lege ich dieses Geständniß ab. Ich bin freilich Jude an Seele und Geist, aber ich befolge nicht die Ritualgesetze der Thora, des Talmud und des Schnlchan Aruch. In Sitte and Brauch, im Umgang mit Menschen und mit meinem Zchöpfer bin ich nicht Jude, sondern Europäer, Europäer in rllen Vorzügen und Gebrechen. Meine Moral, meine Tugenden and Ansichten sind nicht die eines Juden, sondern die meines Zeitalters und meiner Umgebung, ins spezifisch Individuelle abersetzt. Eine jüdische Moral, eine überkommene Lehre habe ch nicht, noch wüßte ich zu sagen, worin ihr Wesen und ihr Inhalt bestände. Und nun frage ich mich immer wieder und wieder: Worin sesteht mein Judenthum, was macht fein Wesen aus, was sind eine Merkmale und Beschaffenheiten, und auf welche Weise veeinflußt es mein Denken und mein Handeln? Ich studiere reilich, wie viele meiner Brüder, die Thora und die Propheten, ch studire auch den Talmud, lese die späteren hebräischen Schriftteller, und ich liebe diese Studien und diese Lektüre. Aber wie viele Freunde habe ich unter gelehrten Christen oder gekauften Juden, die ebenfalls mit Liebe Und Eifer die hebräischen Ztudien betreiben und ihnen sogar mit größerem und anhaltenderem Fleiß obliegen als ich. Wie viele Gelehrte giebt es unter ihnen, die ihr ganzes Leben, alle ihre Kräfte und Fähigkeiten der Erforschung jener heiligen Schrift widmen! Wenn meine Vorfahren die Bibel studirten, so glaubten sie an die Heiligkeit jedes einzelnen Wortes, jedes Buchstabens und jedes Tüpfelchens. Alles, was in dem heiligen Buche steht, war ihnen Offenbarung des lebendigen Gottes, man durfte nichts davon hinweg- und nichts Hinzuthun. Die Bibel war ihnen der Inbegriff aller Weisheit und Wissenschaft, sogar alles dessen, was menschliche Vernunft in Zukunft entdecken würde. Ihnen war die Bibel ein Lebensbalsam, das sie erhielt und immerwährend verjüngte. Ich aber unterziehe die Worte unserer Propheten und Seher menschlicher Kritik, ich vergleiche deren Sprache — von der meine Vorfahren glaubten, Gott habe sich in ihr mit seinen treuen Dienern unterhalten — diese Sprache vergleiche ich mit den anderen antiken Sprachen. Die Gesetze, Anschauungen und Bräuche, die in der Thora enthalten sind, vergleiche ich mit denen der anderen alterthümlichen Völker. Das Bibelstudium ist mir eines der vielen Studien, die mich interessiren. Ich versenke mich mit vieler Liebe auch in das Studium der Gesetz- und der Prophetenbücher anderer Völker. In meinen Augen sind die Bücher der großen Seher aller Völker und Zeiten heilig. Meine Vorfahren hatten nur 29 heilige Schriften, ich zähle deren zu Hunderten. Freilich sehne ich mich ebenso stark wie meine Vorfahren, vielleicht sogar, nein, unzweifelhaft stärker als sie, in das Land der Väter zurückzukehren, um dort selbstständig zu sein, ich glaube auch fest an die Wiedergeburt Israels auf väterlichem Boden, die früher oder später erfolgen und eine materielle und geistige zugleich sein wird. Aber wie verschieden ist diese meine Sehnsucht und Hoffnung von der, die meine Vorfahren hegten! Jene hofften, dorthin zurückzukehren, um dort die „an den Palästinensischen Boden gebundenen Mizwot" vollziehen zu können, um den Tempel wieder aufzubauen und dadurch ihrem Vater im Himmel näher zu kommen und alles Heidnische von sich abzuschütteln. Ich aber will dorthin zurückkehren, weil ich hoffe, dort nach meinem Geschmack und nach meinem Gutdünken leben zu können, weil ich hoffe, dort von Niemandem beleidigt und in den Koth gezerrt, von Niemandem hin und her geschleudert zu werden, nicht von dem Wohl- oder Uebelwollen Fremder abhängig zu sein. Und das sind ja die Bestrebungen und Hoffnungen eines modernen Menschen, der sich nach Unabhängigkeit sehnt, nach Freiheit und Selbständigkeit. Die Besten unter meinen Zeitgenossen haben mich gelehrt, die Selbständigkeit im Leben zu begehren, und es giebt keine Selbständigkeit für den Menschen, außer wenn er auf eignem Boden stehend, sich ungehindert nach seinen inneren Neigungen und Fähigkeiten Physisch und geistig entwickelt, arbeitet und kämpft. Ich sehne mich nach dem Lande der Urväter, weil mir das Leben in der Diaspora, das Sklavenleben in fremden Ländern zuwider ist, und weil mich der edelste und civilirteste Trieb beseelt: öde Wüsteneien zu kultiviren, Ruinen wieder aufzubauen und Leben und Bewegung, Bildung und Aufklärung dorthin zu bringen, wo jetzt Verwahrlosung und Finsterniß herrscht. Meine Vorfahren erwarteten den Messias, den „demüthigen Mann, einen Esel reitend", vertrauten auf Wunder, Himmelszeicheu und außerordentliche Erscheinungen. Ich glanbe, einem Jeden von uns falle ein Theil der Messiasrolle zu, insofern er sich für die Erlösung seines Volkes zu