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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-04-11 · Heft 15 (11.4.1902) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 15 (11.4.1902)
Date
1902-04-11
Page
Seite 178 (sequence 12)
Language
German
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178 „Empörend," antwortete ich. „Mein Gott . . . ein so junger Mensch!" „Ja," sagte ich, „ein Bube." Nun meine Tischdame: „Ich denke, das ist Ansichtssache. Aber freilich, nur in ein Korps eintreten zu können, das ist doch noch kein rechter Grund zur Taufe. Ueber meinen Sohn, der gleichfalls vor kurzein Christ geworden ist, werden Sie anders urtheilen. Der hat einen triftigen Grund gehabt." „Es giebt," meinte ich, „nur einen Grund, der mir triftig erschiene: wenn Ihr Herr Sohn aus Ueberzeugung Christ geworden wäre!" „Aus Ueberzeugung?!" Sie lächelte überlegen. „Lieber Herr F„ wir sind eine sehr gebildete Familie. Und haben Sie denn nie von meinem Sohn gehört?! Er ist ja Privatdozent! Da schlägt man sich doch nicht mit religiösen Problemen herum!" „Entschuldigen Sie." sagte ich so ernst, als mir möglich war. „Das ist allerdings ein ganz untrügliches Zeichen von Unbildung ... Da hat sich Ihr Herr Sohn wohl taufen lassen, um Professor zu werden?" „Selbstverständlich! Finden Sie das vielleicht auch nicht in der Ordnung?" „Nein!" Wieder das überlegene Lächeln. „Es erscheint Ihnen am Ende gar auch charakterlos?" Ich bin gern höflich, besonders gegen Damen. Aber auf eine solche Frage muß man immer ehrlich antworten. Und darum sagte ich: „Ja!" Unsere Tischnachbarn stellten ihr Gespräch ein; die Dame aber wechselte die Farbe und erwiederte dann: „Das kann man doch in Deutschland nicht nach dem galizischen Standpunkt beurtheilen. Wir sind eine sehr gebildete Familie. Ich stamme aus einem gebildeten Hause, mein Mann gleichfalls. .. Was war Ihr Vater?" „Arzt." „Wo hat er studirt?" „In Wien, Erlangen und München." „So — o?" Es wurde Wein servirt. „Der Rüdesheimer ist sehr gut." „Vortrefflich ist er," bestätigte ich. „Aber nun gestatten Sie mir dieselbe Frage: Was war Ihr Herr Vater?" „Kaufmann." „Wo?" „Hier in Berlin." „Immer hier?" „Er war zuerst in Oberschlesien. ..." „Und wo hat er studirt?" Die Dame war sehr, sehr unzufrieden mit mir, besonders da die Nachbarn zuhörten. Aber antworten mußte sie mir doch. „Das weiß ich nicht.... Neulich habe ich im Lessiugtheater das neue Stück von Halbe gesehen.. . " „Ich auch; es war ein stürmischer Abend.. . . Aber gestatten Sie, daß ich noch bei unserem Thema bleibe. Ihr Herr Gemahl ist Kaufmann — Ihr Herr Schwiegervater war es wohl auch?" „Ja.. .." „Hier in Berlin?" „Nein!" „Wo lebte er?" „In Bromberg." Ein jovialer alter Herr uns gegenüber mischte sich in- Gespräch: „Pardon, gnädige Frau, da irren Sie! Es war ja mein Landsmann, ich bin aus Krotoschin! Und ich kann Ihnen auch sagen, wo er studirt hat. In Krotoschin und Umgebung Hasenfelle, Messer, Sensen, bunte Tücher... „Das ist doch keine Schande!" rief die Dame. „Gewiß nicht," bekräftigte ich. „Aber vielleicht gehen wir um eine Generation weiter hinauf. Der Großvater Ihres Herr» Gemahls war jedenfalls auch Kaufmann in Krotoschin . . . . „Bewahre," sagte der joviale alte Herr. „Er war Bräunt weinschünker bei Krotoschin, in . . . ." Er nannte den slavisch klingenden Namen eines Dorfes. „Und Ihr Herr Großvater," fuhr ich fort, „dürfte Kauf mann in Oberschlesien gewesen sein. Mein Großvater wa, Jurist, er hat zwar seine Studien nur in Lemberg gemacht stand aber mit David Friedlaender und den anderen Berlin? : Aufklärern in lebhaftem Briefwechsel und opferte einen be trächtlichen Theil seines Vermögens der Begründung jüdisch deutscher Volksschulen in Galizien und der Verbreitung deutsche Bücher, dürfte also auch ein Mann von einiger Bildung ge wesen sein. Mein Urgroßvater aber war zwar nur ei» Wachswaarensabrikant und Modelleur sehr hübscher Nippen und Rokokvsiguren, aber auch er hatte, was ich erst vor einige» Jahren durch urkundliche Belege erfahren habe, vorher i» Utrecht Medizin, namentlich Anatomie studirt." Und nun sprachen wir von Halbe's „Eroberer", der leide: für seinen begabten Verfasser nichts hatte erobern können. lForts. folgt.) sM-r> Aus dem Tagebuch eines der Jüngeren Von R. Brainin. rkenne dich selbst!" — Ich strebe danach, kann es abe nicht erreichen. Wie lange schon gebe ich mir all Mühe, mich selbst zu erkennen, den Kern meines Wesens den Ursprung meiner Seele zu ergründen, aber vergebens Wozu es vor mir selber leugnen? Ich kenne mich nicht. Und wie sehr sehne ich mich danach, zu begreifen, was an mi mein eigen, was an mir Fremdes und was von Eltern uni Urahnen Ererbtes ist. Ich untersuche, was und wie viel mi Erziehung, Umgebung, Bücher und Außenwelt gegeben, uni' was ich an ureigenem Gut auf die Welt nntgebracht. Wa ist an mir ursprünglich und wesentlich und was zufällig und nebensächlich? Was an meinem Wesen wird unverändert bi zur letzten Stunde bleiben, und was unterliegt dem WandU der Augenblicke und der Stunden, gleich wie der Stoff meine LeibeS dem Wechsel unterworfen ist? Lange habe ich darüber gegrübelt, was der „jüdische Seelenfunke" an mir ist und war die Asche, die diesen Funken bedeckt, und unter der er for:- glimmt. Lange habe ich mich bemüht, die äußere Linie jener Grenze zu finden, die in mir zwischen meinem Judenthmn und meinem Menschenthum scheidet — aber es ist mir nicht gelungen. Ich kenne mich nicht. Ich habe ein Chaos i»> Kopfe und im Herzen. Alles ist in mir verworren und durcheinander geschüttelt. Ich weiß freilich, daß ich in keiner Br ziehung meinen Altersgenossen gleiche, weder im Aussehe» noch im Ton der Stimme, weder an Ansichten noch Em pfindungsweise, weder an der Art zn lieben, noch an der

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