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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-04-11 · Heft 15 (11.4.1902) · p. Seite 176

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 15 (11.4.1902)
Date
1902-04-11
Page
Seite 176 (sequence 10)
Language
German
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176 Höhepunkt in dem interessanten Rededuell Hackenberg—Bachem erreichten, als unparteiische Zuhörer mit aller Ruhe und Ob- > jektivität verfolgen. Nach unserem Empfinden hat gerade das in allen politischen Fragen den Ausschlag gebende Centruin am wenigsten Ursache. Paritätsbeschwerden zu erheben in einer Zeit, der das stolze Wort „katholisch ist Trumpf" ihre charakteristische Signatur gegeben, und in der ein Reichskanzler katholischen Glaubens auf die politischen und wirthschaftlichem Verhältnisse Deutschlands einen entscheidenden Einfluß aus-" geübt hat. Darum nein und nochmals nein; ivenn die Angehörigen'! einer Konfession in unserem Vaterland über die Handhabung der Parität berechtigte Klagen zu führen haben, so sind wir Juden dazu in erster Linie genöthigt. Im Gegensatz zum Centrum. das bei der Besetzung eines jeden vakanten Nachtwächter- oder Ministerpostens am liebsten das numerische Verhältniß der christlichen Konfessionen ganz schematisch zur Anwendung bringen möchte, verstehen wir im weiteren Sinne unter Parität, daß der Grundsatz „iks rigkt man on tbe ligbt plsee" ohne Rücksicht auf Konfession und Parteistellung des Kandidaten überall gewissenhaft zur Anwendung gelangt. Selbst die Sozialdemokraten sind in den schlimmsten Tagen des Sozialistengesetzes in ihrer bürgerlichen und wirthschaftlichen Stellung nicht in der roh-gehässigen Weise angegriffen und beschimpft worden, wie wir Juden es täglich noch von den. v. Massow, Pückler o tutti gusati erfahren müssen. Und diese im Grunde anarchistische Bewegung, die eine ganze Klasse von fleißigen und achtbaren Staatsbürgern recht- und heimathlos machen will, hat die Regierung durch ihre tsisser kair«, Isisser sller-Politik indirekt noch unterstützt. Wir Juden sind es allerdings nicht gewöhnt, bei jeder Gelegenheit nach dem Büttel und der Polizei zu rufen. Im Laufe unserer mit Blut gedüngten 4060 jährigen Geschichte haben wir allmälig gelernt, uns durch Selbsthilse unserer Haut zu wehren. Nachdem wir indeß seit einem halben Jahrhundert wenigstens nach dem Buchstaben der Verfassung als gleichberechtigte Bürger in den Staatsverband ausgenommen worden sind und in dieser Zeit den glänzenden Beweis erbracht haben, daß wir sowohl in der Erfüllung unserer staatlichen Pflichten als auch in der Bethätigung freiwillig-charitativer Liebeswerke gegen unsere christlichen Mitbürger in keiner Weise zurückstehen, da meinen wir, hätte auch der Staat seinen jüdischen Bürgern gegenüber die heilige Pflicht, das schöne Wort von der „^ens tuta sub sguila Loiussoium" endlich zur That werden zu lassen. Wie sollen wir es aber hiermit vereinen, daß derselbe Staat diese antisemitische Hetze nicht nur indirekt unterstützt, sondern ihr auch insofern noch entgegenkommt, als ängstlich darüber gewacht wird, daß ganze Berufe und Stände „judenrein" erhalten bleiben. In echt pharisäischer Weise erheben unsere Gegner alsdann wieder scharfe Proteste dagegen, daß die uns allein noch offen stehenden Berufe (Kaufmann, Arzt und Advokat) ganz „verjudet" werden. Bei dieser Gelegenheit möchten wir noch besonders darauf Hinweisen, daß es bei den bekannten Debatten im bayerischen Landtage über die Anstellung der jüdischen Richter das stets „Parität und Toleranz" im Munde führende Centrum gewesen ist, welches den von seinem Nitgliede Dr. Heim gestellten stramm-antisemitischen Antrag der bayerischen Regierung geradezu aufgenöthigt hat. Von christlich-orthodoxer und antisemitischer Seite wird man uns wieder das Schlagwort vom „christlichen Staat" entgegenhalten, an dessen Verwaltung mit Rücksicht auf die Verschiedenheit der religiös-sittlichen Prinzipien eine andersgläubige konfessionelle Minderheit nicht Theil nehmen dürfe. Inwieweit dieses Vorurtheil, welches mit Prof. Harnack dem Judenlhum eine moralische, durch nichts bewiesene Minderwerthigkeit involvirtausreinwissenschaftlichenGründenzurückzuweisenist.das des Näheren auSzuführen, möchte ich als Nichttheologe berufeneren Federn überlassen. Abgesehen von dem unhaltbaren Widerspruch zwischen dem Wortlaut der Verfassuug und der bisher geübten Verwaltungspraxis müssen wir wieder und immer wieder darauf Hinweisen: Die Grundlage des modernen Staates ist nicht die Religion; die in Katholizismus und Protestantismus gespaltene „Staats"-Religion entbehrt selbst der straffen Einheit. Die festen Grundpfeiler des modern-paritätischen Staates beruhen allein auf Recht und Gesetz. Mastitis est kuiiäsmentuin re^norum! Daß diese Gesetze des Staates auch von den Bürgern jüdischen Glaubens stets treu und gewissenhaft erfüllt worden sind, wird selbst von gegnerischer Seite nicht bestritten werden können. Es erscheint uns daher vom menschlichen und rechtlichen Standpunkt aus unerfindlich, weshalb nicht einem sonst geeigneten Bewerber jüdischen Glaubens eine leitende Stellung übertragen werden kann. Ebenso vermögen wir es nicht zu ergründen, welche thatsächlichen Bedenken der Anstellung von jüdischen Kandidaten an staatlichen Lehranstalten entgegenstehen. Ob die Elemente der Wissenschaften den kleineren und größeren A-B-C-Schützen der Berliner Volksschulen von christlichen oder jüdischen Lehrerinnen beigebracht werden, erscheint doch bei den „profanen" Wissenschaften ganz gleichgiltig. Dasselbe trifft naturgemäß auch für die höheren Lehranstalten zu. Beispielsweise würde ein jüdischer Geschichtslehrer das Kapitel vom Kaiser und Papst, Reformation und Gegenreformation, 30 jährigen Krieg unparteiischer und objektiver als sein christlicher Kollege zum Vortrage bringe« können. Es dürfte hiernach der Beweis erbracht sein, daß nicht grundsätzliche, konfessionelle Bedenken, sondern allein übertriebene Rücksichtnahme aus die antisemitische Strömung der wirklichen und vollständigen Emanzipation der Juden entgegen stehen. Die traurige Aera der antisemitischen Hospredigerkamarilla, in der Herr Stöcker als ein neuer Torquemada den Kampf gegen Juden und Jndenthum eröffnete, liegt heute glücklich hinter uns. Aber die von ihm begonnene Hetze dauert weiter fort. Nach dem berühmten Muster seines preußischen Spezialkollegen hat der bayerische Justizminister v. Leonrod auf die antisemitischen Anzapfungen des Centrums denn auch freimüthig erklärt, daß man innerhalb des Rahmens des Gesetzes j!) bestrebt sein werde, der hinsichtlich der israelitischen Justizbeamten nun einmal vorhandenen Stimmung der Bevölkerung so weit wie möglich Rechnung zu tragen. Wenn Gesetze über die Gleichberechtigung der Konfessionen indeß nur erlassen werden, um jeweiligen und unberechenbaren „Stimmungen" Rechnung zu tragen, so darf das Centrum andererseits nicht darüber Klage führen, daß z. B. der Orden von der Gesellschaft Jesu immer noch unter den unseres Erachtens unbegründeten Ausnahmegesetzen in Deutschland zu leiden hat; auch die Jesuiten sind in weiten Kreisen der christlichprotestantischen Bevölkerung wenig beliebt. Die bekannte Aeußerung des Kriegsministers von den „sechs Polen, sechs Deutschen und sechs Juden" im Wreschener

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