Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1902)
- Date
- 1902-04-11
- Page
- Seite 171 (sequence 5)
- Language
- German
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171 reisen und nach einem auszustellenden Fragebogen sich persönlich Gewißheit über die betreffenden Punkte zu verschaffen hätten. L. Diese Enquöte würde durch die obenbezeichneten Verbände zu veranlassen sein. Dieselben hätten sich zu einer gelammten Organisation zu vereinigen, derart, daß die einzelnen Verbände Delegirte bestimmen, welche die Enquvte veranlassen nnd überwachen nnd auf Grund derselben dann gemeinschaftlich das dauernde sittliche und soziale Hilfswerk zu organisiren Hütten. Die Kosten dieses Hilfswerks wären von den betreffenden Verbänden gemeinschaftlich zu tragen. Die Delegirten hätten den sie aborduenden Verbänden periodisch über den Fortgang der Thätigkeit Bericht zu erstatten, um über die von denselben zu gebenden Anregungen für die Thätigkeit zu berathen und zu beschließen. Wohl handelt es sich hier um eine Aufgabe, die sich nur in langsamer Entwickelung verwirklichen lassen wird, aber es muß endlich einmal der Anfang gemacht werden. Die Einzelverbände müssen zu solchen gemeinsamen höheren Aufgaben zusammentreten; daraus wird sich von selbst eine weitreichende Wirksamkeit ergeben. Wenn auch das, was wir erstreben, schwer zu erreichen ist, wenn auch seine Erfüllung noch lange dauern mag — jetzt, nachdem wir die politische Emanzipation durch Arbeit von Menschengeschlechtern erreicht haben, muß auch dies erstrebt werden, und wir dürfen nicht weichen und nicht wanken, bis auch diese Emanzipation erfolgt ist. Die deutschen Juden müssen dies als sittliche Pflicht erkennen, als eine Pflicht ebenso gegen unsere Religion wie gegen unser Vaterland! * * * So weit die Ausführungen des Herrn Rechtsanwalts Plotke, denen wir in den wichtigsten Punkten unbedingt beistimmen. Zwar liegt in dieser Aktion die Lösung der Frage überhaupt noch nicht, aber es ist doch zum Mindesten ein Weg vorgezeichnet, auf dem man aus den gegenwärtig in der That fast unhaltbaren Zuständen mit dpr Zeit herauskommen könnte. Berlin, 8. April. Tod des Centrumsführers Dr. Lieber hat auch in unseren Kreisen allgemeines Bedauern nnd lebhafte Theilnahme hervorgerufen. Galt doch der Verstorbene als der wärmste Vertreter der verfassungsgemäßeil Rechte aller 'Konfessionen, und trat er doch demgemäß auch überall da, wo man es versucht hatte, den Juden diese Rechte auf Politischem 'der religiösem Gebiete zu verkürzen, mit Entschiedenheit für ieselben ein. Er war ein Gegner des Antisemitismus und hat diesen auch in seiner eigenen Partei wirksam zu bekämpfen gewußt. So hat er das Erbe Windthorsts, Reichenspergers and anderer Centrnmsführer angetreten und gewahrt. Es ist nteressant, daß selbst die etwas antisemitisch angehauchte Germania" sich veranlaßt sieht, folgende für den verstorbenen Lentrumssührer recht kennzeichnende Geschichte den Zeitgenossen ni Erinnerung zu bringen: „Im Sommer des Jahres 1896 hatte» neben Sigls Vaterland >>ch andere Blätter die unsinnige Behauptung gebracht, Dr. Lieber, er den Juden übrigens volle Gerechtigkeit widersahren ließ, wie das >»ch Windthorst stets, zum Beispiel bei den Verhandlungen des Reichsiages über das Schächtverbot gethan hat, habe eine jüdische Frau geheirathet. Darauf aufmerksam gemacht, antwortete Dr. Lieber, nach, dem die Germania bereits festgestellt hatte, daß Liebers Frau einer katholischen und einer deutschen Familie entstamme, unter anderem Folgendes: „So lange übrigens die liebe heilige Mutter Gottes eine „Jüdin" bleibt, kann ich den „Katholizismus" nicht begreifen, der Einem einen Vorwurf daraus machen möchte, daß er seine Kinder auch durch eine snatürlich getaufte) Mutter aus dem äuserwählten Volk in den Stand setzte, mit dem Priester in der feierlichsten Stille des Meßkanons sich patriai ebae nostii äbrsbamo vor Gott zu rühmen. Man kann über derlei nur lachen, und hätte es nicht meine Frau betroffen, ich würde, wenn überhaupt etwas, erklärt haben, daß ich die Stammverwandtschast mit Christus und den Aposteln derjenigen mit Sigl, Senftl, Zeitler, iä xenus omne unter jeglichem Betracht vorzöge." Man darf darauf gespannt sein, wie die neuen Führer des Centrums — als welche jetzt die Abgeordneten Bachem, Gröber und Müller-Fulda genannt werden — sich zu diesen historischen Traditionen ihrer Partei verhalten werden. — 4- Die Loyalität der Antisemiten und ihr Patriotismus erscheint jedesmal in seinem wahren Lichte, so oft ein Jude irgendwie anerkannt oder gar ausgezeichnet wird. So vermerkt auch die antisemitisch-agrarische Presse die neue Ordensauszeichnung des Generaldirektors Ballin von der Hamburg- Amerikanischen Packetfahrt-Eesellschaft wiederum sehr mißfällig. Das Hamburger „Deutsche Blatt" schreibt verdrießlich: „Die deutschen Theiluehmer der Morgankonserenz, Ballin, Wiegand u. s. w., sind vom Kaiser soeben wieder durch hohe Ordensauszeichnuugen geehrt worden. Als ob jede Verhandlung und jeder Handelsvertrag n. s. w. mit dem Auslande ohne Weiteres eine patriotische That und ein Gewinn für unser Volk sein müßte! Wenn man sich doch in Rcgierungskreisen daran gewöhnen wollte, erst abzuwarten, in welcher Richtung sich die Praktischen Folgen der Verhandlung bewegen!" Das Organ des Bundes der Landwirthe, die „Deutsche Tageszeitung", läßt die Auszeichnung vorsichtigerweise aus der Erörterung. Um so giftigere Angriffe richtet es aber gegen Herrn Ballin. Aus der „sehr verdächtigen Schweigsamkeit" desselben über die Abmachungen mit den amerikanischen Gesellschaften leitet es die perfide Verdächtigung her: „Wir trauen es dem Erwerbsinstinkte des Herrn Ballin sogar zu, daß er nach der rein finanziellen Seite hin recht günstig abgeschnitten hat und deshalb, da ihm nationale Rücksichten selbstverständlich ganz fern liegen, eine lebhafte Befriedigung über seine geschäftliche Klugheit empfindet." Herr Ballin wird wohl seine Abmachungen den staatlichen Instanzen ohne Scheu vorlegen können und vorlegen, wenn sie gefordert werden. Es gehört aber der ganze traurige Muth und die fanatische Verbissenheit eines Antisemiten dazu, um es bei einem Manne, der sich um die deutsche Schifffahrt und damit den deutschen Handel so hohe Verdienste erworben hat, wie der Generaldirektor der „Hamburg-Amerikalinie", als selbstverständlich hinzustellen, daß ihm nationale Rücksichten fern liegen. 4 Ein hübsches Geständniß macht der Berliner Korrespondent des Wiener Antisemitenblattes von Vergani über die antisemitische Bewegung in der Reichs Hauptstadt, indem er sagt: „Und die Berliner Antisemiten? wird vielleicht der Leser einwersen. Was thun die, um die drohende Gefahr abzuwende»? Entflammen sie das Volk, zeigen sie ihm die Allmacht des jüdischen Volkes? Es ist beschämend, aber es muß einmal öffentlich herausgesagt werden, daß nirgends der Antisemitismus so darniederliegt und