Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-04-11 · Heft 15 (11.4.1902) · p. Seite 170

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 15 (11.4.1902)
Date
1902-04-11
Page
Seite 170 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228489--58543-3294997
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

170 lose, leere Form. Das ganze jüdische Interesse dreht sich darum, wer die Ehrenämter besitzt; Streitigkeiten, Denunziationen sind an der Tagesordnung. Da der Knltns nur durch erhebliche Opfer der besser Situirten erhalten werden kann, da Diese den Lehrer besolden, der meist Schächter im Hauptamt und Lehrer nur im Nebenamt ist. so liegt in ihrer Hand die Herrschaft der Gemeinde, welche sie oft genug tyrannisch behandeln. Daß es nicht überall gleich schlimm aussieht, daß in denjenigen Bundesstaaten, in welchen die jüdische Glaubensgenossenschast staatlich organisirt ist - wie namentlich in Baden und Württemberg — die Verhältnisse besser liegen, daß auch die bestehenden Gemeindeverbände schon manches Gute zur Abhilfe gethan, und mancher Bezirksrabbiner sich die Noch der kleinen Gemeinden zu Herzen gehen läßt und sich um sie kümmert, ist ein erfreuliches Zeichen — aber nur ein kleiner Lichtschein in dem dunklen, finsteren Gesammtbild. Wohl ist der Gemeindebund zu helfen bereit, aber so sehr auch seine Bestrebungen anzuerkennen sind, ausreichend ist sein Wirken nicht, um dem Uebel zu steuern. Nur wenn alle jüdischen Verbände sich zu dieser Aufgabe zusammenschließen und mit vereinten Kräften Wandel schaffen, dann kann erst Abhilfe eintreten. Zunächst ist es nöthig, daß die örtlichen Verhältnisse festgestellt werden. Es muß einmal klargelegt werden, wie es in diesen kleinen Gemeinden aussieht; auch der Staat und die Gesellschaft muß einmal erkennen, was von ihnen in den Jahrzehnten verabsäumt ist, welche Ungerechtigkeit darin gelegen hat. die Bürger des eigenen Landes in religiöser Beziehung verkümmern zu lassen! Zur Erforschung der Wahrheit muß eine Enquete veranstaltet werden, man muß die Leute selbst kontradiktorisch hören, an Ort und Stelle, dann wird sich ein der Wirklichkeit entsprechendes Bild ergeben. Zu diesem Behuf« müßten Delegirte, eigens zu diesem Zweck bestellte, gut honorirte tüchtige, einsichtige Männer, die eine Autorität im ganzen Lande besitzen, ernannt werden — nicht etwa im Berufsleben stehende Leute, die nicht über die nöthige Zeit verfügen — und auf Grund dieser, Jahre hindurch angestellten Erhebungen, über die genau Bericht zu erstatten wäre, könnte dann eine Organisation ins Leben gerufen werden, die dauernd Abhilfe schaffen könnte. Alle bestehenden Verbände würden jenen kleinen Gemeinden mit Rath und That zur Seite stehen. Zuerst ist die richtige Organisation eines methodischen Unterrichts, die Beschaffung der Lehrmittel und tüchtiger Lehrer, Eliminirung aller für die Lehrthätigkeit ungeeigneter Elemente erforderlich; damit im Zusammenhang steht die Herbeiführung eines geordneten, erhebenden Gottesdienstes, dem die Gemeinde mit Verständniß folgt. Hierfür istnöthigdie Zusammenfassung kleiner, geographisch nahe liegender Gemeinden zn einheitlichen Verbänden, die für sich selbst, eventuell durch den Zuschuß der größeren Gemeinden unterstützt, in würdiger Weise für die religiösen und erzieherischen Bedürfnisse sorgen können. Dann kommen Fragen der allgemeinen Volksbildung an die Reihe, die Versorgung der Einzelnen, namentlich der Bedürftigen, mit rechter, volksbildender Lektüre, Berathung bei der Berufswahl, — kurzum, eine fortgesetzte intensive Fürsorge für die Zwerggemeinden ist nöthig, bis sie so weit gediehen sind, daß sie sich selbst weiter helfen können. Dann würde sich eine Hebung des Niveaus der Gesammtbevölkerung herausbilden, der Zuzug der sich jetzt verlassen Fühlenden in die großen Städten würde aufhören, sie würden sich auch in den kleinen Ortschaften wohl fühlen. Har inan sie nur einmal mit den großen sittlichen Einflüssen jene». Institutionen, die in den größeren Städten bestehen, in Zu sammenhang gebracht, dann wird auch die Opferwilligkeit in die kleinen Gemeindeil einziehen, und der Sinn für die allgemeinen Interessen bei ihnen wirksam sein. Für das ganze Judenthum wird es von der größten Bedeutung sein, wenn dergestalt neue Krhstallisationspunkt entstehen. Das Programm für eine solche Wirksamkeit wäre etwa das folgende, wobei Aendernngen in den Einzelheiten un» nähere Ausgestaltung mancher Punkte noch einzutreten hätten Die vorhandene!», die deutschen Juden zusammenfafsendeu Organisationen, insbesondere der Deutsche Israelitische Ge ineindebnnd, die deutsche G. L. des U. O. B. B., der Central verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der Rabbiner und der Lehrerverband, sollen in einer gemeinsamen Organisation den sittlichen, sozialen und Bildungs-Interessen der Glaubens genossen in kleinen Gemeinden, namentlich in solchen, in welchen kein Rabbiner fungirt, die erforderliche Fürsorge z» wenden. H. Die Fürsorge soll in folgenden Richtungen erfolgen: I. Es ist für die Jugend ein vollwerthiger, methodischer Religionsunterricht, der unter steter Kontrole der Aufsicht? organe des Verbandes steht, einzurichten. 2. Es ist für die Erwachsenen in den betreffenden Orten a) eine fortdauernde Belehrung herbeizuführen durch all gemein bildende. Periodisch wiederholende Vorträge, insbesonder über die Geschichte und die Litteratur des Judenthums urw über seine religiös-sittlichen Grundgedanken, über die Pflichte > des Einzelnen gegen den Staat, gegen die Gesellschaft mW gegen die Glaubensgemeinschaft, über Erziehung, Berufs wähl u. dgl. b) In Familien ist eine halbmonatlich oder monatlich e> scheinende Zeitschrift, unentgeltlich oder gegen ganz geringe Entgelt, zu verbreiten, in welcher in populärster Weise dure kurze Artikel, Erzählungen, geeignete poetische Uebertragunge > von einzelnen Theilen der biblischen und nachbiblischen jü dischen Litteratur fortdauernd das Interesse und das Beständniß für die jüdische Geschichte und Litteratur erhalten un > sittliche Anregung gegeben wird. Daneben sollen auch in volkswirthschaftlichen Artikeln Fragen der Erziehung und der Berufswahl u. dgl. behandelt werden. e) In den jüdischen Schulen ist Handfertigkeitsunterrichtüber all einzusühren, und es sind Schulgärten anzulegen, um d Kinder von frühester Kindheit manuell geschickt zu machen uv ' in ihnen das Verständniß und die Liebe für die Bodenbearbeitung und ästhetischen Sinn zu erwecken. kl) Durch Berathung der Eltern ist in geeigneter Weise ein nützlicher Einfluß auf die Berufswahl durch rechte Ausbildung herbeizuführen. e) Die kleinen Gemeinden sind zu bewegen, für gemeinsam Zwecke der Religionsübung und Religionslehre sich zn engeren Verbänden zu vereinigen. 8. Um solche Einrichtungen zu treffen ist es zunächst er forderlich, durch eine persönliche Enquete und Jnaugenschein nähme ein sicheres Bild über die hier in Frage kommende- Zustände in den einzelnen kleinen Gemeinden zu gewinne» Für diese Enquete ivären mehrere tüchtige Persönlichkeiten zu bestellen, welche die einzelnen Gebiete des Vaterlandes zu be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.