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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-04-11 · Heft 15 (11.4.1902) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 15 (11.4.1902)
Date
1902-04-11
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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66. Jahrgang. Nr. 15 Kerlin, 11. April 19 )2 eitung des Dudenchums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis. Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redaeterrrr Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Nr. Ln-rvig PHUippson-Bonn. Verlags-Grpedition: ikerlm, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW-, Jerusalemer Straße4S/4S zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Juhntt. Leitartikel: Die kleinen Gemeinden. — Die Woche. — Nochmals der neunte Gemeindetag. Von Landgerichtsrath Loewe. — Parität. §on Lynceus-Köln. — Feuilleton: Kleinigkeiten. Von Karl Emil Franzos. II. — Aus dem Tagebuch eines der Jüngeren. Von R. Brainin. Sitterarische Mittheilnngen. Der Gemeindedote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Meschen, Gr. Strehlitz O.-S., Leipzig, München, Hannover, Frankfurt a. M., Stuttgart, Aachen, Aus dem Elsaß, Wien. — Bon Rah und Fern. Nie kleinen Gemeinden. Berlin, 8. April. chwer lastet die Sorge der Existenz auf den kleinen Gemeinden in Preußen, namentlich in den östlichen Provinzen. Gemeinden, die früher 5V bis 60 Familien zählten, die einen Rabbiner und eine Schule unterhalten konnten, sind heute durch den Wegzug der steuer kräftigsten Mitglieder so verarmt, daß sie kaum noch einen Kultusbeamten desolden können, ja, manche Gemeinden sind so dezimirt, daß He auch nicht einmal zu dieser Leistung im Stande sind. Der Wegzug der wohlhabenden Mitglieder nach den Großstädten ist für diese kleinen Gemeinden geradezu eine Katastrophe. Oft jängt ja die Existenz einer solchen Korporation nur von wei oder drei Mitgliedern ab, die den ganzen Etat zu decken daben, während die Steuern der übrigen Mitglieder kaum in betracht kommen können. In der Großstadt verschwinden diese neuen Ankömmlinge in der großen Masse, und die in ihrer Heimath oft zwei- bis dreihundert Prozent ihres Einkommens zu den Kosten des jüdischen Gemeindeetats beitragen mußten, sind hier in den ersten Jahren, ehe man ihre Verhältnisse genauer kennt, in der glücklichen Lage, zu einem sehr geringen Steuersätze eingeschätzt zu werden, der auch nicht entfernt in Betracht kommt gegenüber der Summe, die sie dort zu zahlen hatten. Wie ist hier ein gerechter Ausgleich zu schaffen? Diese Frage hat den Gemeindebund und Alle, die sich mit dm jüdischen Angelegenheiten näher befassen, schon oft beschäftigt, aber zn einer befriedigenden Lösung ist man bisher noch nicht gelangt. Neuerdings hat Rechtsanwalt Julius Plo tke in Frankfurt a. M., ein Mann, der für das Judenthum ein warmes Herz und ein tiefgehendes Interesse hat, der die Verhältnisse in großen wie in kleinen Gemeinden aus eigener Anschauung gleich gut kennt, einen Vorschlag gemacht, den wir, wenn auch nicht als eine durchweg befriedigende Lösung der Frage, so doch zum mindesten als einen Ausweg »us dem Dilemma, in dem sich die kleine»» Gemeinden befinden, »ns eher» können. In einer Betrachtung über die Aufgaben der deutsch-israelitischen Verbände sagt Rechtsanwalt Plotke: Die Sorge für die Juden in den kleinen Städten und Ortschaften ist das Wesentlichste, was Noth thut. Unter den größeren Städten fehlen wenige, in denen nicht eine Loge wäre, oder in denen nicht auch durch andere Faktoren die idealen Aufgaben des Judenthums möglichst gefördert werden: Wohlthätigkeitsanstalten aller Art, Litteratur- und wissenschaftliche Vereine existiren da, für jedes Gebiet des Wissens und des Strebens ist gesorgt. Aber für das Platte Land geschieht gar nichts, und wie unsäglich traurig ist das geistige Leben der jüdischen Landbevölkerung! Kein Rabbiner ist dort, der Predigten zur Erbauung hielte, der Lehrer ein armer, mit der täglichen Noth kämpfender Mann, abhängig und unterdrückt von seinem Vorsteher, der häufig keine Ahnung hat von der Größe der Verpflichtung, die ihm sein Amt auferlegt. Die Kinder wachsen ohne religiöse Erziehung auf, was wird und kann aus ihnen werden? Eine Entwickelung des Geistes und des Gemüths geht ihnen vollständig ab. infolge ihrer — leider immer mehr zunehmenden — gesellschaftlichen Jsolirnng wird auch ihr Seelenleben verdüstert, ihr Horizont verengt sich imrner mehr! — Es ist geradezu ein Wunder zu nennen, und es ist ein Zeichen von der außerordentlich großen Sittlichkeit, die in unseren Glaubensgenossen noch aus den Zeiten her ruht, da sie „lernten", die Religionslehre als den wichtigsten Lehrgegenstand behandelten, daß bei diese»» schon Jahrzehnte hindurch andauernden Zuständen nichts Schlimmeres sich ereignet hat, daß die Menschen nicht sittlich entartet sind! Di« christlichen Kinder auf dem Lande haben ihren Religionsunterricht; es ist ein Pfarrer dort, der die Kinder und die Erwachsenen lehrt, der sich um das Wohl und Wehe seiner Gemeinde kümmert, der ihr Seelenhirte ist. Wer aber kümmert sich um die jüdischen Kinder und um die erwachsenen Juden auf dem Lande? Wahrlich, »vir dürfen nicht stehen bleiben bei dieser Noth unserer Glaubensgenossen, wir dürfen unsere Augen nicht verschließen vor den» Elend der kleinen jüdischen Gemeinden, denen keine Gelegenheit geboten ist, sich in geistiger und sittlicher Hinsicht zu erheben. Unsere Glaubensgenossen dort leben ohne religiöse Erziehung — ohne Anregung — das Einzige, was ihnen bleibt, ist der Gottesdienst, der aber auch keinen erheblichen Erfolg haben kann, da nur ein kleiner Theil genügende Kenntnisse besitzt, um das Gebet, die Vorlesung aus der Bibel zu verstehen; schließlich wird auch der Gottesdienst, die Uebung der alten schönen Ceremonien eine inhalt-

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