Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1902)
- Date
- 1902-04-04
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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66. Jahrgang. Ar. 14 Grrlin, 4. April 1902 Der Gemeindebote. Vertage zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 30. März. In dem dichtgefüllten Gotteshause der Reformgemeinde fand heute in üblicher Weise die Ko nfi rm ati o n s - fei er statt. Nach der gottesdienstlichen Liturgie wurde das einleitende Dankgebet von der Konfirmandin Dora Neu mann verständnißvoll und mit inniger Wärme gesprochen. Sodann ergriff Herr Prediger Dr. Lev in das Wort zu einer geistvollen und formvollendeten Festrede, derer denTextansdem 5. Buche Mose Kapitel 6, Vers 4—9 zu Grunde legte: Schema Jisroel! Was ist, was wir hören und begreifen müssen? Die Antwort lautet: Adonaj Eloheuu. der Ewige ist unser Gott! In sinniger Weise verglich der Redner die Liebe zu den Eltern, deren Nähe wir gewöhnt, deren zärtliche Hand wir täglich verspüren, mit der Liebe zu Gott, dem Unsichtbaren, nach dem wir verlangen mit der Seele, die er uns eiugeflößt. Adonaj Elohenu, der Ewige sei uns die Allmacht. Darum liebten wir ihn gleich Abraham von ganzem Herzen, gleich Isaak, der sich bereitwilligst als Opfer hingab, von ganzer Seele, gleich Jakob mit ganzen, Vermögen. Diese Liebe sei besiegelt durch lodernde Scheiterhaufen, die Tausende unserer Vorfahren um ihres Glaubens willen unerschrocken bestiegen haben. Diese Liebe sei erglänzt während der Leidenszeiten in den finsteren und engen Gäßchen hinauf zu dem schmalen Himmelsstreifen, den man den Verstoßenen gelassen hatte, und diese Liebe erglänze noch heute in unserer Mitte. War Israel das erste Volk, durch die Liebe den Glauben zn bestätigen, so wird es sich auch tren bleiben in der Liebe zu Gott, trotz aller Unbill von Seiten der Menschen. Ein Volk, das für Liebe, Gerechtigkeit, Wohlthun, Tugend nur ein Wort. Zadakah, hat, ein Wort, das alles Heil umfaßt, ist ein auserwähltes Volk. Ein Volk, das mit Gott den Bund schließt aus Grund der Pflichterfüllung, ist ein köstliches Kleinod; ein Volk, das den Geist mit Erkenntniß füllt, das Gemüth mit Liebe, den Willen mit frommen Handlungen, ist ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk! „Heil Euch!" so schloß Dr. Levin seine zündende Rede, indem er sich an die Konfirmanden wandte, „ihr sollt es sein und bleiben. Bleibt ihr unsere Hoffnung und Zukunft, so wird das Heil euch krönen mit Kraft und Sieg, daß ihr unsere Freude werdet in Israel und in der gesammten Menschheit." Nach der Rede trugen die Konfirmanden ihre Bibelsprüche vor, und ein Knabe, Alfred Holz, legte für Alle das Glaubensbekenntniß ab. Mit der Segensertheilung und den, großen Hallelujah (Psalm 150) fand die erhebende Feier ihren Abschluß. Berlin, 26. März. Der „Verein für jüdische Krankenpflegerinnen" veröffentlicht seinen achten Jahresbericht, welcher Kn wohlthuendes Bild segensreicher Wirksamkeit bietet. Die Zahl der Anfragen und Meldungen von Personen, welche sich der Krankenpflege widmen wollten, erreichte im verflossenen Jahre die Höhe von 78, von )enen (bei 34 noch unerledigten Meldungen) schließlich nur Schülerinnen den Anforderungen genügten und zugelassen werden konnten. Obwohl drei Schwestern ausgeschieden sind, ist die 3ahl derselben voll 33 auf 39 gestiegen, so daß der Verein unter Hinzuziehung von 9 Schülerinnen mit einer Schwesternschaft von 8 Personen das neue Jahr begonnen hat. Im Sinne der Aufgabe, üdische Krankenpflegerinnen allerorten wirken zu sehen, wie dies bei en andern Konfessionen seit langer Zeit der Fall ist, hat die Verwaltung ie Ausbildung für auswärtige Gemeinden (München. Nürnberg. Stuttgart, Mannheim. Heidelberg) gegen Entschädigung der Auslagen von 000 Mark jährlich übernommen. Ferner ist der mit der Großloge es Bne Britb-Ordens für Deutschland abgeschlossene Vertrag, woraufhin bereits 2 Schülerinnen in Ausbildung begriffen sind, in Wirksam- > eit getreten, und die Ausbildung von 3 Schülerinnen für das neuegründete Schwesternheim in Breslau übernommen worden. Infolge er Delegirung von Schwestern nach auswärts hat sich die Zahl der r iesigen Pflegen aus 331 in 7096 Tagen gegen 455 Pflegen in 8355 Tagen des Vorjahrs vermindert. Die Einnahmen betrugen 56 537,72 Mark, die Ausgaben 40 388 Mark, davon für Beköstigung 10 066,07 Mark gegen 8499,10 Mark des Vorjahres (bei 9189 Verpflegungstagen 1,09 Mark pro Kops gegen 1,07 Mark im Jahre 1890). Der eiserne Fonds ist von 136 870,23 Mark aus 180 173,76 Mark gewachsen. In der am vorigen Sonntag stattgehabteu Generalversammlung wurden die ausscherdenden Vorstandsmitglieder wieder-, an Stelle des Herrn Rentier M. Metzenberg, der eine Wiederwahl aus Gesundheitsrücksichten abgelehut hat, Herr Bankier Richard Sachs (Brückenallee 7) und an Stelle des ebenfalls ausgeschiedeuen Herrn Stadtverordneten Hugo Deutsch Herr Rentier Julius Oliven (Alsenstraße 11) neugewählt. Der Vorstand seht sich nunmehr aus nachstehenden Personen zusammen: Herrn Stadtverordneten Louis Sachs, Vorsitzender; Frau Kommerzienrath Julie Gerson-Liebermann, stellvertretende Vorsitzende; Herr Professor Dr. M. M. Meudelsohn, Schriftführer; Frau Dr. Frankl, stellvertretende Schriftführerin; den Herren Stadtverordneter H. Witkowski, Schatzmeister, Richard Sachs, Stellvertreter; Rechtsanwalt Dr. Arthur Gerson, Geheimer Medizinalrath Professor Dr. Senator, Julius Oliven, Frau Hermiue Natheuau und Frau Mathilde Weigert. Der Verein kann auf eine außerordentlich erfolgreiche Wirksamkeit zurückblicken und verfügt z. Z. über 40 Schwestern und 10 Schülerinnen, welche theils in Krankenanstalten thätig sind, theils Privatpflege ausüben. Besonders erfreulich ist die große Zahl der Meldungen voll Schülerinnen, wodurch die vakanten Stellen auf Monate bereits vorgemerkt sind. Anmeldungen nimmt der Vorstand und die Oberin Fräulein Rosa Blau, Auguststraße 17. entgegen, woselbst auch jede Auskunft gern ertheilt wird. 8. Berlin, 27. März. In einer sehr zahlreich besuchten Versammlung des Centralvereins der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens sprach heute Herr Rabbiner Dr. Weiße über „jüdische Staatsmänner". Nach der Einleitung, in der er ausführte, daß die Juden sich rückhaltlos und sehr schnell jeder Kultur anschließen, daß sie es an Treue und Dankbarkeit an das Vaterland, in dessen Mitte sie leben, mit Jedem aufnehmen können, wenngleich beides von den Gegnern lebhaft bestritten würde, ging er zum eigentlichen Thema über und gab in interessanter und geistvoller Weise die Biographien der hervorragendsten Staatsmänner ans der spanischen Blütheperiode, aus Portugal, der Türkei und anderen Ländern; besonders verweilte er bei den Staatsmännern und Parlamentariern der neuesten Zeit aus Italien, Frankreich lind Deutschland, wie Luzzatti, Crümieur. dem Begründer der isrnölitcr universelle, Finanzminister Ellstädter, Lasker. Loewe, Bamberg er u. A. Wir deutsche Juden, so etwa schloß der Redner, schöpfen aus diesem Rückblick das Anrecht auf volle Gleichberechtigung. Wir sind keine Eiugewanderten, sondern Eingeborene in Deutschland. Heute haben wir vor allem, um das Jndeuthum zu erhalten, um seine politische Gleichberechtigung zn kämpfen; die wissenschaftlichen Bestrebungen allein vermögen das Judenthum nicht zn retten. Daß unsere Gebildeten und unsere Neichen vom Judenthum abfallen, hat einzig und allein darin seine Begründung, daß das Judenthum, wenn auch seine Gleichberechtigung in der Verfassung ausgesprochen ist, in Wirklichkeit auf den verschiedenstell Gebieten verkürzt wird. Aber wie in alter Zeit die Inden aus dem ihnen zugefügten Unrecht hieraus eine begeisterte Anhänglichkeit sür ihren Glauben geschöpft haben, und je mehr man sie verdrängte und verkürzte, sich um so »lehr ausdehnten und um so größere Liebe sür die Ueberlieferung ihrer Väter hatten, so werden auch wir uns in der Liebe zum deutschen Vaterlande nicht beirren und einengen lassen. Wir werden begeisterte Anhänger und Bürger sein, zugleich aber auch treue Juden, die-das Wort ibu Esras zur Wahrheit machen. „Weil wir fürchten nur den Einen, fürchten wir vor allem Keinen." Lebhafter, wiederholter Beifall ward dem Redner für seinen interessanten Vortrag zu Theil. In üblicher Weise gab darnach der Vorsitzende des Vereins, Rechtsallwalt Dr. Horwitz, eine Blnthenlese der neuesten