Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1902)
- Date
- 1902-04-04
- Page
- Seite 165 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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165 Nicht für Fachleute schreibt Karl Eötvös das Werk. Juristen, Aerzte werden darin finden, was sie interessirt, aber auch alle denkenden Menschenkinder, die für die Ereignisse der Zeiten Interesse haben, ohne Unterschied der Klasse und der Konfession, werden es mit eben solchem Interesse lesen wie die Fachleute. 6. 61. Kleinigkeiten. Von Karl Emil Franzos. ich hier biete, ist eine zwanglose Reihe von Anfzeichnungen kleiner persönlicher Erlebnisse. Ge- " meinsam ist ihnen außer diesem Persönlichen nur, aaß sie sämmtlich Juden und Judenthum betreffen. Es ist nichts allzu Wichtiges, und ich veröffentliche sie nur in der Hoffnung, daß sie so anspruchslos ausgenommen werden, wie >ch sie biete. Findet der Leser diese Aufzeichnungen nicht lang- -oeilig und scheinen ihm die Aenßerungen, die ich wiedergebe, mr jüdisches Wesen und jüdische Zustände der Gegenwart ein wenig bezeichnend, so ist a lles erreicht, was ich davon erwarte. * * Es war vor nicht gar zu langer Zeit in einer kleinen Stadt; wie sie heißt, wo sie liegt, thut nichts zur Sache. Ich war legen Abend augekommen und sollte im dortigen „Verein für üdische Geschichte und Litteratur" aus meinen Büchern vorlesen. Oie Vorlesung sollte um 8',Z Uhr beginnen, kurz nach 8 Uhr ollte mich der Vorsitzende des Vereins in den Vortragssaal ibholen; es war der Saal desselben Hotels, wo ich abgestiegen war. Um 8 Uhr stand ich gerüstet. Fünf Minuten nach 8 Uhr lopfte es au meine Thür. Ich griff nach meinen Büchern, ch dachte, es wäre der Vorsitzende. Aber herein trat ein mir remder Herr von etwa 40 Jahren, nicht eben sorgfältig gekleidet, mit wirrem Lockenhaar. Er trug einen Rock, nicht inen Kaftan, aber den Eindruck eines alten Bochers machte r mir doch sofort. „Ich höre," begann er, ohne sich vorzustellen, „daß Sie chon morgen früh reisen wollen. Wäre es Ihnen nicht möglich, erst mit dem Mittagszuge zu fahren? Ich Hütte mit ghnen eine sehr wichtige Sache zu besprechen. . .." Ich erwiederte, ich hätte morgen Abend in 4). Z" sprechen, müßte also mit dem Frühzuge reisen, nnd fragte dann, mit oem'ich die Ehre hätte. „L. H." erwiederte er und blickte mich erwartungsvoll an. Ein Name, fremd meinem Ohr wie meinem Herzen. Womit kann ich Ihnen dienen, Herr 4).?" „Natürlich in einer litterarischeu Angelegenheit. .. . Was wüst?... Sie müssen doch meinen Namen kennen.... Ich > ebe Unterricht im Hebräischen, aber ich bin doch Ihr Kollege." Und er nannte die Namen einiger kleinen jüdischen Zeitschriften, i rr die er^schreibt. Ich hatte diese Namen kaum gehört, geschweige denn den les „Collega". Auch habe ich ein Vorurtheil gegen die Besprechung „litterarischer" Angelegenheiten. Aber ich bin gern höflich. Darum versicherte ich Herrn 4), daß ich mich nur einzelner seiner Artikel genau erinnerte. „Das glaube ich," sagte er schlicht. „Was ich schreibe, das vergißt man nicht so leicht. Also — es handelt sich um Folgendes : Ich schreibe seit drei Jahren ein größeres Werk ..." Abermals ein Klopfen an der Thür. Und diesmal war es der Vorsitzende des Vereins. „Ich bin bereit," sagte ich zu Diesem und zu Herr» 4).: „Verzeiheil Sie, aber ich muß jetzt aufs Katheder .... Vielleicht nach dem Vortrag . . ." „Da sitzen Sie mit den Anderen zusammen," sagte er nervös. „Und morgen Vormittags hier bleiben, wollen Sie ja auch nicht. Aber ich bin in zwei Minuten fertig . . ." Ich sah den Vorsitzenden des Vereins fragend an. „Zwei Minuten haben wir noch." sagte Dieser. „Aber viel mehr nicht. Und wie ich Sie kenne, Herr 4) ..." „Sie kennen von mir die Schale! . . . Den Kern werden Sie jetzt erfahren! . . . Also, ich schreibe seit drei Jahren an einem Werke über die Mission des Jndenthums . . ." „Ein schwieriges Thema," sagte ich. „Da müssen sie auch sehr viel dazu lesen. Aber drei Jahre — da werden Sie ja bald fertig sein." „Fast fertig," erwiederte er, „obwohl ich nichts dazu gelesen habe. Alles aus mir heraus . . . Aber es ist ein sehr schweres Thema. . . Nun, und da wollte ich Sie ausnahmsweise — ausnahmsweise sage ich, als Beweis meiner Achtung, um Ihre Meinung fragen. Worin besteht Ihres Erachtens die Mission des Jndenthums?!" „Herr," sagte ich, „über ein solches Thema soll ich mich in einer Minute aussprecheu . . ." „Es wird sicher gehen! Denn mit Ihnen will ich es, als Beweis meiner Achtung, ausklären. . ." „Nun müssen wir aber hinunter," drängte der Vorsitzende. Ich griff nach meinen Büchern und schritt der Thür zu Da vertrat mir der Kollege den Weg und faßte mich am Knopf meines Fracks. „Dann kurz! . . . Ansklären muß ich es mit Ihne». Also ein Wort: Hat denn das Jndenthnm überhaupt eine Mission? Ja oder Nein?!" -i- * -I- Abermals eine Vortragsgeschichte. Ich hatte vor einigen Jahren in einer großen deutschen Stadt über die „deutsche Ghetto-Novelle" gesprochen, und mich namentlich bemüht, den Hörern die Persönlichkeiten wie die Werke von Anerbach, Bernstein und Kompert nahe zu bringen. Nachdem ich geschlossen hatte, kamen, wie dies üblich ist, die Herren vom Vorstande sowie einige andere Mitglieder des Vereins auf mich zu und sagten mir ein freundliches Wort. Da trat eine hvchgewachsene Matrone auf den Kreis zu, der sich um mich gebildet hatte. Ehrfurchtsvoll machten ihr die Anderen Platz. Es war eine greise Dame, etwa Mitte der Siebzig, mit silberweißem Haar, eine der schönsten alten Frauen, die ich je gesehen habe, die Witwe eines um die Sache unserer Glaubensgenossen sehr verdienten Mannes. Auch sie sagte mir ein liebenswürdiges Wort. „Ich bin ja jetzt 76," meinte sie, „aber solche Vorträge höre ich noch immer gern . . . Wissen Sie aber, woran ich immer denken mußte, als Sie von Ihren Vorgängern sprachen? Wer wird uns einmal, dachte ich, wenn Sie nicht mehr sind, sv von Ihnen erzählen?!"