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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-04-04 · Heft 14 (4.4.1902) · p. Seite 164

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 14 (4.4.1902)
Date
1902-04-04
Page
Seite 164 (sequence 10)
Language
German
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164 den'Sarg trat der Oderkantor Kariol und oerrichtete in Begleitung seines Chores ein Trauergebet; ein Gleiches geschah an der neuen Synagoge in der Ekaterinienstraße, wo der Oberkantor Radumyn nebst Chor funktionirte. Auch ans dem Friedhofe war eine tausendköpfige Menge, die den langen Weg nicht scheute, um ihrem Liebling die letzte Ehre zu erweisen. Nach dem Vortrage eitles Trauerchorales, von Oberkantor Minkowsky nebst Chor ausgeführt, trat Rabbinatsverweser Dr. Pomeranz an die Bahre nnd hielt in russischer Sprache die Leichenrede. In kernigen, weit vernehmbaren Worten schilderte der Redner den Lebensgang des Verblichenen, der ein Musternder Vorbeter in Rußland war; er erwähnte sein großes Wissen in der hebräischen wie in der modernen Litteratur, erzählte, wie der Verklärte sich dem Rabbinerfache widmen wollte, wozu er durch seine Kenntnisse berufen war. Im Jahre 1841 wurde er hierher voll den damaligen Vorstehern berufen, das Amt eines Oberkantors zu übernehmen. Der verewigte Blumenthal wurde in Jassy (Rumänien) geboren, ging dann nach Berdyezew, wo er als Kalltor sungirte, und dann nach Odessa, wo er den musterhaften Chorgesang für ganz Rußland einführte. Während seilles langen Lebens hat der Heimgegangene viele schwere Schicksalsschläge erlitten. Zuerst sah er den einzigen talentvollen Sohn Leonhard, der all der Charkower Oper als Sänger wirkte, in der Blüthe seiner Jahre dahinscheiden; ihm folgte bald darauf die einzige nnverheirathete Schwester ins Grab. Der treffliche Greis blieb in seinen alten Tagen mutterseelenallein . . . Vor sieben Jahren erlitt er einen Schlaganfall, wurde paralysirt und verlor die Sprache . . . Trotzdem wurde er, auf seinen Wunsch, während der Feiertage nnd namentlich an den Neujahrstagen und am Versöhnungsfeste in die Synagoge geführt, wo er mit Interesse dem Gottesdienste folgte. Der Heimgegangene Blnmenthal war ein bescheidener, liebenswürdiger Mann, dessen größte Freude war, Gutes zu thun. Wie viele Thränen hat er im Laufe seilles langen Lebens ün Stillen getrocknet! Darum flössen so viele Thränen dem Verklärten bei seinem Heimgänge nach. Generationen erfreute er durch seinen Gesang und Vortrag. Auf den Flügeln des Gesanges hob er seine zahlreichen Zuhörer zu den Höhen, und wenn man seinen ergreifenden, zum Herzen sprechenden Melodien lauschte, war man dem irdischen Treiben vollkommen entrückt. — Alles in Allem war der Verewigte ein edler Mensch im schönsten Sinne dieses Wortes. — In Krementschug starb vor einigen Tagen im hohen Alter von 85 Jahren Herr Sch. L. W oltschenk. Der Verblichene erfreute sich dort großer Popularität. Er war Stadtverordneter der dortigen Munizipalität, Vorsteher der großen Synagoge (im Laufe voll 28 Jahren), Vorsteher der Beerdigungsbrüderschaft, Mitglied vieler jüdischer Wohlthätigkeitsanstalten, denen er große Summen spendete. Als Vertreter der Krementschuger jüdischen Gemeinde hatte der Verewigte das Glück, zweimal als Deputirter dem hochseligen Kaiser Alexander 11. bei dessen Anwesenheit in Krementschug vorgestellt zu werden. Herr W. besaß 60 Jahre hindurch eine große Seifen- und Lichtfabrik, und erst vor zwei Jahren liguidirte er infolge von Altersschwäche seine Geschäfte. Das Leichenbegänglliß des Verblichenen fand mit großen Feierlichkeiten in Anwesenheit einer großen Anzahl voll Leidtragenden statt. Ehre seinem Andenken! Der große Prozeß. (Eine Voranzeige.) ie Blutanklage! Um diese Beschuldigung dreht sich der große Prozeß, der seit tausend Jahren anhält und noch heute kein Ende hat. Er hat seinen Ursprung in der menschlichen Schwäche, im Fanatismus, in der abergläubischen Phantasie. Der böse Irrglaube wurde angenommen und verbreitet. Ab und zu trat ein Stillstand ein, er verstummte zeitweise ganz, aber aus der Phantasie ist er niemals ganz entschwunden. Er nahm seinen Anfang zur Zeit der Geburt des Christenthuiu?, und unter der Wucht derAnklage starben auf derReitbahn der Cirkusse tausende und abertausende Christen eines Märtyrertodes. Er wurde aus künstliche Weise genährt und gepflegt und gegen die Christen ausgebeutet; die große Masse, die immer leichtgläubig ist, weil sie an dem Aberglauben festhält, schenkte dieser Anklage Glauben, und die unschuldigen Gläubigen fielen der großen Volksmasse zum Opfer hin. Daun kam eine günstigere Epoche, in der das Christenthum von dieser Anklage verschont geblieben ist. Aber das Gespenst der Blutanklage spukte »och immer. Es verkroch sich in einem Schlupfwinkel der menschlichen Phantasie, lim von Zeit zu Zeit in seiner ganzen Wildheit, seiner Schauerlichkeit, seiner Gewalthaberei loszustürzen. Er wurde einem vier Jahrtausend alten, Verfolgungen und Unterdrückungen ausgesetzten Volke zum Fluche. Blut und Thränen flössen seinethalben in Strömen. Die Geschichte verzeichnet die trockenen Daten dieser schauerlichen Zeit, Chroniken entrissen sie der Vergessenheit. Und es kam das große Jahrhundert, das neuuzehnte nach bürgerlicher Zeitrechnung. Man nannte es das Jahrhundert der Wahrheit, Aufklärung und der Freiheit. Und dies mit Recht. Der hochstrebende menschliche Geist zerstörte die Vesten der Finsterniß aber die finstere Blutanklage konnte er nicht verschwinden machen. Die Wissenschaft, die Litteratur, die Kunst nähme» einen ungeahnten Aufschwung, der menschliche Geist durchflog Tiefen und Höhen, aber das Gespenst der Blutanklage ließ sict nicht verscheuchen. Es feierte in Tisza-Eszlar seine Auferstehung, und wieder spielte sich das Drama des großen Prozesses ab, dar seit tausend Jahren anhält und noch immer kein Ende hat. Diesen Prozeß mit allen Einzelheiten, Mysterien und Ge Heimnissen schildert Karl Eötvös in den Spalten de Egytmtös. Diese große Arbeit wird schon vermöge ihre Themas die Krone seiner Memoiren sein. Es unterliegt keine» Zweifel, daß sie sowohl in der großen, weiten Welt als auch bei uns mit allgemeinem großen Interesse gelesen werde, wird. Tie Chroniken des großen Dramas der Blutanklag wurden früher immer nur von Jenen geschrieben, die weit em ferut vom Mittelpunkt der Ereignisse standen. Den Tisza Eszlarer großen Prozeß schildert nun Einer, der als Vertheidigcr in die großen Geheimnisse, in die dunkeln Mysterien eingeweih' war, der ein gottbegnadeter Meister der Feder ist und ein scharfe Beobachtungsgabe hat, der alles beachtet, nichts außer Acht läßt und mit kritischem Geiste das Zeitalter Prüft, in de», er lebt. So wird das große Werk ein wahrer Spiegel der großen Prozesses sein, der seit tausend Jahren anhält und noch immer kein Ende hat. 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