Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1902)
- Date
- 1902-04-04
- Page
- Seite 163 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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168 nicht zur Hälfte, die Wahrheit ist ein einziges Ganzes, wie Gott will, aber wir müssen kämpfen für diese Wahrheit bis zu Ende!" Sie wissen, daß ich im Senat nicht aufgetreten bin, dort war blos Kollege Grusenberg allein. Und un Laufe eines ganzen, langen Jahres, nachdem er die Kassation erlangt hatte, trug er ganz allein die Bürde der Verantwortung auf sich. Und für diesen Muth müssen wir uns vor ihm beugen. . . ." Am nächsten Tag. an einem Samstage, feierte die Korporation!>es Wilnaer Barreaus mit ihrem Vorsitzenden Wenzlawsky au der Spitze in den Sälen des Hotel de l'Eurvpe die Verthei- Nger. Die meisten Rechtsanwälte waren Polen. Die erste »jede hielt Herr Wenzlawsky, in der er ans die große soziale Bedeutung des Blondes'schen Prozesses hinwies. Hier handelte s sich nicht »in eine Person, sondern um ein ganzes Volk, dem man ein schädliches, wildes Vorurtheil zuschrieb. Die Aechtsertigung Blondes' ist der Sieg des Verstandes nnd der Gerechtigkeit über das Jahrhunderte alte Vorurtheil. Seine Hede schloß der greise Redner mit folgenden Worten: „Euch sei rühm und Ehre, ihr Kämpfer für Recht und Wahrheit! Ruhm ei Euch im Leben zu Theil, und nach Eurem Ende. So werden ne dankbaren Zeitgenossen gewiß aus Eure Denkmäler olgende Inschrift eingraben: „Sie kämpften sür Wahrheit und eräugen ihr den Sieg!" Es wurde der Antrag gestellt, zum Gedächtnis; dieses Ereignisses in einer Wilnaer Lehranstalt ein tipendium auf die Namen P. G. Mironow und O. O. Grnsenerg zu errichten. Hieraus sprachen noch andere Vertreter der Üilnaer Advokatur. In diesen Reden wurde die Nothwendigkeit er Einigung der Intelligenz aller Nationalitäten zum mnthigen lampse gegen Rohheit und Unwissenheit bervorgehoben. — In einer der letzten Nummern der „Niwa" (der russischen Gartenlaube) finden wir die treffliche Abbildung des berühmten »bischen Bildhauers Leopold Bernstein-Sinajeff und ines letzten Werkes „der trauernde Esra", das einen mächtigen indruck aus den Zuschauer hervorbringt. Ueber den Künstler und ie treffliche Arbeit sagt das Blatt Folgendes: In Paris lebt und cbeitet ein junger russischer Bildhauer L. Bernstein-Sinajeff. essen Talent bekannt und in würdiger Weise gekrönt wurde: seine tatue „der trauernde Esra" hat auf der Pariser Weltausstellung es Jahres 1900 eine Auszeichnung erhalten. Unter den errbeueu biblischen Gestalten nimmt einen der ersten Plätze „der riester aus dem Hanse Aron" ein, der um sein Volk besorgte taatsmaun — Esra. — Die Statue des Herrn Bernstein-Sinajeff ' Ult uns den biblischen Vertreter im Augenblicke seiner Trauer ' nd Schmerzen um das jüdische Volk vor. Der Ausdruck der erzweiflung und des niederdrückenden, bewältigenden ' ununers ist im Marmor in vollem Lichte wiedergegeben, und > e Lorbeeren, die der junge Bildhauer sich aus der Pariser Weltausstellung erworben, hat er redlich verdient. - Am 27. v. M. fand in St. Petersburg im Börsenhvspitalc > r Erinnerung an den hochseligen Kaiser Alexander II. die 'erliche Einweihung der neuen Baracke statt, die den Namen l s Barons Jose pH von Günzburg trügt, in Gegenwart der Vertreter des Finanzministeriums, namentlich des Gehilfen d s Finanzministers, Geheimrath Kowalewski, und anderer Persönlichkeiten. Nach dein Gottesdienste trug der Oberarzt d s Hospitals, Dr. Fomin, die Geschichte der Entstehung d eser Baracke vor. Im Anfänge des Jahres 1898 drückte das ' itglied des Börsenkomitees, der wirkliche Staatsrath Baron h >raee von Günzburg, den Wunsch ans, 25 000 Rubel sür c-ie Baracke im Börsenhospital, die den Namen seines Vaters Joseph von Günzburg tragen soll, zu spenden, und zwar für bemittelteste Kranke, die nicht im allgemeinen Hospital sich kuriren lassen wollen. Die ganze Baracke kostet ungefähr 35 000 Rubel. Am Schluffe seines Vortrages sprach Dr. Fomin im Namen des Aerztepersouals den innigsten Dank dem Finanzminister für seine herzlichen Beziehungen zu den Aerzten des Börsenhospitals und dem Baron Horace von Günzburg für seine hochherzige Spende aus. W. I. Kowalewkky brachte den Trinkspruch auf den Kaiser und die kaiserliche Familie aus. A. I. Protorvw trank auf das Wohl des Staatssekretärs Witte und der Vertreter des Finanzministeriums. Kowalewsky übergab im Namen und Aufträge des Finanzministers einen Gruß dein edlen Spender, den Mitgliedern des Börsenkomitees und der Hospitalverwaltung. Am 22. v. M. begleitete die Odessaer jüdische Gemeinde in feierlicher Weise die irdischen Reste des verehrten Oberkantors Nissen Blumenthal, der im 96. Lebensjahre von dannen schied, zur letzte;; Ruhestätte. Der Verewigte war in Rußland der hervorragendste Kantor. Er war eine große musikalische Kraft. Er verstand ausgezeichnet den Gesang und die Musik und war ein sehr populärer Komponist unter den Juden durch seine Kompositionen verschiedener Gebete. Mit besonderer Liebe erfüllte er seine heiligen Pflichten 55 Jahre lang. Wer unter den Juden in Odessa kannte nicht diesen hochachtbaren Mann, der so viel Gutes für die Armen that, diesen gründlichen Kenner der Musik, diesen prachtvollen Säuger, dessen Vortrag in den Herzen seiner zahlreichen Verehrer so edle Gefühle erweckte! Der Heimgegangene genoß hohe Achtung in allen Kreisen und Schichten der hiesigen jüdischen Gemeinde, welche in seiner Person einen ihrer besten Vertreter verlor. Sein ganzes Vermögen hinterließ er seinem geliebten Chor des Kultustempels. Sein Andenken wird für immer in den Herzen seiner zahlreichen Verehrer leben, wovon die Anwesenheit von mehr als zehntausend Personen, die an seinen; Leichenbegäugniß zugegen waren, Zeugniß ablegte, die sich beeilten, den letzten Zoll der Verehrung dem theuren Tobten zu beweisen. Möge dir die Erde leicht sei;;, du guter und biederer Mensch! Bei Gelegenheit seines fünfzigjährigen Amtsjubiläums nahmen wir Veranlassung in einem Aussätze (Allg. Ztg. d. Jttd. 1891, No. 24) eine Charakteristik dieses trefflichen Mannes zu entwerfen, auf welche wir die geneigten Leser verweisen. Ueber die großartige Leichenfeierlichkeit, die stattfand, haben wir noch Folgendes hinzuzufügen. Um ein Uhr Mittag versammelte sich im Trauerhause das Rabbinat, der Vorstand des Kultustempels, sämmtliche Kantoren der Stadt mit ihren Chören, die Zöglinge des Waisenhauses, Vertreter sämmtlicher jüdischer Wohlthätigkeitsanstalten, die Vorstände sämmtlicher Synagogen, sehr viele christliche Verehrer und persönliche Freunde des Verklärten, Bankiers, Kanfleute, Aerzte, Advokaten, Ingenieure, mit einem Worte mehr als zehntausend Personen. Nach dem ergreifenden Vorträge von „El-mole-Rachmim" durch seinen Amtsnachfolger Oberkantor Minkowsky mit den; gut einstudirten Chore bewegte sich der unübersehbare Leichenkondukt zum Kultustempel; der einfache Sarg war, dem Wunsche des Dahingeschiedenen entsprechend, mit keinen; Kranze geschmückt. Im Hose der Synagoge, jener geweihten Stätte, wo er den heiligen Dienst während inehr als einen; halben Jahrhundert verrichtete, wurde der Sarg hingestellt, und es ertönten abermals die Trauergesänge. Von hier ging es zun; neuen Friedhofe; bei der Hauptsynagoge wurde Halt gemacht; vor