Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1902)
- Date
- 1902-04-04
- Page
- Seite 162 (sequence 8)
- Language
- German
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IS2 handelt. Er citirte eine allbekannte Stelle aus Macaulay, in welcher der berühmte Geschichtsschreiber, Parlamentarier und Essayist davon spricht, die Juden seien das, was ihnen vorgeworfen wird, geworden, weil sie die Anderen dazu machten. Das braucht wohl nicht erst aus Darwin oder Macaulay erwiesen zu werden. Und was that der Vizepräsident Kaiser, welcher der deutschen Volkspartei angehört? — Er entzog Straucher das Wort. Da hätten Sie sehen sollen, wie der Pangermane und Hundspeitschenbesitzer Franko Stein sich mit dem klerikalen Galizianer Pastor — seine Wiege stand auch in einem Judenhause — verband, um Straucher Schmähworte zuzurufen. Stein und Pastor, wie reimt sich dies zusammen? Der „Los von Rom"-Rufer und der galizische — Iwrribite äictu — Klerikale! Ja, wenn es gilt die Juden zu beschimpfen, ziehen sie alle an einem Strange. Wir sympathisiren nicht mit dem getauften tschechischen Juden Stransky, aber in seiner jüngsten Rede hat er ein sehr wahres Wort gesprochen. Er sagte, es gebe im Abgeordnetenhause drei Parteien: die Einen sind die Christlich-Sozialen, sie betonen und bethätigen den Antisemitismus; die Zweiten die „Fortschrittlichen", sie betonen den Antisemitismus nicht, weil sie die jüdische Mamelukenheerde bei den Wahlen brauchen, desto mehr bethätigen sie ihn; die Dritten sind die Alldeutschen, sie betonen ihn, aber sie wagen es nicht, ihn zu bethätigen, weil ihnen die Juden Helfersdienste leisten. — Für die Fortschrittlichen und Alldeutschen haben eben die Juden eine alte Schwäche. Und noch eine Schwäche haben sie, sie bekämpfen sich untereinander. Das sich gegenseitige Verkleinern, dessen könne» wir uns nicht entwöhnen. Wenn wirklich Jemand für das Judenthum etwas leistet, wenn er die Wahrheit unbeirrt bekennt, wenn er seine besten Kräfte dem Judenthum widmet, kann er höchstens auf Schmähungen, selten auf Dank rechnen. So werden unsere besten Kräfte lahmgelegt. Es ist eben nicht Jedermanns Sache, er findet auch nicht immer Freude daran, gegen jüdische Amalekiter zu kämpfen, die uns hinterrücks anfaüen. — „Lösch aus das Andenken Amaleks," ein großes Wort, nur daß wir es nicht beherzigen. Amalek ist die Hinterlist, die Gewaltthätigkeit, die Ungerechtigkeit, die Heimtücke. Löschen wir diese Laster vor allem in unserer Mitte aus. „Gedenke — vergiß nicht." Worte, die wir nicht beherzigen wollen. Wir gedenken nicht und vergessen alles. Sonst würden wir unseren Feinden nicht Vorschub leisten. - Lernen wir aus der Geschichte unseres Volkes. Nicht allein die Renegaten brachten uns Unheil, sondern auch die Juden, die sich zum höheren Gaudium des Pöbels aller Völker und aller Bekenntnisse unter einander bekämpften. — Warum haben sich die Juden im Abgeordnetenhause nicht zusammengethan, um Straucher zu Hilfe zu eilen! Warum erhob sich nicht ein Schrei der Entrüstung, als dieser der deutschen Volks- — sprich Antisemitenpartei — angehörende Vizepräsident ihm das Wort entzog? Haben sie auf die deutsche Fortschrittspartei gewartet, welche die Anwürfe Stranskys ruhig einsackte? Was würde das Häuflein der Sozialdemokraten gethan habe», wenn es der Präsident gewagt hätte, einem der ihrigen das Wort zu entziehen? Wo blieb er, der Sozialdemokrat Ellenbogen, der ganz „roth" vor Wuth wird, wenn man es wagt, einem Fabrikarbeiter ein Härchen zu krümmen? Wo blieb der große Daszynsky, den die Juden Krakaus zum Abgeordneten wählten? Wo blieben der Dr. Byk und der Zuckerfabrikant Auspitz? Ach, die haben anderen Kummer. Straucher ist eben nur ein Jude, die Anderen gehören Klubs an und beugen sich deren Machtgebote. Stransky hat tausendmal Recht. Bei uns braucht inan nur einen Punkt, nicht um von ihm aus du Welt zu bewegen, wie es der alte Archimedes thnn wollte sondern um volksthümlich zu werden, — und das ist de: Judenpunkt. Als Straucher redete, schwiegen die fortschrittlichen Dr. Licht und Auspitz, der Pole Byk, der Sozialdemokrat Ellen bogen, der Svzialpolitiker Ofner, dafür schmähten ihn Pan germanen und Klerikale. Das besagt alles. Wenn unter sothanei Umständen der Abfall in unseren Reihen immer mehr zunimm! fast wundert es uns nicht. „Gehöre lieber zu den Verfolgten als zu den Verfolgern," der Satz steht in keinem Evangelium aber im Talmud, meine Herren Judenfresser. Aber er drück ein Ideal aus, das sich schwer verwirklichen läßt. Und s> schließen sich unsere Paradejuden den Verfolgern an, es is zwar nicht honorig, aber gesund („I§s bonorvvo, ate rckravo"). - Und man macht sein Geschäft damit. Uvri. Briefe aus Rußland. Von Leon A. Trachtenberg. — Odessa, M. Febrnan (A^^ach längerer Zeit nehme ich wieder meine altgewohnt Thätigkeit auf, um Ihnen über die interessanteste: Ereignisse im weiten Zarenreiche von Zeit zu Ze l zu berichten. Ueber den Prozeß Blondes in Wilna habe : Sie selbst schon das Wichtigste gebracht. Wie man aus Willi > schreibt, wurden nach Beendigung des Prozesses Blondes d e Rechtsanwälte Mirvnow (Christ) und Grusenberg durch die ii > Gerichte sich befindenden Rechtsanwälte in das Lokal der Brüde gesellschaft eingeladen, wo zu diesem Zeitpunkte viele Vertreter de Barreaus und Mitglieder der jüdischen Gemeinde sich befände: Es wurden Reden gehalten von den Herren S. B. Meerowitsr, D. L. Slonimsky, B. I. Gvldberg, Dr. Kohan und Eljasche: . Diese Redner hoben die große Bedeutung dieses Prozesses sie das Judenthum hervor und zollten den Herren Mironow uio Grusenberg den Tribut der Dankbarkeit für ihren dab i bewiesenen Muth und Energie. Herrn Mironow wurde eii c herzliche Ovation zu Theil. Ans diese Reden folgte eine An - wort seitens des Herrn Mironow. Bis zu Thränen gerüh: schilderte Rechtsanwalt Mironow in außerordentlich warme herzlichen Worten den aufgeregten Zustand, in der sich d c Vertheidigung nach dem ersten Gerichtsnrtheil befand, a: die Frage der Kassation aufgeworfen wurde. „Ich besuch: die Universität — sagte er — zu jener Zeit, als der u - vergeßliche Rednin, die Gedanken der Studenten leitete u:? inspirirte. Er sagte uns: „Gedenket dessen, daß alles berge!: aber nur die Wahrheit allein besteht." Im Leben war es u:n beschieden, viel moralisches Gut zu verlieren, welches n:: unser Lehrer gab. Aber in jener Stunde, als es uns gelanz Blondes aus den Klauen der Galeerenstrafe zu entreiße : verließ mich die Energie. Ich dachte: Lassen wir die Sackwie sie nun einmal ist, und lassen wir den Unglücklichen ni > einer neuen Gefahr der Galeerenstrafe aussetzen. Und in die traurigen Zeit der Verzweiflung war blos mein Kolle g Grusenberg allein fest und unbeugsam, und auf alle me: praktischen Einwendungen antwortete er: „Die Wahrheit st