Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1902)
- Date
- 1902-04-04
- Page
- Seite 161 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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16l tragen und speziell dem Geist, der in unserer Gemeinde herrscht! Man wähle einen freien, vorurtheilslosen Mann, der es als eine vornehmste Aufgabe betrachtet, seine Schutzbefohlenen mcht in einen inneren Konflikt mit dem Leben im Hause zu! ringen, der den Kindern keinen Gewissenszwang gegenüber i>en eigenen Eltern aufertegt, bei denen dann die ersteren nicht beobachtet fänden, was ihnen in der Schule etwa als eine ihrer vornehmsten Pflichten gepredigt würde. Könnte es doch bei linern empfänglichen Gemüth, auf welches der Lehrer großen Änfluß ausübt, Vorkommen, daß das Kind den eigener! Eltern ntfremdet wird — sich aus dem Elternhanse fortsehnt, nur um in anderer Umgebung die Befriedigung der auf diese Zeise in ihm hineingelegten religiösen Bedürfnisse zu finden, welche ihm im Elternhause versagt ist. Vor Allem aber bedenke man, daß unsere Kinder dereinst die Träger des Kultus- 'bens im Judenthum sein sollen. Um für diese Aufgabe sie ihig zu machen, darf man den Geist der Zeit nicht uuterrücken. Wir sind Deutsche und Juden in einer Person. Als üche können wir uns nicht zertheilen und nicht mit einem mße in der Gegenwart mit ihrer hohen Entwickelung stehen md mit dem andern im Alterthum, welches allem Neuen egenüber, und wäre es an sich noch so gut, sich ablehnend! erhält, nur weil es neu ist. Man mißverstehe uns nicht!! Zir wollen nicht das Alte, weil es alt ist, über Bord werfen.! niemandem können die Lehren unserer Väter, von denen die anze Welt gelernt hat, heiliger sein als uns, aber wir leben ul der Gegenwart, und den Anschauungen der Gegenwart, loseren eigenen Anschauungen, wollen wir das Alte nutzbar «lachen. Wir können nicht mehr in jedem Sinne so empfinden, oie es unsere Vorfahren gethan. Wie wäre es denn möglich, nt dem Herzell das zu fühlen, was der Geist nicht denkt! -uch lasse man nicht ans dem Auge, daß in der Gemeinde nttelbar und unmittelbar drei orthodoxe Rabbiner ihren Einurß geltend machen, und daß es der Gemeinde unmöglich ommen kann, das orthodoxe Element sich noch weiter ausehnen zu lassen, um so weniger, als die Gemeinde seit mehr einem Vierteljahrhuudert durchaus konservativ in allen wen Institutionen und Anstalten, in Gotteshaus und Schule eleitet.'wird. Es ist eine berechtigte Forderung seitens des beraten Elements, dem neun Zehntel der Gemeinde angeören, und welche, wie wir schon früher betont haben, durchras nicht auf eine Zerstörung des religiösen Sinnes hinausollen, daß auch seine religiösen Ansprüche berücksichtigt erden. Wir warnen die jetzige Gemeindeverwaltung, nicht - die Fehler, die eine frühere Gemeindeleitung begangen hat, lrückzufallen. Viäonut eonLules! LI. ->O<- Srief aus Oesterreich. Ende März. ls der Professor der Theologie in Olmütz, der einfache Dr. Kohn, der sich viel auf seine Demnth zu gute thut, zum Erzbischöfe von Olmütz gewählt worden war, bel at ein durch seinen beißenden Witz bekannter Glaubensgenosse em Cafö, das von Juden viel besucht wurde, und rief ans: beht, lvie weit es heutzutage ein Jude bringen kann — wenn sich taufen läßt." Uebrigens wurde schon im 15. Jahrhundert ein getaufter Jude Bischof von Bnrgos, er hieß mit seinem jüdischen Namen Salomo Halewi. Daran wurden wir durch zwei Todessälle und - eine Hochzeit gemahnt, welche in gleicher Weise uns vor den Sinn führten, nne weit es Juden bringen können, wenn sie die moderne Wasserkur gebrauchen. Die beiden Todesfälle und die Hochzeit ereigneten sich in unserer Reichshauptstadt Wien in den letzten Februartagen und Anfangs März. Da starben nämlich zwei Professoren der Wiener Universität, und es heirathete der Direktor und erste Kapellmeister in der Wiener Hofoper. Die zwei berühmten Professoren und der Hosoperndirektor entstammen einfachen, ja ärmlichen jüdischen Eltern; sie haben es weit gebracht, aber ihr Judenthnm hatten sie verlassen. Sie thateu das, was Prosiat Duran. genannt Ephodäus, im 15. Jahrhundert mit sathrischem Griffel in seinem berühmten Sendschreiben an David Bongiorno (Altakkn Ka-Lotelvn — „AI löln k'Avo886(1m Sei nicht wie deine Väter") so herb geißelt — sie waren Christen geworden. Nnn stand ihnen die Welt offen. Der Erste der beiden Verblichenen heißt Professor Max Büdinger. Er lehrte allgemeine Geschichte an der Wiener Universität. Sein Vater war Moses Büdinger, Religionslehrer in Kassel, bekannt durch seine Thätigkeit als Prediger, nicht weniger bekannt durch seine Lehrbücher der jüdischen Religion. Max Büdinger, Verfasser einer grundlegenden „Geschichte Oesterreichs bis zum 13. Jahrhundert", ging zunächst in die freie Schweiz und lehrte in Zürich Universalhistorie. Damals war er noch Jude. Seit 1872 war er Professor an der Wiener Universität, aber diese Professur erhielt er erst, nachdem er vom mosaischen Glauben zu einem anderen übergegangen war. Er ist als Christ helvetischen Bekenntnisses gestorben. Der Zweite der Verstorbenen heißt Dr. Moritz Kaposi, Professor der Hautkrankheiten und der verwandten Wissenschaften an der medizinischen Fakultät der Wiener Universität. Er war geboren in Kaposvar in Ungarn, hieß damals Moritz Kohn und war das Kind blutarmer Eltern. Als Schwiegersohn Hebras ist er gestorben; er galt mit Recht als Leuchte auf dem Gebiete seiner Wissenschaft. - Jetzt von Dem, der sich verheirathele: Er heißt Gustav Mahler, ist Direktor der Wiener Hofoper, und seine jüdischen Eltern sind einfache Leute, die in Jglau in Mähren leben. — Und null fragen wir, hatte jener Witzbold nicht Recht, wenn er bemerkte, wie weit es Juden bringen können, wenn sie nur das Opfer der Taufe, dieses LLmr-itmio ä'intoloUo, bringen? Und noch eine Frage: Hat es ein mächtiger Staat wirklich nothwendig, ein solches Opfer zu verlangen? Hütten die genannten Männer als Inden nicht ebenso ersprießliches für die Menschheit, den Staat, die Wissenschaft, die Kunst geleistet? Mußten sie wirklich den Glauben der Väter abschwören? Während wir diese Fragen aufwerfen, erkennen wir so recht, wie wenig wir eigentlich Grund haben, uns über das 15. Jahrhundert zu erheben. Damals drohte den Juden Inquisition. Verbrennung, oder, was noch als das kleinste Uebel bezeichnet werden muß, Vertreibung ans ihrem Geburtslande. Heute sagt mall: keine Taufe, keine Beförderung. Da hat vor einigen Tagen ein Jude aus Czernowitz, Strancher heißt der Wackere, in unserem Abgeordnetenhause das Thema von den „Staatsgrundgesetzeu" behandelt, einen aktuellen Stoff fürwahr. Straucher, der keinem Klub angehört und sich selbst als „Wilden" bezeichnte, meinte, das Staatsgrundgesetz, das allen Bekenntnissen die gleichen Rechte einräumt, stehe nur auf dem Papiere, wenn es sich — um Juden