Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1902)
- Date
- 1902-04-04
- Page
- Seite 160 (sequence 6)
- Language
- German
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160 können die Evans Gordon und Genossen, welche unter dein Deckmantel des Schutzes der englischen Arbeiterschaft die Judenhetze einschmuggeln wollen, auf Entgegenkommen bei der Regierung nicht rechnen. Brief aus Köln. ^eit der Liberalismus bei uns sein Interesse dem Leben innerhalb der Gemeinde zuwandte, können wir mit y- Genugthnuiig feststellen, daß diejenigen Kreise, die allem, was Jnbenthnm beißt, indifferent gegenüberstauden, nun doch auch anfaugen, sich der Gemeinsamkeit unserer Lebensbedingungeu bewußt zu werden und zu empfinden, daß es nicht genügt, Gott einen guten Mann sein zu lassen und im klebrigen die Hände in den Schooß zu legen. Nicht wie vor wenigen Jahren noch erklärt man sich heute mit Allem einverstanden, was geschieht, oder schimpft allenfalls im engeren Freundeskreise über Anordnungen, die besser hätten getroffen werden können. Heute nimmt das Element, welches sich auf sein „Ich," auf sein „jüdisches Ich" besonnen hat, freudig Theil an der Arbeit des Schaffens. Au die Stelle des Gewährenlassens trat der Wunsch, die Dinge so gestalten zn helfen, wie wir sie zu sehen wünschen, und nicht im kleinen Kreise nur behandelt man noch die Angelegenheiten des jüdischen Gemeindelebens, sondern inan tritt heute mit seiner Ueberzeugung und mit seinen Ansichten an die Oesfentlichkeit, sie im ehrlichen Wettstreit zu vertreten und zu verfechten. Das drückt sich zunächst in der großen Zahl der Theilnehmer an den Sitzungen des Vorstandes und des Repräsentanten- Kollegiums aus; mit dein übernommenen Ehrenamt nahm Jeder die Ueberzeugung irr sich auf. daß er nun nicht mehr für sich allein zu sorgen, sondern dem großen Ganzen einen Theil seiner Arbeitskraft und seines Interesses zu widmen habe, daß er sich an den Einrichtungen des Kultus wie an Allem, was das jüdische Geistes- und Gemnthsleben betrifft, nicht nur für seine Person betheiligen müsse, sondern auch als Vertreter der vielen Hunderte, die die Wahrnehmung dieser ihrer wichtigsten Interessen vertrauensvoll in seine Hände legten. Aus der Entfremdung wurde warmes Interesse und die Zeiten sind vorüber, wo der Shnagogendiener einige Mitglieder des Repräseutantenkollegnuns, welche die den Repräsentanten vorbehaltenen Plätze einnehmen wollten, hiervon mit der Begründung abhalten zu müssen glaubte, daß diese Plätze nur für die Repräsentanten reservirt seien. Man konnte diesen pflichteifrigen Beamten nicht tadeln, denn er hatte in der Synagoge nie Gelegenheit gehabt, die Bekanntschaft jener Herren zu machen. Das war früher; heute kvnunt so etwas nicht mehr vor. Wenn nun aber auch in den maßgebenden Kollegien die Ansichten über das, was dem Judeuthum nntzt und frommt, sich oft diametral gegenüberstehen, so darf man daraus nicht schließen, daß nicht auch ein versöhnender Geist die Mitglieder beherrsche, der die Gegensätze Überdrücken und Alle mit Allem einverstanden machen möchte. Versöhnung, welch schönes Wort und welch noch schönerer Gedanke! Frieden zwischen den Herzen und Frieden zwischen den Geistern. Freilich soll es ja ein Frieden sein, der beide Parteien — denn bei einem Friedensschluß muß es ja doch Parteien geben, und die giebt es hier auch! — befriedigt. Wer zu allen Bedingungen des Anderen „Ja" sagt, kann dadurch ja allerdings zu> > Frieden gelangen. Das ist aber ein Frieden, der das eigene Selbst ertödtet und mit der Zeit aller Anregungen bar werden muß, der die Selbstachtung untergräbt und den Mann zu dein macht, was man in der Ehe einen Pantoffelhelden nenn! Ein Pantoffelheld nimmt im eigenen Hause, das er doch al-! sein eigenstes Reich betrachten müßte, die Stellung nicht ein. die, von der Achtung getragen, die erste an der Stätte seines Wirkens sein soll, und wir haben schon von vielen Frauen, und es waren wahrlich edle Charaktere, es aussprechen hören, daß sie lieber einem gelinden Despotismus sich unterwerfe.^ als in ihrem Gatten eine Figur sehen möchten, die, auf d > eigene Meinung verzichtend, des lieben Friedens wegen jeden^ Wunsche der Frau nachgäbe. Nnr durch das Aufrechterhalten und das Ausdrücken gewisser Gegensätze wird der Unterhaltung Reiz und Würze verliehen. Wo alle Ansichten sich Haarschani decken, oder wo der entgegengesetzten Ansicht nicht Ausdr» l verliehe» wird, da wird die Unterhaltung langweilig und! farblos. Wieso solche Erwägungen hierher gehören? Je nun, dn^ beiden Parteien, aus denen die Gemeinde besteht, sind ami> gezwungen eine gemeinsame Ehe zu führen und als solche ,z. B. der Außenwelt gegenüber als ein festgefügter Bund auizutreten. Da soll denn jeder der beiden Theile seine Ecken abzuschleifen suchen, der Eine soll den Anschauungen de-! Anderen Gerechtigkeit widerfahren lassen, der Eine soll Gefühle des Anderen verstehen zu lernen suchen und soll ihnen entgegenkounnen, so weit es sich mit seinen Ansichten uns! seinem eigenen Empfinden verträgt. Aber nicht weiter! Unv! da meinen wir, daß bis an diese äußerste Grenze, wenn nie!-! vielleicht schon etwas weiter, die liberal gesinnten Männer d Vorstandes und des Repräsentantenkollegiums gegang.i sind. Dem liberalen Mann liegt es in' der Natur, dem streng I gläubigen Gegner — Gegner wenigstens auf dem Gebiet d e! Kultusbestrebungen — zu gewähren, was er nnr eben gewähr. »I kann. Aber die Pflicht der Selbsterhaltung scheint doch sch.nf ein wenig verleugnet, wenn z. B. in der Schechita-Frage, d e jüngst die Geister lebhaft beschäftigte und erregte, so we i l gehende Konzessionen gemacht wurden, wie es hier gescheh > ist. Nach dem Gemeindestatut sollen die Schochtim von d.lj Gemeinde angestellt und der Kontrolle der Rabbiner unbestellt werden. Als Rabbiner können doch nur die von der C.-I meiude angestellte», ihre offiziellen Vertreter, gemeint sei»! Wem diese Kontrolle nicht genügt, der mag sich ja u>l einen anderen Schochet wenden, es bleibt ihm unbenomme n die Gemeinde als solche aber sollte durch Hinzuziehung n >rck Anerkennung eines oder mehrerer Schochtim nicht die Ansi li^ unterstützen, daß die ihren eigenen Organen unterstellten A> über dieses Amtes minderwerthig oder minder vertraue!--! würdig seien. Es würde wohl keiner Staatsregierung e-n-s fallen, einem ihrer Aufsichtsbeamten einen zweiten zur S-tel zu setzen, weil Jener etwa nicht scharf genug in der AusM>tI sei. Der Staat giebt und verlangt volle Autorität für seuiel Beamten, und das sollten im engeren Rahmen auch einzelnen Gemeinden thun! Eine zweite wichtige Angelegenheit beschäftigt die Gemein^-1 Vertretung. Es handelt sich um die weitere Anstellung eineakademisch gebildeten Lehrers für den Religionsunterril Möge man bei der Wahl desselben dem Geist der Zeit Rechniwill