Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1902)
- Date
- 1902-03-28
- Page
- Seite 155 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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155 und Abends hatte er seinen Stammsitz im Beth Hamidrasch in der Nähe des Niesenofens, wo er gewöhnlich auch zu übernachten Pflegte. Doch richtete er nie vor Mitternacht sein Lager ans. Das hätten die Talmudjünger auch gar nicht zugelassen, die des Abends, namentlich im Winter, den Mordche umkreisten, um zum so und so vielten Male seine Geschichten anzuhören. Und Mordche besaß Talent, er verstand mit seinen Erzählungen die Jugend an sich zu fesseln, sie in eine andere Welt zu versetzen, in der sie sich nach dem ermüdenden Umherschwimmen in dem uferlosen Meere des Talmuds unendlich wohl und behaglich fühlte. Eine außerordentliche Anziehungskraft besaßen seine Erzählungen aus der Zeit des polnischen Aufstandes und des Krieges zwischen Rußland und Frankreich unter Napoleon l. Auch die Erzählungen der Bibel und manche Episode aus der jüdischen Geschichte erhielten nach seiner Darstellung eine andere, natürlichere, fast moderne Form, und es war interessant anzuhören, wie dieser einfache, mit nur wenig jüdischem Wissen ausgerüstete Mann in seiner schlichten Erzählungsweise zuweilen manche Lücke in den biblischen Berichten ansznfüllen und den historischen Faden zwischen Vergangenheit und Gegenwart fortzuspinnen verstand. Nur die Geschichtevon Esther und Haman wollte ihm nicht gefallen, behandelte er mit einer gewissen Geringschätzung. „Ein Buch," sagte er, „in dem nicht ein einziges Mal der Name Gottes erwähnt ist, gehört nicht in die Bibel hinein, hat darum für mich keinen besonderen Werth. Ahasverus," Pflegte er, sich ereifernd, sortzufahren, „war gar nicht so ein Schaute, wie der Midrasch nach eurer Angabe behauptet. Er war im Gegentheil ein ganz gescheidter Kopf. An Stelle der alternden Wasti hat er die hübsche, jugendliche Esther zur Königin erhoben, ohne sich, wie es einem vorurtheilslosen Manne geziemt, um ihre jüdische Abstammung zu kümmern. Ueber die Verleumdung des Haman hat er im Stillen gewiß gelacht und sie nur als willkommene Gelegenheit benutzt, um durch den Widerruf seines früheren Edikts und den Sturz des Haman sich der angebeteten Esther gefällig zu zeigen und dadurch ihr Herz, ihre Liebe zu gewinnen. Daß er den Haman hat aufhängen lassen, will mir gar nicht gefallen, denn er hat damit nichts erreicht: Hamans Nachkommen sind, wie die Geschichte uns lehrt, ebenso wenig wie die Nachkommen Korachs von der Oberfläche verschwunden. Es wäre von ihm vernünftiger gewesen, wenn er den Haman für sein ganzes Leben zum Diener Mordches degradirt Hütte, er wäre dann zwanzigmal täglich vor Neid und Aerger geplatzt. Es berührt uns zwar sehr angenehm, daß Mordche zum Minister ernannt wurde, aber ich an seiner Stelle hätte die mir zugedachte Standeserhöhung dankend abgelehnt, um nicht den verkappten Judenfeinden Veranlassung zu Neid und Mißgunst zu geben." „Aber Rebb Mordche," riefen seine Zuhörer ganz entsetzt aus, „Ihr redet doch „eppes" wie ein Apikores, wie ein Goi! Was heißt! Nach Eurer Ansicht ist doch Purim rein nichts!" „Purim ist auch nichts," gab er daun ruhig zurück, „Purim ist kein Jomtow und Kadoches kein Kränk. Das einzige Gute an der ganzen Sache ist das vorangehende Fasten, das den frommen, armen Juden wenigstens an diesem Tage die Entbehrung und den Hunger, weil er doch nach dem Gesetz hungern muß, etwas weniger empfinden läßt." „Und die KrepPchen, die süßen Bobes, das Trinkgebot imponiren Euch auch nicht, haben auch in Euren Augen keinen Werth?" „Nein, alles nur für reiche Leute bestimmt, die die Hamans erzeugen, aber keinen einzigen Mordche aufzuweisen haben." Dieser Dialog zwischen Mordche und den Talmudjüugern pflegte sich alljährlich kurz vor Purim zu wiederholen. Jener beharrte stets bei seiner Ansicht, und Diese gaben sich keine besonders große Mühe, ihn von der großen Bedeutung des Purimfestes zu überzeugen. An einem Purimmorgen war Mordche spurlos verschwunden. Die Bewohner der Lubliner Judengasse, namentlich die Frauen, entbehrten ihn an diesem Tage, wo zur Abendmahlzeit so vielerlei gekocht und gebraten wird, mehr als sonst, und so manche Küchenfee machte ihrem Unmnth über sein Ausbleiben durch Verwünschungen Lust. Die Talmudjünger aber durchstreiften alle Straßen und Schlupfwinkel der Stadt, hielten überall Nachfrage nach den: so plötzlich Verschwundenen, ohne eine Spur von ihm zu entdecken. Mordche hieß es allgemein, muß ein Unglück zugestoßen sein, und so war es auch. Einige Tage darauf erschien im Beth Hamidrasch zum Erstaunen der Talmudjünger ein russischer Soldat und übergab ihnen einen Brief von Mordche, der folgenden Inhalt hatte: „Meine jungen Freunde! Was ich immer befürchtet, ist nun eingetroffen, was mich veranlaßt hat, meine Person in ein geheimnißvolles Dunkel zu hüllen, ist nun gegenstandslos. Ich kann jetzt eure Neugier befriedige!: und eure so oft an mich gerichtete Frage: Woher ich denn eigentlich wäre? beantworten. Ich bin in einer kleinen Stadt an der preußischen Grenze geboren. Meine Eltern waren brave, fromme, aber arme Leute. Ich war ihr einziges Kind und zugleich ihr ganzer Reichthum. Doch schon als achtjähriger Knabe wurde ich ihnen entrissen. Es war au einem Purimabeud, als meine Eltern und ich, wie alle anderen Juden an diesem Abend, recht fröhlich um den Tisch saßen, da kamen viele Purimspieler zu uns, tanzten eine Weile im Zimmer herum, tranken mit Behagen den ihnen dargebotenen Branntwein, dann ergriffen sie mich und eilten mit mir auf die Straße hinaus. Meine Eltern, die anfangs diesen Vorfall für einen Scherz hielten, erführen zu ihrem Entsetzen gar bald, daß die Purimspieler verruchte Häscher waren, welche mich wie noch einige andere arme Kinder auf diese listige Weise für den Militärdienst eingefangen und uns gleich darauf ins Innere Rußlands gebracht hatten. Was für eine Leidenszeit wir durchgemacht haben, weiß nur der liebe Gott, und er allein weiß es auch, daß wir nicht freiwillig ihm untreu wurden. Ich wurde getauft. Doch in meinem Innern war ich Jude. Mordche, sagte ich mir täglich und stündlich, du trügst den Namen eines großen Mannes in Israel: beuge dich nicht und bücke dich nicht. Jahre auf Jahre vergingen; ans dem kleinen Judenjungen Mordche ist ein großer Offizier Pawel Petrowitsch geworden, doch in meinem Herzen lebte noch immer das Bild jenes kleinen Mordche, der mir immer zurief: Beuge Dich nicht und bücke Dich nicht — der Ewige allein ist Gott. Ich benutzte eine günstige Gelegenheit, entfloh, war jahrelang unstät und flüchtig, bis ich nach vielem Umherirren Eure Gemeinde erreichte. Der alte Wnnderrabbi, dem ich mein Geheimnis; anvertraut hatte, rieth mir, hier zu bleiben und als Wasserträger in Eurer Gemeinde die Sünde jenes Wassers zu büßen, das mich eine Zeit lang der Gemeinde Israels entfremdet hatte. Ein böses Geschick scheint aber das Purimfest zu meinem Verderber: bestimmt zu haben. Denn als ich neulich,