Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1902)
- Date
- 1902-03-28
- Page
- Seite 154 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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154 thun hat..." Schreiner bezeichnet dagegen den Monotheismus als überweltlich, transcendental, exclusiv, ethisch und erklärt: „Endlich aber war der Monotheismus die größte befreiende Macht der Menschheit, indem er den Menschen aus dem Sklaven der Welt, aller Kräfte der Natur, der Geister der Ahnen der Gebilde der Phantasie zum Herrn der Natur gemacht hat. Es ist ja interessant, in der Studierstube sich an den phantastischen Gebilden des Heidenthums, an dem Glauben an Elfen, Nixen und Berggeistern zu erfreuen, nachdem der Monotheismus den Glauben an ihre Wirklichkeit zerstört hat, aber das Leben unter der Herrschaft des Heidenthums war in Wirklichkeit gewiß nicht so angenehm, wie der Aegyptologe. der Jndologe und der Germanist sich vielfach einbilden." Noch bemerkenswerther dürfte das Folgende sein Seite 15: Wellhausen und nach ihm Harnack sagen mit Bezug auf die neuen Gedanken im Christenthum: „Jüdische Gelehrte wünschen den Unterschied, richtiger ausgedrückt, den zornigen Gegensatz, in dem Jesus zu den Pharisäern stand, aus der Welt zu schaffen; sie meinen, alles was er gesagt habe, stehe auch im Talmud. Ja, alles und noch viel mehr //-Im- ,-r .-^7,'-,. Jesu Originalität besteht darin, daß er aus der chaotischen Wüste das Wahre und Ewige herausgefnnden und mit größtem Nachdruck hervorgehoben hat." Schlagend erwiedert Dr. Schreiner: „Die jüdischen Gelehrten können nicht einfach meinen, . alles, was Jesus gesagt habe, stehe im Talmud. Dieser ist das Werk von Jahrhunderten, und ihm kann füglich nicht die Bergpredigt, auch nicht die Lehre Jesu überhaupt entgegengestellt werden, sondern etwa die Werke des Hieronymus, des Augustinus, und diese enthalten auch nicht nur die Lehre Jesu, sondern „noch viel mehr". Ich nannte die Antwort schlagend, wenn auch die Ausdrucksweise nicht ganz gebilligt werderr kann! Die Schriften des Hieronymus und Augustinus seien nach Schreiners Ansicht, so könnte mar: irrthümlich folgern, das Werk^von Jahrhunderten. Den großen Vorzügen, welche das nicht nur mit Gelehrsamkeit, sondern auch mit viel Geist geschriebene Werk hat, stehen — das dürfen wir einen: so ernst zu nehmenden Buche gegenüber rächt verschweigen — auch manche Schwächen gegenüber. Oefter kommen Wiederholungen vor; so wird, um ein Beispiel zu nennen, das Problem der „Auserwähltheit Israels" an zahlreichen Stellen in nicht immer gleicher Weise behandelt. Manchmal zeigt auch der Autor eine große Nachsicht mit Schwächen selbst wissenschaftlicher Natur, ok.p. 72: „Die Synagoge hat in: Mittelalter (!) für die Bibel so vieles getharr, daß sie jetzt ihre Aufmerksamkeit eine Zeit lang l!) ihrer: späteren geistigen Gütern zuwenden darf." Hier soll auch erwähnt werden, daß die Ausführungen sich nicht immer durch Ruhe legitirniren. Gewiß ist ein freimüthiger Zorn manchmal ethisch mehr gerechtfertigt als der vielgerühmte Grundsatz: Liebe deine Feinde, doch es beeinträchtigt jeder Zorn doch am Ende die Wirkung wissenschaftlicher Contraverse. Fehlen könnten die Schlußthesen des ganzen Werkes, und zwar nicht deshalb, weil eine leidenschaftliche Kraft, mit der Dr. Schreiner sich dem Judenthum verbunden weiß und Anhänger wirbt, aus ihnen spricht, sondern weil sie unbestimmt und theilweise unrichtig sind. Wenn der Autor sagt: „Wir müssen eine jede Einrichtung, die uns etwas bedeuten kann, heilig halten," so wird man füglich fragen: Was ist unter „jede Einrichtung" zu verstehen, und was will der Ausdruck „etwas bedenken" eigentlich besage::? Solchen Satz kann der Orthodoxe wie der Liberalste gleichmäßig für seine Zwecke ausbenten, und wer für Alle etwas schafft, muß es sich gefallen lassen, daß sein Werk mißlingt. Noch sonderbarer erscheint es, wenn Schreiner das Studium der hebräische:: Sprache mit folgender Begründung empfiehlt: „Nur müssen weite Kreise unserer Gemeinschaft einsehen, daß aus diesen Arbeiten ihren Kindern mehr sittliche Kraft erwächst als aus allen andern Bildungselementen, mit denen sie überladen werden." Danach Hütten die Juden in der vormendelssohnschen Zeit oder die heutigen Juden in Rußland und Galizien die größte sittliche Kraft; ich zweifle nicht, daß es Unwissende giebt, die solches glauben, aber richtig wird die Behauptung darum doch nicht. Es ist anerkennenswerth, wenn Jemand in unserer Zeit die wichtigsten Interessen seiner Gemeinschaft nicht nnr dem kühl wägenden Verstände überläßt; geschichtliche Unrichtigkeiten können uns jedoch nicht helfen. Mar darf bei einem Buche wie dem vorliegenden nach der muthmaßlichen Wirkung fragen. Ich denke, daß unsere Gegner Veranlassung nehmen werden, vorsichtiger in ihren Aeußerungen zu sein, daß sie viele ihrer Anschauungen in: Einzelnen berichtigen und etwa gar mit der summarischen Verwerfung des Judenthums aufhören; jedenfalls aber wird das Judenthum den: Autor Dank wissen, daß er für dasselbe den Kampf ausgenommen und es mit sicheren Beweisführungen vertheidigt, daß er die Zeugnisse der Alten zusammengebracht mit der Kunst seiner Dialektik und der Fülle seines Wissens zur Ehrenrettung unseres Stammes und seines Glaubens. Lmri.Li'on Mordche Wasserträger. Von Albert Katz. '^^^i^ordche Wasserträger war in Lublin eine allgemein ^<87^ bekannte und beliebte Persönlichkeit. Insbesondere war es die Bethamidrasch-Jugend, die ihn ins Herz geschlossen hatte, und in aufrichtiger Zuneigung ihn: zngethan war. Niemand jedoch kannte ihn näher, Niemand wußte, woher er kam und wo er geboren war. Man wußte nur, daß er schon das Haus des alten Wunderrabbi, der seit vielen Jahren im Gefilde der Seligen weilt, mit Wasser versehen hatte, und daß er darum irgendwo — geboren sein mußte. Fragte ihn Jemand: „Nebb Mordche, woher seid Ihr denn eigentlich?" so gab er zur Antwort: „Woher soll ich sein? Ich bin aus Gottes großer Welt." Alle aber stimmten darin überein, daß er kein Lubliner war, denn sein Dialekt unterschied sich wesentlich von dem der Lubliner Inden: er sprach die deutschen Worte ziemlich korrekt aus und gebrauchte häufig auch echt russische Ausdrücke. Hebräische und Polnische Ausdrücke dagegen wendete er in seiner Sprache nur selten au, und kan: es einmal vor, daß er sich solcher bediente, so klangen sie ganz spanisch, oder wie das Jüdischdeutsch in: Munde eines Stockpolen. Er hatte weder Familie noch eine eigene Wohnung. Den ganzen Tag über sah man ihn in den Straßen der Stadt mit einem Tragbalken über den Schultern, an dessen beiden Enden an Eijenketten Wasserkübel hingen, von Haus zu Haus gehen.