Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1902)
- Date
- 1902-03-28
- Page
- Seite 153 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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>53 des Rabbinerstandes enthält, mir die Verpflichtung auferlegte, noch einige Bemerkungen hinzuzusügen. Herr Loewe glaubt, daß der Rabbinerverband die Absicht habe, zur Erlangung des von ihm begehrten Vetorechtes eine Gesetzesänderung anzustreben, ohne zu bedenken, daß bei der gegenwärtigen Zusammensetzung des preußischen Landtages unliebsame Ueberraschungen von Seiten der Majoritätsparteien zu befürchten sind, Ueberraschungen, welche gar leicht eine landesgesetzliche Beschränkung der Rechtsstellung der Juden zur Folge haben könnten. Ich war höchlichst erstaunt und fühlte mich tief verletzt, als ich dies las. So leichtfertig sollten wir Rabbiner, um ein uns erstrebenswerth erscheinendes Ziel zu erreichen, die mühsam erlangten Rechte der Juden gefährden wollen? Oder traut man uns eine so große geradezu sträfliche Unkeuntniß der thatsächlichen Verhältnisse zu? Nein, es kommt uns nimmermehr in den Sinn, durch einen Antrag bei der Staatsregierung die Juden und die jüdischen Gemeinden Preußens der Gefahr einer Verkürzung der ihnen gewährleisteten Rechte auszusetzen. Um solch hohen Preis wollen wir eine Erhöhung unserer Autorität, und wenn sie uns ans religiösen Gründen auch noch so sehr geboten erschiene, wahrlich nicht erkaufen. Man soll von uns nicht sagen, wie man es zu keiner Zeit hat von denRabbinern sagen können: v'LNN VN N'22^! sie sind nur auf ihre Ehre bedacht und kümmern sich nicht um die Wohlfahrt der Gesammtheit. Wenn wir die Klinke der Gesetzgebung hätten in die Hand nehmen wollen, so würden wir mit dem Versuche, die im Jahre 1898 gefaßte Resolution ihrer Verwirklichung näher zu bringen, nicht bis jetzt gewartet haben. Wir haben uns aber vertrauensvoll an den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund als an die Centralstelle der jüdischen Gemeinden gewandt, um mit seiner Hilfe zu unserem Ziele zu gelangen, und unser Vertrauen ist auch nicht getäuscht worden. Der Gemeindetag hat ans Antrag des Ausschusses des D.-J. G.-B. säst alle unsere Forderungen genehmigt und nur eine, freilich eine höchst wichtige, über die aber wohl das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, abgelehnt. Wir sind ihm und asten, die an diesem Resultate mitgewirkt haben, von Herzen dankbar, wir sind auch Herrn Landgerichtsrath Loewe dankbar für das rege Interesse, das er den Anträgen des Rabbinerverbandes entgegengebracht hat, und wissen es vollaus zu würdigen, daß er durch seinen Aufsatz zur Klärung der Sachlage beigetragen hat. Wir geben uns der zuversichtlichen Hoffnung hin, daß auch die derzeit abgelehnte Forderung des rabbinischen Vetorechtes in Kultusangelegenheiten, wenn auch in modifizirter Gestalt, auf einem späteren Gemeindetage zur Annahme gelangen wird. Aber des Mahnrufes an die Gemeinden, sich bei Zeiten mit dem ihnen gegen die Forderung der Rabbiner zustehenden Material vertraut zu machen, bannt sie dereinst nicht ungerüstet einem organisirten Angriff auf ihre Autonomie gegenüberstehen, hat es nicht bedurft. Nein! Die Gemeinden brauchen sich gegen uns nicht mit Rüstzeug zu versehen, denn wir werden gegen sie keinen Kampf führen, sondern vereint mit den Gemeinden und, so Gott unser Werk gelingen läßt, zum Segen für die Gemeinden und zum Heile des Judenthums »vollen wir wirken nach dem Vorbilde unserer großen Lehrer, die durch ihre un- Xgennützige und selbstlose Thätigkeit sich um Israel wohl verdient gemacht habe». Die jüngsten Urtheile über das Iudenthum. Von Dr. L. Lucas. ^ZZtrie Leser dieser Zeitung wissen, daß nicht nur von den eigentlichen Antisemiten, sondern auch von zum Theil recht bedeutenden Gelehrten vielfach unerfreuliche Urtheile über Juden und Judeuthum gefällt werden. Diese Gegnerschaft der geistigen Führer im Christenthum ist so alt wie das Christenthum selbst, nur der Inhalt der Polemik ist den verschiedenen Kulturverhältnissen entsprechend ein stets verschiedener. Wies man früher nach, daß die Ankunft Jesu im alten Testament vorher verkündet sei, daß die Juden als „Gottesmörder" gebrandmarkt werden müßten, so sind heute der philologische Hokuspokus und die anthropomorphen Ungeheuerlichkeiten vielfach verschwunden. Dafür erleben wir ein unglückseliges Aufleben einer wissenschaftlichen Polemik, die allerdings ihre letzte Begründung in populären Antipathien findet. Wenn wir eine jüdische Wissenschaft hätten, wie sie sein sollte, so müßte schon längst eine energische Abwehrthätigkeit sich entwickelt haben; leider aber hielten sich unsere Gelehrten fern von den für diese Zwecke wichtigsten Forschungsgebieten, von der alttestamentlichen und neutestamentlicheu Wissenschaft, von der systematischen Religionsphilosophie und anderen Disziplinen und räumten Jahre hindurch ohne Schwertstreich die wichtigsten Positionen. Jetzt hat sich Dr. Schreiner aus die bislang so vernachlässigten Gebiete begeben und mit seinem Buche „Die jüngsten Urtheile über das Judenthnm" (Berlin 1902. S. Cronbach.) nachzuholen versucht, was bis jetzt verabsäumt wurde. Das Interesse an der Neuerscheinung wird gesteigert, wenn mau weiß, daß Dr. Schreiner durch den große»» Umfang seines Wissens in erster Linie vor Anderen dazu berufen ist. Die Schrift ist in drei Abschnitte eingetheilt: 1. Das Jndenthum in der Religionswissenschaft. 2. Neuere Bekämpser des Judenthums. 3. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte. Als Anhang ist beigegeben: Die Idee des Martyriums im Judenthum. Diese Eintheilung und noch mehr der Inhalt läßt auf den ersten Blick ersehen, daß »vir es rnit irgend einen» systematischen Werke nicht zu thun haben. Dr. Schreiner sucht sich die wichtigsten und gefährlichsten Thesen der Gegner heraus und bekämpft sie dadurch, daß er auf Ungerechtigkeiten, gelegentliche Verstöße, auf ein Abirren von» rechten Wege, auf planloses Herumschiveifen, auch vielfach auf offenbaren Unsinn, welcher methodisch betrieben wie Wissenschaft aussehen kann, hinweist. Es ist aber unmöglich, ein Bild im Einzelnen davon zu geben; so reich die seindliche Litteratnr, so reich und mannigfaltig ist die Abwehr; ein bislang Schweigsamer hat zu reden angefangen und schüttet Plötzlich aus, »vas er Jahrzehnte lang »nit sich herumgetragen. Nur einzelne charakteristische Sätze sollen den Lesern nntgetheilt werden, da sie weitverbreitete Anschauungen uinstoßei» oder in überraschender Weise berichtigen. Seite 10 heißt es: „Seit Schopenhauer haben die Vertreter einer gewissen litterarischen Richtung nicht ausgehört, die Bedeutung des prophetischen Monotheismus herabzusetzen. Paul de Lagarde, dessen Ansichten und litterarische Art von Schopenhauer unzweifelhaft beeinflußt sind, wird nicht müde, die ethische Werthlosigkeit des jüdischen Monotheismus hervorzuheben. Der Monotheismus hat aber in Wahrheit »nit der Religion nicht mehr zu thun, als das Wissen um die Einwohnerzahl Deutschlands mit dem deutschen Patriotismus zu