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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-03-28 · Heft 13 (28.3.1902) · p. Seite 148

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 13 (28.3.1902)
Date
1902-03-28
Page
Seite 148 (sequence 6)
Language
German
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148 r s Die Bedeutung der neuen Buhnen geht aber noch viel weiter. Der Sultan besitzt große Strecken in Palästina als Privateigenthum, die von der Bahn berührt und aufgeschlossen werden. Seine Terrains in Bethsau, iiu Jordanthal, in dem transjordanischen Palästina müssen erheblich an Werth gewinnen, denn die Versorgung der Zehntausende von Pilgern, die hier alljährlich durchströmen werden, wenn die Bahn gebaut sein wird, muß den Producenten von Lebensmitteln dort reichen Gewinn abwerfen. Vor allen Dingen aber werden Tausende von diesen Pilgern in dem Lande, durch das sie kommen, sitzen bleiben als Kolonisten auf des Sultans Ländereien. Dadurch aber schafft der Sultan nicht nur sich größere Einnahmen, sondern er begründet auch ein zuverlässiges muhamedanisches Centrum in nächster Nähe der christlichen Provinz des Libanon, die unter vorwiegend französischem Einfluß steht, und der Drusen, bei denen englischer Einfluß zn herrschen Pflegt. Auch die Zionisten sollten über die neue Wendung der Dinge Nachdenken. Es ist wohl nnr ein Zufall, daß auch diese Maßregel ebenso wie die Verschärfungen der Einwauderungsverbote im Jahre 1898 gerade erfolgt ist, während Dr. Herzl in Koustantinopel weilte, aber das Eine ist sicher: Waren die Aussichten aus den Charter bisher schon schlecht, nach diesem neuen Schachzug des Sultans kann es keine Täuschung mehr darüber geben, daß von diesem Sultan ein Charter für die Juden nicht mehr erwartet werden kann. Die Zionisten, aber auch die Kolonisationsvereiue haben die neue Sachlage sicher in den Kreis ihrer Berechnungen für die Zukunft zu ziehen. 4 Die Fahrt des Prinzen Heinrich nach Amerika hat nicht den Beifall der deutschen Antisemiten. In einem „Der wahre Werth unserer Priuzeu-Amerika-Reise" überschriebenen Artikel macht das Hamburger „Deutsche Blatt" seinem Aerger folgendermaßen Luft: „In dem sinnlosen Geschreibsel der meist verjudeten Tagesblätter über diesen neuesten Akt des „Neuen Kurses" bekundet sich wieder einmal die ganze Oberflächlichkeit und das bodenlos schlechte Gedächtnis; unserer Zeit. Also mit diesem Gemisch aus allen möglichen Völkern, in dem sich englische Rücksichtslosigkeit die maßgebende Stellung errungen hat, mit diesein Staat, mit seiner jedes Idealismus baren Geschästspolitik sollen wir jetzt Freundschaft schließen, nachdem wir noch vor wenigen Jahren mit ganz Europa die schamlose Heuchelei und den brutalen Raub verurtheilt haben, den die Vereinigten Staaten an dem schwachen Spanien begingen? . . ." Es widerstrebt uus, diese Blütheulese aus deu Artikeln der Erbpächter des Patriotismus und der Loyalität fortzusetzen. Nur eiu Satz aus dem hiesigen Antisemitenblatt, das Herrn Geheimrath Goldberger deu „freiwilligen Reichskommissär für auswärtige Angelegenheiten" nennt, mag hier noch seine Stelle finden: „Deshalb Vorsicht vor einer Weltpolitik, die, bei Licht besehen, nur eine Ausplünderung unserer Geldtaschen darstellt. Oiseile inoniti!" Der Aerger der Antisemiten über die Prinzenreise und über die Harmonie zwischen Deutschland und Amerika erscheint übrigens begreiflich, wenn man die ausführlicheren Berichte von jenseits des Ozeans über den Verlauf dieser wahrhaften Triumphreise des deutschen Fürsten liest. Manches in diesen Berichten ist den Judenfressern arg in die Glieder gefahren. Vor allem die Rede des Marinesekretärs Long, der in seiner offiziellen Ansprache an den Prinzen Heinrich Deutschland als „das Vaterland Goethes, Heines und Mendelssohns" gefeiert hat und der außerdem noch, indem er ausführte, was die Vereinigten Staaten den Völkern der alten Welt verdanke hinzufügte: „Was schulden wir nicht alles der Küste des Mittelländische Meeres, die uns Jesus und die Juden gab. Der Eine, der Begründ der aufgeklärtesten und edelsten Religion aller Zeiten, und die Anderen das Herz der Menschheit, der Vorläufer der kulturellen Wunder d. modernen Zeit, die, als alle anderen Nationen noch beständig Kri? mit einander führten, daran gingen, den civilisirenden Handel unle, den Völkern aufzubauen." Aus der Berliner Gemeinde. I'! Berlin, 23. März 8. Die heutige recht lebhafte R epr äsen t a n t en s i tz n n welcher zwölf Konservative und drei Liberale beiwohnten, int r essirte besonders durch die auf ihrer Tagesordnung stehende ve suchsweise Einführung des Jugendgottesdienstes ncnli altem Ritus in der Synagoge Ka is erstr aße. Unser Lesern dürfte noch in Erinnerung sein, daß die gleiche Vorlage bereim vorigen Jahre die Gemeindevertreter hüben und drüben in lebho Erregung gebracht hatte, und daß sie damals mit einer gering i Majorität zu Falle gebracht worden war. Es war klar, daß erwähnte Forderung sehr bald wieder austauchen mußte, zudem eine so bemerkbare Verschiebung der Majorität der Versammlung inch rechts eingetreten war. Ebenso klar mußte nach der jetzigen Zu sammensetzung der Versammlung das Ergebniß der heutigen Deba sein, doch bot die letztere immerhin noch genug des Interessanten, i >i, sie hier ausführlicher wiederzugebeu. Einer Vertagung dieses Gegn standes, für welche Professor Geiger und Geheimrath Senat) mit Rücksicht auf die geringe Frequenz der Versammlung plädirt i widerstrebte Geheimrath Bluiuenthal, der für eine definitive < u ledigung eintrat, nachdem diese Frage während der Mahlzeit du ch alle Versammlungen „durchgezogen" worden sei, und sich in m Zwischenzeit nichts ergeben hätte, was gegen die Vorlage vorgebrcI werden könnte. Für die heutige Debatte erbat Geheimrath Blumen 1H al eine ruhige Erörterung, nachdem es in der vorberathenden Kom Mission zu erregten und persönlichen Diskussionen über diese Frgekommen sei. Die Versammlung sprach sich mit elf gegen d Stimmen gegen eine Vertagung aus. In Abwesenheit des v ii Ausschuß bestellten Referenten Professor B ag in s ky vertrat Geheim rath Blumenthal die Vorlage. Er wies kurz auf die Differen hin, welche zwischen dem jetzigen und dem geforderten Jugendgov s dienst bestehen; es handele sich nicht um die Wiedereinführung bluti Opfer, sondern nnr darum, einen Gottesdienst für die Jugend in gleichen Form einzusühren, wie er in der Kaiserstraße für die wachsenen abgehalten werde. Die Minorität, die sich gegen Vorlage sperre, sei der Ansicht, daß der verlangte Got dienst einen Schritt rückwärts bedeute, und daß zu einer 9 m ordnung des Gottesdienstes, der bereits seit 15 Jahren bestäi de keine Veranlassung vorläge. Die Majorität dagegen sei der Ansi daß es sich um einen gewissen Zwang, um eine Jntoler handele, wenn man der Mehrheit der Gemeinde verwehren wo te einen Jugendgottesdienft ihren Anschauungen entsprechend einznrich Mit vollem Recht sei deshalb der erneute Antrag gestellt worden, mit Recht hätte der Gemeindevorstand dem Verlangen der Konservat » stattgegeben. Aus dem Berichte der Religionsschule der Adaß Jisr» Gemeinde, in welcher trotz des nur geringen Mitgliederbestandes o ca. 300 Mitgliedern 488 Kinder unterrichtet werden, glaubte i» Referent entnehmen zu müssen, daß sich unter der geuannleu . ah sehr viele Kinder befinden müßten, deren Eltern nicht der Sepa at gemeinde angehören. Wenn man diesen Kindern nicht Gelegen» geben würde, einem Gottesdienste beizuwohnen, welcher den schaumigen ihrer Eltern entspreche, so sei dies ein Akt der Jntoler" den man allerdings nicht von Leuten erwarten sollte, die sich lib " nennen. Aus diesen Gründen empfehle er die Vorlage zur Annah u Die Einführung sei zunächst nur für die Kaiserstraße beschlo e worden, um die Angelegenheit nicht auf die lauge Bank zu schie b In scharfen Ausführungen vertrat Professor Geiger den gegnerishe> Standpunkt. Er wies zunächst darauf hin, daß der Vorredner dem Plane, in eine ruhige Erörterung der Frage einzuwi" -ni d. hl h.i iuo lvc

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