Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- Seite 144 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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144 — „Was macht ihr, wenn ihr die Thür öffnet?" — „Wir küssen den heiligen Namen, der da an den Pfosten angebracht ist," — „Und was saget ihr?" — „Guten Abend." — „Am Tage was saget ihr?" — „Guten Tag!" — „Und wenn ihr einen Onkel antreffet, was machet ihr dann?" — „Wir geben ihm die Hand zum Friedensgruß." — „Welche Hand gebet ihr ihm?" - „Die Rechte!" - „Welche ist die Rechte?" — Die Kinder erheben ihre Rechte und schreien: „Diese, diese!" — „Was thut nun der Onkel?" — „Er giebt einen Groschen?" — „Was machet ihr mit dem Groschen?" — „Wir kaufen uns Weißbrot." — „Könnt ihr es gleich essen?" — „Nein! wir müssen uns vorher die Hände waschen und den Segen sprechen." — „Und wenn ihr es schon verzehrt habt, was dann?" — „Dann sprechen wir wieder den Segen." — „Und ist es unterdessen schon spät geworden?" - „Dann müssen wir schlafen gehen!" — „Und sonst nichts mehr?" — „Wir thun vorher wieder den Namen küssen und sagen: „Höre, Israel, Gott, unser Gott ist einer!" Literarische Mittheilungen. ' M ichael Sa chs: Die religiöse Poesie der Juden in Spanien. Zum zweiten Male herausgegebenvonDr. S. Bernfeld. Berlin. 1902. M.Poppelauers Verlag. Das vorliegende Werk gehört zu den klassischen unsererLitteratur, und dasselbe ausführlich zu besprechen, erscheint wohl überflüssig. In der Uebersetzung religiöser Dichtungen aus der spanischen Blütheperiode ist Sachs noch immer der unerreichte Meister, und auch seine Darstellung der geschichtlichen Entwickelung der religiösen Poesie im Mittelalter ist bisher nicht übertroffen worden. Sachs nannte seine Arbeiten, als sie 1845 zum ersten Male erschienen, einen Versuch, er j ahnte nicht, daß er ein staullarä >vork geschaffen. Geradezu rührend klingt es, wenn er in der Vorrede sagt: „Es müßten die jüdischen Studien weiter sein, als sie sind, wenn ich hier das mir mangelhaft an der Arbeit Scheinende näher bezeichnen sollte." Nun. die jüdischen Studien sind seit dieser Zeit erheblich fortgeschritten, aber die Arbeit ist doch immer noch eine vorzügliche und unentbehrliche. Die Gunst der „Kenner und Würdigen" hat das Buch in reichem Matze em» pfangen, nun wäre es an der Zeit, datz es auch in das Volk dringt, denn es ist trotz aller Gelehrsamkeit, die Sachs darauf verwendet hat. doch ein wahres Volksbuch. Durch dieses Werk ist Heinrich Heine zu feinen bekannten „Hebräischen Melodien" angeregt worden. Der Dichter hat es fleißig gelesen und benutzt; aus diesem Werke lernte er Jehuda Halevi kennen und führte ihn in die Meltlitteratur ein. Man darf dem Verleger und dem Herausgeber sehr dankbar dafür sein, daß sie das vergriffene Werk, nnd zwar in so stattlicher und würdiger Ausstattung, weiten Kreisen zugängig gemacht haben. Dr. Bernfeld hat klug daran gethan, an dem Buche selbst nichts zu ändern. Er hat demselben nur eine gute Biographie von Sachs vorausgeschickt und am Schluß ergänzende und berichtigende Anmerkungen hinzugefügt, die sich aber streng aus das rein Tatsächliche beschränken; denn ein Buch, das 1902 erscheint, kann nicht aus dem Standpunkt von 1845 belassen werden. Es ist dringend zu wünschen, daß das Werk von Sachs in dieser neuen und schönen Ausgabe viele Freunde und Leser fände. Es sollte wirklich in keinem jüdischen Hause fehlen, um dort die Liebe für unsere erhabene Vergangenheit und die Kenntnitz unserer großen Dichter zu wecken und zu verbreiten. Dr. Fr. Frank: Nachträge zu „Der Ritualmord vor den Gerichtshöfen der Wahrheit und Gerechtigkeit. Regensburg 1902. Verlagsanstalt vorm. G. I. Manz. In deutschen und außerhalb Deutschlands erscheinenden, besonders englischen Zeitungen ist das vortreffliche Buch „Der Ritualmord vor den Gerichtshöfen der Wahrheit und Gerechtigkeit" voll Dr. Frank sehr günstig beurtheilt worden. Auch in vertraulicher Weise haben hohe Würdenträger des Staates und der Kirche, hochgestellte Beamte nnd Männer der Wissenschaft ihre Zustimmung dem Verfasser mündlich oder schriftlich ausgesprochen. Dabei kann es nicht auffallen, daß auch andere Mäner geistlichen und weltlichen Standes, nachdem sie das Buch gelesen hatten, von der Wahrheit, daß es einen jüdischen Ritualmord nicht giebt, noch nicht vollständig überzeugt waren. Diese haben ihren Vertreter in dem Verfasser einer Rezension gefunden, welche in den „Historisch-politischen Blättern" zu München — 1901, Band 127, Hest 11 — erschienen ist. Derselbe trägt in ihr die letzten Bedenken vor, die ihn noch hindern, den Glauben all den jüdischen Ritualmord vollständig auszugeben. Um diese Bedenken zu beseitigen, hat Dr. Frank „Nachträge zum Nitualmord vor den Gerichtshöfen der Wahrheit und Gerechtigkeit" geschrieben, voll welchen die zwei ersten — „I. Die letzten Schlupfwinkel des Ritnalmordaberglaubens". und „II. Der Ritnalrnordaberglaube in den letzten Zügen" — sich mit der genannten Rezension beschäftigen. Noch weniger konnte mall es auffallend finden, daß der Antisemitismus, insbesondere die Führer desselben, auch nach dem Erscheinen des Buches von Dr. Frank an dem Aberglauben des jüdischen Ritualmordes festhalteu und ihre Anhänger in demselben noch zu bestärken suchen. Das hat insbesondere die „Staatsbürger-Zeitung" in Berlin zu thun versucht, indem sie in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahres eine „Umfrage über den Blutmord" angestellt, und die Gutachten von vieruuddreißig „hervorragenden Männern der Wissenschaft und des praktischen Lebens" veröffentlicht hat. In seinen lesenswerthen „Nachträgen" bezeichnet der würdige katholische Pfarrer Dr. Frank diese Umfrage als das „III. Leichenbegängniß des Ritualmordaberglaubens" und die veröffentlichten Gutachten als die Leichenreden, die dabei gehalten wurden. Er schreibt u. a.: „Ich hoffe es noch zu erleben, daß das christliche Volk sich ebenso des unchristlichen Antisemitismus wie des schmachvollen Ritualmord-Aberglaubens schämt, und daß beide, der Antisemitismus und der Ritualmord-Aberglaube. dort bei einander liegen, wohin sie schon längst gehörten — im Grabe der Vergessenheit." — Adolf Kohut: Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit. (Leipzig 1902, 2. Bde. A. H. Pahne.) Das Werk von Kohut, welches wir bereits wiederholt allgezeigt haben, ist nunmehr zum Abschluß gediehen. Der Sammlersteiß und die lichtvolle Darstellung des Autors verdienen die wärmste Anerkennung. Die Ausstattung gereicht dem Verleger zur Ehre, und es ist gar keine Frage, daß alle Diejenigen, welche den Antheil der Juden an der modernen Kulturentwickelung verfolgen wollen, hier die beste Quelle reicher Belehrung nnd Allregung finden. Fast alle Gebiete des menschlichen Wissens, fast alle Disziplinen sind aufgeführt, in denen sich Juden bethärigt haben im bürgerlichen Leben, z. B. Tonkünstler- Maler. Bildhauer und Architekten, Männer der Feder, Philosophen, Naturforscher. Mathematiker. Aerzte, Juristen, Welt- und Forschungsreisende, Minister. Abgeordnete und Beamte, Offiziere, Philantrvpen, Theologen und Kauzelredner, Fabrikanten, Industrielle, Ballkiers und Finanziers sowie die Mädchen und Frauen, die sich als Sängerinnen. Schauspielerinnen, Malerinnen. Schriftstellerinnen, Philantropinnen und als Salondamen ausgezeichnet haben, ziehen all uns vorüber. Eine Fülle von Porträts und Faksimiles umraukt das Ganze und «lacht es anschaulich. Man wird bei der Lektüre belehrt und dabei immer angeregt, nie gelangweilt. Am Schluffe hat der Autor eine Reihe von Ergänzungen gegeben, und in eitler zweiten und verbesserten Allflage, die hoffentlich bald kommen wird, werden manche Lücken sicher ausgesüllt und mancher Jrrthum verbessert werden. Ein Pantheon israelitischer Kulturträger in der Geschichte der Menschheit — das war das Ideal, welches sich K. gestellt hat. Mit der erdenklichstell Mühe, mit reichem Geist und mit großem Wissen hat er an dieser Aufgabe gearbeitet, und es ist zu hoffen, daß es ihm durch beständige Ergänzungen möglich sein wird, dieses Ideal sicher zu erreichen. Sprechfaul. Verehrter Herr Redakteur! er weiteren Verbreitung eines Jrrthums eutgegenzuwirken. gestatte ich mir, zu dem Aufsätze „Die Juden in der Medizin" zu bemerken. daß G. Levison nicht Universitätsprofessor in Upsala war. Eine Biographie des nicht nur in Berlin und Stockholm, sondern auch in London und Hamburg thätigen Mannes wäre von Interesse. Kopenhagen. 10. März. D. Simonsen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.