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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-03-21 · Heft 12 (21.3.1902) · p. Seite 143

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 12 (21.3.1902)
Date
1902-03-21
Page
Seite 143 (sequence 13)
Language
German
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frommen Adel. Damit wollte ich die Thatsache streifen, das; es auch in diesem kleinen Bereich sogenannte hohe Geschlechter giebt, die eine Familientradition von vielen Generationen Pflegen. Hierbei soll noch ein anderer Thpus ans Licht kommen, den ich als den Tyrannenthpus bezeichnen möchte. Fast immer kommt es in solchen Städtchen vor, daß irgend Einer zur höchsten Macht steigt, ein Jahrzehnt, auch darüber hinaus alles sich nnterthänig macht und über alle Gemeindeangelegenheiten schaltet und waltet ohne Einspruch von irgend welcher Seite; wenigstens wagen es die Leute nicht öffentlich kund zu thun, so lange das Joch nicht abzuschütteln ist. Diese Wenigen sind durch ihren starken Willen, durch ihr großes Bedürfniß zu herrschen, beinahe wollte ich sagen: durch ihre Herrennatur, in diesem Gemeinwesen wie Reste einer ganz anderen Rasse, und können ebenso wie Oel und Wasser sich mit den anderen mischen. Kommt aber die Zeit über sie, kennt das Volk kein Erbarmen, und ein Jeder thut sich zu Gute, dem gefallenen Riesen unter den Ohren zu reden. Die andere Seite der Medaille bilden die paar Diebslente, Pferdediebe u. s. w. Ich will es nicht beschönigen, aber wie weit meine Beobachtung ging, ist es bei ihnen mehr Folge einer überwuchernden Kraft als wirkliche Verworfenheit. Die Art, wie sie mit ihren alteil Vätern Verfahren und für sie sorgen, ist rührend, und wenn so ein Bettelmann, meist aus der Fremde, an ihre Thür klopft, soll er's wissen, daß ein Jude barmherzig ist. Abseits vom ganzen Treiben und Walten des Städtchens leben die vereinzelten sogenannten Aufgeklärten. Nach außen sind sind sie wie Alle und haben die ausgetretenen Sorgen für Weib und Kind; innerlich tragen stein sich die Dämmerung einer ganz anderen Welt: es ist die Welt der Erhebung der Bibel über den Talmud, die Erhebung des Gefühls einer Form über das Formlose, des freien Geistes über den Aberglauben... 'Es ist ganz merkwürdig zu sehen, durch welche unterirdische Gänge der Geist Mendelssohns in solche Ferne gedrungen ist, und es ist kaum zu schildern, mit welcher Verklürtheit so einer den Namen Lessing ausspricht. Es giebt eine Natur — drang es zu ihnen in ihr Kämmerlein — und die Sterne wie die Himmelskörper bewegen sich nach Gesetzen. ... Hier berühren sie sich schon mit denjenigen Gelehrten, die durch die Kabbala auf die Kunde der Astrologie kamen. Es würde unter ihnen auch Jemanden geben, der träume, aus glühenden Kohlen Gold zu machen. Ich habe auch einen erblindeten Tischler angetroffen, der jahrelang bemüht war, ein Rad zu konstruiren, das sich von selbst bewegen sollte. — Eigenartig, das Volk hegt gegen Blinde und Erblindete ein fast mystisches Gefühl. Die Thatsache, daß Menschen, welche wie Alle herumgehen, in ewiger Nacht wandern nnd nie das Licht erblicken, erweckt in ihnen eine Art metaphysisches Grauen, das sich für den Unglücklichen in namenlosen Respekt und Verehrung umsetzt. Außer einem kleinen Buckel ist es schwer, einen Krüppel dort zu finden; von Glatzen und Hautkrankheiten gar keine Rede. Wenn man hört, daß Jemand erkrankt ist. so ist es wahrscheinlich eine Wöchnerin, sonst halten sich Alle bis zur letzten Stunde gesund. So ein beständiges Husten ist noch immer kein Herzleiden, und das „kalte Fieber" gilt mehr als Verschollenheit und wird nicht zu den Krankheiteil gerechnet. So einen Leidenden trifft inan meist vor der Schwelle seines Hauses sitzen und zur Sonne emporschauen; von ihr erwartet man im Volke Heil und Erlösung von solchem Uebel. Daß der Wahnsinn eine unreine Sache ist und die Besessenheit von einem bösen Geiste bedeutet, ist selbstverständlich. Hier kann nur ein Wunderthüter oder ein Zauberer helfe». Davon versteht schon manches auch ein altes Mütterchen, wenigstens kann sie durch Eierkugeln oder Messerkreuzen ein erschrockenes Kind vom Böseil befreien. Die Amnlete, der Segenring, der Elfenbeinzahn leisten schon auch ihren Dienst dabei. Wenn man eine Fledermaus tödtet und sie unter der Thür begräbt, zieht Glück in das Haus. Es giebt auch Menschen, die eine besondere Gnade haben, daß, wenn sie die erste Hirse den Gänsen reichen, diese ungewöhnlich seit werden. Ob auch die Leute zu gewisser Zeit Gänse füttern, Ziegen und Manche auch Kühe halten, und ob man auch auf jedem Markttage von Tausenden von Ochsen lind Pserden nmgeben ist, giebt's kaum eine innere Berührung mit dem Thierreiche. Die Schweine machen sich an jedem Snmpf oder Misthaufen breit, und die zahllosen ausgehungerten, heiinlosen Hnilde sind die einzigen öffentlichen Bettler der Stadt. Ich war ganz paff; Niemand empfand es als Rohheit, wenn der Hundefänger alljährlich oder zweimal im Jahre im Aufträge der Polizei die Hunde aufspießt und sie vor Augen Aller todtschlägt. Der Scharfrichter bildet einen Theil der Volksgeschichten; dieser wie der Hundefänger sind Leute, welche selbst zum Tode verurtheilt sind und sich durch dieses Handwerk loskaufeil können. Ich will damit eine Erscheinung berühren, ich meine die unersättliche Gier des Volkes nach aller Art wunderlichen Geschichten. Da man keine Zeitung nnd keinen geschriebene» Roman kennt, ersetzt es die mündliche Erzählung, die bei Manchem zu wahrer Virtuosität ansgebildet ist. Noch bis vor Kurzem gab es Leute, die es zu einer Art Beruf inachten; sie fuhren ihr Leben lang von Stadt zu Stadt herum und hatten beim stummen Bettel der klingenden Münze eine Unzahl von frommeil Geschichten zu erzählen. So ein Städtchen besitzt alles, was es seelisch braucht; es hat seine» eigenen Witz, seine Spaßvögel und sogar einen Reimschmied, der auf Hochzeiten sich selbst und die Anderen in Versen zum besten giebt. Die Znnamen, die man den meisten Einwohnern schenkt, sind ungemein treffend und kennzeichnen durch ein bloßes Adjektiv den ganzen Charakter und das Schicksal eines Menschen. Es ist beinahe eine Sünde, nicht klug zu sem, und ein scharfes Epigramm zu münzen ist nöthig. wie das tägliche Brod. Merkwürdig, die Blitzableiter der derbsten Späße sind die kleineil Lehrer, gerade Diejenigen, welche das Allerheiligste bewahren und die Kinder zum Lesen in der Thora erziehen. Von diesen Sachen wissen sie schon etwas, aber in weltlichen Dingen gelten sie als wahre Taugenichtse. Wenn man zu gar nichts in der Welt mehr zu gebrauchen ist kann man sich noch immer vermiethen, einige Dutzend Kinder Lesen und ein wenig Uebersetzen zu lehren. So einen Lehrstall, in dem 70 bis 80 Kinder (beiderlei Geschlechts) sich während der Pausen Herumbalgen nnd nur bei Ohren gezogen am zerfetzten Bucheangehalten werde», kann man freilich kaum loben. Zur Ehrenrettung der Lehrer aber will ich gerade ihren weltlichen Unterricht den Lesern schildern, der an jedem Abend, wenn die Pforten der Thora geschlossen, und die Kinder nun nach Hause geschickt werden, ihnen insgesainmt vom Gehilsen ertheilt wird: „Wohin thut ihr jetzt hingehen?" „Nach Hause gehen wir!"

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