Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- Seite 142 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228486--58488-3294939- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
142 Psalm 21. 1—9. Dankgebet für des Königs Heil und Wohlergehen. „ 23. Der Herr ist mein Hirt. „ 29. Gottes Herrlichkeit im Gewitter. „ 37, 1—11. Befiehl dem Herrn deine Wege. „ 84. Sehnsucht nach dem Gotteshaus. , 90. Der hinfällige Mensch vor dem ewigen Gott. „ 91. Im Schutze des Höchsten. „ 92. Loblied ans das gerechte Walten Gottes. „ 95. Lasset uns den Herrn preisen und ihm gehorchen. „ 113. Gott der Erhabene läßt sich herab zu den Niedrigen. „ 114. Die Offenbarung Gottes an sein Priestervolk. „ 115. Gott wird den heidnischen Götzen gegenüber durch Israel verherrlicht. „ 116. Gott hat geholfen, darum will ihm danken. „ 117. Aufforderung zum Lobe Gottes. „ 118. Danklied der feiernden Gemeinde Israels. „ 121. Meine Hilfe kommt von Gott. „ 126. Die in Thränen säen, werden in Jubel ernten. „ 130. Aus tiefer Noth. „ 137, 1—6. An Babels Strömen. „ 139, 1—12. Wo soll ich hin vor Deinem Geiste? „ 145. Preis der Größe und Güte Gottes. „ 150. Alles, was Odem hat, lobe den Herrn. tl. Sprüche Salomos. Preis des biederen Weibes (31, 10—31). O. Klagelieder. Jerusalem liegt in Trümmern wegen der Sünde seiner Bewohner. (Kapitel 1.) Anhang: Ans den Sprüchen der Väter. Zu Hanse. Schilderungen von M. I. Berdyrzewski. H' wenigen Gelehrten, richtiger diejenigen, die mit der schriftlichen und mündlichen Lehre oder sonst mit heiligen Büchern zu thun Huben, Huben allerwege ein sichtbares Zeugniß vom Ewigen. — Und wenn sie auch nicht viel davon verstehen, so dringt doch ein Gefühl zu ihnen, daß es einst Leute gegeben hatte, die über alle Maßen heilig und gottesfürchtig gewesen waren, vermöge dessen sie in die tiefsten Tiefen der Thora und der Welt eingedrnngen waren. Das Volk selbst kann aber nicht ans Kosten dieser allein leben; die meisten Sabbathe sind ihnen oft langweilig, die Feiertage bis auf die Sedernacht haben für sie nichts Erhebendes, und wenn die Jahrzeit eines Frommen kommt, fühlen sie sich so gut wie ausgeschlossen. Tie gesammelte Kraft verlangt ihren Tribut, und sie bricht aus am Frendentag, am Tage der Thorasreude, von der sie wieder nicht wissen. Da kommt es von Jahr zu Jahr ohue jede äußere Ursache zu fürchterlichen Schlägereien, wo man sich über die Ohren prügelt und Gelegenheit hat, seine Macht sühlen zu lassen. Zu einer anderen Zeit wird jedes Handgemenge tief verabscheut, und es heißt die größte Rohheit, einem Inden eine Ohrfeige zu versetzen; dann aber werden die kräftigsten Hauer gepriesen, und es giebt Schustergesellen, die von diesem Ruhm, erste Schläger gewesen zu sein, das ganze Jahr zehren. Wenn auch alle Juden der ganzen Welt gleiche Brüder sind, isl doch dieses Städtchen und seine Bewohner die Hauptsache. Die Turnowaer sind böse Gesellen, die Schischkower haben alle lange Nasen. Die polnischen Juden sind überhaupt große Narren, und sollte inan einem Litthauer den Kopf zerschlagen, so findet man im Gehirn ein Kreuz. Das Städtchen hat seine eigene Verwaltung in Paßangelegenheiten, besitzt eine Art Fleischsteuer für eigene Zwecke, die meist dem Stadtftskns zufällt. Sonst kommt man mit der Negierung nur dann in Berührung, wenn der Briefträger einen Brief bringt, oder wenn der Ortsaufseher einmal in der Woche die Mägde Israels auf unlegitime Weise zu seinem Frohndienst zwingt. Der Friedensrichter ist der Rabbiner selbst, dessen Einkommen darin besteht, daß er das Monopol hat, Sabbathlichte und Hefen den Leuten auf Kredit zu verkaufen. Zur einheimischen Wohlthätigkeit giebt es an jedem Freitag ein Paar Groschen, und am Sabbath wird ein jeder fremder Bettler auch vom einsachsten Mann zu Tisch geladen. Die Erstgeborenen, Thier wie Mensch, werden noch immer von Priestern erlöst. Nach den Kohanim folgen die Leviten, die wieder einen Vorrang vor den übrigen Israeliten haben. Stirbt Einer, so wird er über eine Stunde zu Grabe getragen. Wenn es eine Frau ist, kommen die Weiber ans allen Ecken und Enden, um sie der alten Sitte gemäß zu beweinen. Das Wasser wird in der ganzeil Nachbarschast ausgegossen, weil der Todtenbote darin sein Messer vom Blut reinige. Sieben Tage nachher wird Trauer gehalten, man sitzt schuhelos auf dem Boden in stumpfer Wehmnth. Spiegel und Glasschranke sind verhüllt, und in einer Ecke brennt ein kleines Oellämpchen mit einem Laken nebenan, damit die Seele daran die Hände trocknen soll. Im Großen und Ganzen fehlt ihnen der Sinn für das Tragische, und kein schweres Ereigniß ist im Stande, Jemanden zu rühren, mit Ausnahme, wenn ein Wohlhabender verarmt. So ein Fall trifft, erschrickt und erweckt das ganze Lebensgrauen. Ich war zur Vesper zu einem alten Freunde geladen, der dem gelehrten Studium fröhnte und sich mühsam vom Mehlhandel ernährte und nun vor dem gänzlichen Zusammenbruch stand. Während des Mahls war er in sehr gedrückter Stimmung und schweigsam; als er nach dem Essen den üblichen Segen vor sich hersagte und zu der Stelle kam: „Und behüte mich, v Gott, daß ich zur Hilfe Anderer greifen soll," brach er in ein heftiges Schluchzen ans. Ich habe noch nie einen Menschen so weinen gesehen. Ich komme zum Schluß. Es giebt für einen jüdischen Bewohner daselbst nichts Schlimmeres als menschliche Hilfe, und keine tiefere Beschämung als der Bettel. Um diesem zu entgehen, unterwerfen sich die Leute den größten Entbehrungen und zeigen eine Charakterstärke, die bei ihnen sonst gar nicht anzutreffen ist. Die besten Väter sind in solchen Fällen grausam und können aus der Haut fahren, wenn in der äußersten Noth die Frau mit Thränen in den Augen nur derartiges erwähnt. Ich kenne auch einen Fall, wo eine Mutter heimlich der hungernden Kinder wegen von einer Nachbarin sich helfen ließ, selbst aber vom Almosen nicht essen wollte. Gegen verschämte Arme, gegen Leute, die einst zu den wohlhabenden gehörten und nachher „gefallen" sind, herrscht im Volke eine wahre Ritterlichkeit. Die Letzteren haben immer ihren Vorrang, und eine Verschwägerung mit ihnen wird nicht weniger gesucht als mit den Familien aus dem