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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-03-14 · Heft 11 (14.3.1902) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 11 (14.3.1902)
Date
1902-03-14
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 übrigens schon sortgelassen sein soll, und mit Rücksicht aus viele weichmüthige Eltern, welche den Verlust eines „nglücklichen Kindes zu beklagen haben, eingetreten sind. Die Vorlage ist in, Ausschuß noch nicht zur Berathnng gelangt, der Referent Professor Geiger ist persönlich nicht dafür, das Begehren zu bewilligen, selbst wenn es vom Rabbinat gebilligt worden sei. Vorsteher Eisner weist darauf hin, daß diese Vorlage in der Friedhofskommission, der auch zwei Repräsentanten angehören, zu eingehenden Erörterungen geführt habe, nnd daß man dort der Ansicht gewesen sei, daß das Gebet in den erwähnten Fällen durchaus nicht am Platze sei. Obwohl Herr Eisner bittet, das Gebet zur besseren Orieutiruug der Repräsentanten vollständig zu verlesen, um sofort zur Beschlußfassung zu gelangen, stimmt die Mehrheit dafür, die Vorlage in den Ausschuß zurückzuverweisen. Damit schließt die öffentliche Sitzung, der eine geheime folgt, in welcher Bewilligung von Unterstützungen nnd die Anstellung eines Assistenzarztes znr Berathnng vorliegen. L2 Berlin, 9. März. Im Verein sü r j ü d is ch e G esch i ch t e und Litteratur hielt am 6. d. M. Herr Dr. M. Lev in den letzten der öffentlichen Vorträge über „Kanzel und Katheder im Lichte des Iudenthums". Der außerordentlich interessante und lehrreiche Vortrag fesselte das zahlreich versammelte Auditorium in hohem Maße. Die Beredsamkeit, so führte der Redner in geistreicher Weise ans. ist ihrem Wesen nach Kunst, ihr erhabenstes Vorbild bleibt die heilige Schrift. Die Rhetorik, d. h. die Wissenschaft von ihren Gesetzen und Regeln, haben nur uns erst im letzten Jahrhundert angeeignet, vorher, im Alterthnm und im Mittelalter, vollzieht sich die Geschichte der Kanzel nnd des Katheders ohne diese wissenschaftliche Rhetorik, l-diglich von einzelnen Grundregeln geleitet. Der Zweck der Kanzel ist die geistige und sittliche Erhebung, der Zweck des Katheders ist je nach dem Orte Forschung oder Belehrung; durch den Inhalt aber erhalten beide das eigenthümliche Gepräge. Adonaj. Israel, Thora ist unserer Rede Inhalt, der gemäß der Dreilheilung der heiligen Schrift durch den Volksgedanken, den Völkergedanken nnd den Jchgedanken lebendige Gestaltung empfängt; die Wirksamkeit wird bestimmt durch die beiden ureigenen Ideen des Iudenthums: die Erlösung und die Versöhnung. Von besonderer Bedeutung war der Theil des Vortrages, in dem der als Kanzelredner allgemein anerkannte Vortragende über die Aufgaben der jüdischen Homiletik sprach. Gerade diese Ausführungen erregten allenthalben den Wunsch nach baldiger Veröffentlichung des höchst interessanten Vortrages. — Ans den auswärtigen Litteratnrvereinen: In Memel sprach Herr Rechtsanwalt Jacobsohn über „Das Buch Hiob und Goethes Faust"; in Tilsit Dr. Ehrlich über „Christliche Gelehrte nnd das jüdische Schriftthum"; in Danzig Professor Dr. Horowitz-Thorn über die „Sittenlehre des Iudenthums und ihre neueste Darstellung"; in Schneidemühl Dr. Wo rni s - Neustettin über „Iehnda Halevi"; irr Hirschberg Dr. Biram über „Das jüdische Weib"; iu Glogan Dr. C o b len tz-Bielefeld über „Spinozas Stellung zum Iudenthum und zur Religion"; in Brandenburg a. H. Dr. Landau- Berlin über „Der Jude auf dem Theater"; in Kottbus Herr W. Neyersbach über „Uriel Acosta"; iu Auuaberg :. S. Rektor Saphra über „Bilder aus der Geschichte des jüdischen Volkes"; in Hameln Lehrer Zu ckerma nn-Hannover über „Die Entstehungsgeschichte des Christenthums". Dr. Lewinsky-Hildesheini über „Eine Neligionsdisputatwn in den welfischen Landen vor 700 Jahren"; in Lage Dr. H o ch se l d-Frankfurt a. M. über „Die Entstehung und Ausbildung der Mesjiasidee", Lehrer Plaut-Detmold über „Samuel David Luzzatto"; in Unna Lehrer Mendel über „Moses Mendelssohn"; in Ha m b u rg Herr S. Berlin über „Urtheile griechischer und römischer Schriftsteller über Juden und Iudenthum"; in Aachen Prediger Dr. Lei md örfe c-Hamburg über „Ludwig August Frankl"; in Nürnberg Archivrath Mnmmenhoff über „Geschichte der Inden in Nürnberg"; in Wnrzburg Kreisthierarzt Zippelin über „Bilder ans dem semitischen Wirthschastsleben des Alterthnms. — Ein neuer Litteraturverein wurde in Witzen Hausen begründet. Der Vorstand besteht aus den Herren: S. Nußbaum, Vorsitzender; S. Kugelmann, stellvertretender Vorsitzender; S. Winterberg. Schriftführer: L. Trepp. Kajsirer; S. Levi und Herrn. Kahenstein, Beisitzer. 2^2 Berlin, 10. März. Der Vorstand des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus war am 26. v. M. zu einer geschäftlichen Sitzung in den Büreauräumen des Vereins zusammengetreten, die sich einer regen Beteiligung auch von auswärtigen Mitgliedern des Vorstandes erfreute. Ebenso hatten die parlamentarischen Mitglieder des Vorstandes ihr Interesse an der, Verhandlungen durch persönliches Erscheinen bekundet. Der Vorsitzende, Herr Abgeordneter Rickert, gab zunächst eine Uebersicht über die Kassenverhältnisse und ging dann in seinem Jahresbericht auf die Thatigkeit des Vereins in, letzter, Jahre näher ein. Er konnte aus der steigenden Anzahl von Anfragen und Ersuchen um Rathertheilung aus dem Kreise der Mitglieder des Vereins seststellen, daß sich die in dem Bürean des Vereins geschaffene Centralstelle für Informationen und sachgemäße Bekämpfung der antisemitischen Propaganda ans das Beste bewährt habe. Schon früher und bis irr die letzten Wochen habe das Bürean zur wirksamen Abwehr antisemitischer Vorstöße in den Parlamenten den Gegnern des Antisemitismus ein reichhaltiges Material zur Verfügung gestellt. Der in, vorigen Jahre einer vollständigen Umarbeitung unterzogene Antisemitenspiegel habe, wie mehrfache Anerkennungsschreiben ans den Kreisen christlicher Gelehrter und n. a. auch eines konservativen Abgeordneten gezeigt hätten, eine srenndliche Aufnahme gesunden und sei und bleibe eines der werthvollsten wissenschaftlichen Rüstzeuge in, Kampfe gegen die antisemitische Agitation, dessen weitere Verbreitung sich alle Gegner des Antisemitismus nach Kräften angelegen lassen sein sollten. Es wurden alsdann Vorschläge über die Neubearbeitung kleiner Agitationsbroschüren und Flugblätter gemacht, an die sich eine rege Diskussion schloß, welche eine allseitige Uebereinstimmung mit den gemachten Vorschlägen ergab. Aus den Einzelheiten des Geschäftsberichtes sei noch hervorgehoben, daß der Verein bei der, letzten Nachwahlen znm Reichstage den Kan,Pf gegen die antisemitische Agitation wo dies nöthig war, unterstützt hat. Die weiteren Verhandlungen erstreckten sich auf organisatorische Fragen; hierbei herrschte Uebereinstimmung. daß im Interesse der finanziellen Stärkung des Vereins ein weiterer Ausbau der einzelnen Organisationen dringend wünschenswerth erscheine. Zum Schluß wurde ausführlich eine beim Vorstande eingegangene Beschwerde besprochen über die bekannte Aeußernng des Kriegs,,,inisters von Goßler. Man war allgemein der Ansicht, daß man der Sache dadurch, daß sie iu, Reichstage nachträglich noch besonders behandelt werde, eine besondere Wichtigkeit nicht beilegen dürfe. Wenn die Antisemiten darüber frohlockten, so sei das ihre Sache; einen besonderen Grund dazu hätten sie nicht, denn es gehe ans dem Zwischenfall keinesfalls hervor, daß der Herr Kriegsminister ans dem Standpunkt der Antisemiten stehe. Berlin, 11. März. Gestern Vormittag starb hier Jenny Hirsch, eine der Veteraninnen der deutschen Frauenbewegung, die ihren Namen insbesondere nnt den Berliner Bestrebungen für Hebung der Frauenbildung nnd des Frauenerwerbes eng verknüpft hat. 1832 zu Zerbst geboren, widmete sich Jenny Hirsch zuerst in ihrer Vaterstadt den, Lehrberufe. Sie brachte einen privaten Schnlzirkel zusammen, von der Art, wie sie heute noch leider in den vielen Klein- und Mittelstädten die ganz unzulängliche Gelegenheit für den Unterricht der höheren Töchter bilden. Es gelang Jenny Hirsch aber nicht, trotz ihrer sehr bescheidenen Ansprüche, ihren Zirkel ausrecht zu erhalten. Sie wurde daraus hingelenkt, ihr litterarisches Können für den Erwerb zu verwerthen. Es war ein Glück für sie, daß sie 1860 in der Redaktion des „Bazar" Stellung erhielt. In dieser Stellung hatte Jenny Hirsch ergiebige Gelegenheit, die vielfältige Schwierigkeit kennen zu Lernen, welche die Frauen im Erwerbsleben zu überwinden haben. Es war für sie eine sich von selbst ergebende Entwickelung, wenn sie sich in den Dienst der Frauenbewegung stellte, die im Anfang der sechziger Jahre hier festen Fuß faßte. Unter dem Schutze der damaligen Kronprinzessin, der späteren Kaiserin Friedrich, unter der Führung des thatkräftigen Präsidenten Lette in Berlin hatten sich damals einflußreiche Männer nnd Frauen zur Begründung eines Sondervereins zur Förderung der Frauenbildung und des Frauenerwerbes, des jetzigen Lettevereins. znsammengethan. Der neue Verein schuf Unterrichtsanstalten zu den, Zwecke, denjenigen Mädchen, die ans den Erwerb angewiesen waren, diejenige allgemeine nnd Fachbildung zugänglich zu machen, deren sie, „in vorwärts zu kommen, bedürfen. Jenny Hirsch wurde 1866 die Schriftführerin des Lettevereins. Als solche wirkte sie bis 1884. Ihr siel die Aufgabe zu, zur Jubelfeier des Vereins dessen Geschichte zu schreiben. Als die Zahl der Frauenbildungs¬ und Erwerbsvereine sich mehrte, nnd ein Zusammenschluß dieser Vereine nothwendig wurde, gründete Jenny Hirsch mit Fanny Lewald v. Holtzendorff, Viktor Böhmert. Lammers als Organ des Verbandes der Franenvereine die Zeitschrift „Der Frauenanwalt". Zu diesen X

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