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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-03-14 · Heft 11 (14.3.1902) · p. Seite 130

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 11 (14.3.1902)
Date
1902-03-14
Page
Seite 130 (sequence 12)
Language
German
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.1^0 man ans de» ersten Tag nehmen werde: und zum Schluß des Jahres hat man doch gelebt. Ein bischen hat man verdient, geborgt, verborgt, geschwindelt, Gutes gethan; Sorgen, gar viele Sorgen hat man gehabt, mitunter einfach gehungert; was liegt am Einzelnen? Im Ganzen hat man doch gelebt nnd das seinige gethan, sich über Bord zu halten. Man soll nicht grübeln und über unnütze Dinge michdenken: wenn Gott ivill, kann er schon helfen, das haben wir unzählige Mal gesehen. Bis ans ihre Kleider bildeil die Männer alle prächtige Gestalten; groß gewachsen sind sie, meistens blond mit blauen, kuigen Augen und haben einen langen, freilich nicht sehr gezierten Bart. Ei» Jude hat keine Zeit zu dergleichen Narrheiten. Binde das Halstuch so, daß der Knoten nach hinten zu sitzen kommt; trage auf einem Fuße einen Stiefel und auf dem anderen einen Gummischuh — was liegt daran? Maul. Ohren und Nase haben alle Menschen zugleich, das Sichschönmachen hilft ja gar nicht, wenn man nicht einen Sechser baar in der Tasche hat. Die Frauen sind dagegen unansehnlich und meist vorzeitig alt geworden; sie sind eigentlich nie jung gewesen, da sie schon mit sechzehn Jahren bedeckten Hauptes unter dem Trauhimmel standen und schon einige Jahre vorher immer das „erwachsene Mädel" hießen, das man um alles in der Welt jeden Tag verloben wollte, nm sie nicht bis zum grauen Zopf sitzen zu lassen. Eine Unzahl von Kindern zu haben, ist des Menschen Los. Gott hat gesegnet: Seid fruchtbar und vermehrt euch! Von den kleinen Würmern, die immer kränkeln und sterben, hat man freilich viel auszustehen, wächst aber so ein Kind heran, braucht man nur noch einen Löffel zu kaufen; ein Schuh, ein Kleidchen, eine Hose läßt sich immer von einem Aelteren für den Jüngeren verwenden. Nur müssen die Kinder fromm sein und in der Thora lernen. Als wir jung waren, thaten wir's viel mehr. Damals konnte Niemand schreiben, und das Geld war mit den Handelt zu greifet!; heute will jeder Knirps ein Nechenmeister sein; drückt man nur ein Auge zu, reißen sie ganz und gar aus und glauben, daß die Väter gar nichts von der Welt verstehen. Lasset aber kein granes Haar euch darüber wachsen; nivgen sie herumlaufen und sich Gott weiß wie lange überklug halten; mit sechzehn Jahren bekommen sie doch ein Weib. Anfangs schadet es nicht, da man bei den Schwiegereltern ans freie Kost und Quartier ist; nachher aber kommen die Sorgen, und dann vergißt man schon manches. . . . Will man Jemanden fragen, was ist aber der Zweck all dessen, dann heißt man dir lieber eine Prise Schnupftabak herreichen und rathet dir, dich nicht zum Weltverbesserer herausschrauben zu wollen. Und dann, was heißt Welt? Ein Jeder brockt sich selbst seine Suppe ein; will man es besser haben, ist mail ein Narr, hat man es besser, kann mail schon als klug gelten. Schließlich hat der Mensch eine Zunge und kann schön reden, bis ihm die Seele vor der Nase nicht weggeschnappt wird. Dort oben ist's freilich anders, dort giebt's Ruthen, feurige Zangen für alle mögliche Sünden, und hat man Gutes gethan, bekommt man schon ein Stückchen Lewiathan oder gar einen dürren Knochen; das Fette haben auch dort nur die Wenigen wie hier. . . So spricht das Volk, das kerngesunde Volk, das den Pharisäer nie liebt und den Schristgelehrten verulkt; das hindert aber nicht, daß sich jede Mutter einen solchen Sohn wünscht. Die Frömmigkeit, der Glaube an die göttliche Gerechtigkeit ist wie aus einem Guß. sie besteht mehr aus einem Soll und Haben. Einerseits bereitet es Freude, sich als Herr der Welt zu denken und sich ausznmaleli, wie in den Tagen des Messias die Juden über die Brücke aus Papier siegreich schreiten werden, während die eiserne der Völker nicht Stand halten werde; andererseits kommt zuweilen aus allen Schlupswinkeln der Seele mancher tiefe Seufzer. Was will man von den Inden haben, immer sind sie im Exil! Steht man des Morgens auf. dann pochen schon die Sorgen am Fenster, legt man sich schlafen, dann drücken sie hart unter den Kissen. Und dann die vielen Sünden, das menschliche Wesen ist schwach, und der Himmel ist zu hoch. In Jerusalem war es anders, hier aber muß man sich vor jedem Goi fürchten, weil lvir Juden „ns versündigt haben, so steht's geschrieben. . . In Petersburg soll es immer eine jüdische Kommission geben, und als Montefiore dem Kaiser Nikolaus für jeden Inden je drei und einen halben Rubel zu geben versprach, hatte Dieser es nicht nehmen wollen. Damals, zu jenen Zeiten, waren die Kleidergesetze, wo man alle gezwungen hatte, die fromme Tracht abzulegen. Man hat geweint und gefastet nnd dabei in Hülle und Fülle gelebt; heute läßt man uns schon unsere Wege gehen, da wollen aber die Kinder selbst, wie auf Verabredung, sich nicht mehr lang kleiden. Geh, ändere die Welt! * K Das Essen ist sehr einfach; man kann sich aber nicht genügend zu gute thnll mit dem Uebersalzen. Die Gabel ist immer ei» beschwerliches Ding, und am liebsten möchte man mit den eigene» Händen im Teller herumwühlen. Die Fenster werden nie ge öffnet, die Thüren nur scheinbar geschlossen. Von Klingel» und Anklopfen weiß kein Mensch; und wenn du noch im Bette liegst, stolpert schon der Besuch ganz ungenirt herein. Da das Leihen und Borgen in Geldsachen keine große Anwendung hat, vollziehen sie sich mit den Gegenständen des tägliche» Gebrauchs : Dieser brauchtleinen Teller, Jener ein Sieb, ei» Stück Holz. Vielleicht kannst du auf eine Stunde deine» Gürtel entbehren, dein Gebetkleid oder deine Stiefel. Ja, m» dem Schuhlverk ist's eine eigene Sache, das zerreißt wiedei nnd wieder, ein Kleidungsstück kann man schon tragen, aucl wenn es gänzlich abmagert und keinen gesunden Fade» mehr hat. Wenn es immer Sommer wäre, könnte inan schon eher a»skommeti; im Winter aber ist es kalt, und es ist eil Glück, daß man von der nicht genügend geheizten Stube nacl dem warmen Bethaus sich flüchten kann. Dort „lebt man wie der liebe Gott in Frankreich", d. h. man reibt seineu Rücken so lange am glühenden Ofen, bis ein Zweiter komm und diesen goldenen Platz für sich beansprucht. Einem derbe» Spott, einem bösen Gerede über einen Abwesenden zuzuhöre» ist nicht übel. Und wenn man schon so weit ist, daß die Kapp sich verschiebt und man die Füße ans der Bank ausstreckt, d» beginnt das wunderliche Erzählen: vom Messias.vonMontesior» von der rothen und blinden Nacht. Auch Kriegsgeschichte» sind rin großes Fressen; nur ist man sich nicht einig, wie man den Feind erschießen kann, da er doch seinen Kopf von der Mnildhöhle der Flinte seitweits neigen kann. Vor Zeiten ga» es auch viel zu thun in der Gespensterwelt. Da waren dir wirklichen bösen Geister und dann die „Spötter", die aus muthwilligein Satanismus über Nacht alles auf den Kopf stelle» Das; die Seelen in Fröschen und in aller Art von Thier»"

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