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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-03-14 · Heft 11 (14.3.1902) · p. Seite 126

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 11 (14.3.1902)
Date
1902-03-14
Page
Seite 126 (sequence 8)
Language
German
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126 Lueger und Genossen sind also wieder die traurigen Helden des Tages. Es hat eine Zeitlang Waffenstillstand geherrscht Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir die Ursache dieser schwülen Ruhe damit erklären. Lueger habe inzwischen bei den getauften Juden der „Länderbank" sein Geldpnmpwerk angelegt. Er brauchte viel Geld, der Herr Bürgermeister von Wien, und in Geldsachen haben die Mächtige» zu allen Zeiten aller Skrupel ledig, mit Vorliebe der sonst so verhaßten Semiten beiderlei Bekenntnisses sich bedient. Lueger hat nun die Millionen, und da der Semit seine Schuldigkeit getha», nnd man bei ihm tüchtig Schulden gemacht hat, muß er nun seinen breiten Rücken herhalten, damit der Wiener Generalgewaltigen Volksthümlichkeit aufgefrischt werde. Es stehen nämlich zur Abwechselung wieder Wahlen bevor, in den Eemeinderath, in den Landtag. Wahlen kosten Geld, Wer weiß dies nicht? Weiß dies Lueger nicht am besten? wer sind denn bei uns die Meister in der Wahlkorruption? Muß man die Herren Antisemiten darüber anfklären? Orseeln ckv seäitioiie guerentes! Da kommt nun der Herr Bürgermeister. der durch die gewaltsamsten Machinationen zu seinerschwindelhaften Höhe emporgehobene Dr. Lueger nnd beklagt sich in einer Interpellation an den Ministerpräsidenten darüber, die deutsche Fortschrittspartei hätte iu einem Ausruf zu unerlaubten Mitteln gegriffen, indem sie zur Sammlung von Geldern für einen Wahlfonds anfforderte. So dumm sind die Herren Antisemiten allerdings nicht, daß sie nicht gewußt hätten, sie werden mit dieser Interpellation unbändige Heiterkeit erregen, ähnlich wie jener Wolf, der sich darüber beklagte, das Lämmlein trübe ihm das Wasser. Um dieJnterpellationwar es ihnen auch gar nicht zu thuu. Sie wollten vielmehr unter diesem Deckmantel einige Männer, die ihre Wuth gereizt, beschimpsen. Dem Fabrikanten Lobmeyer warfen sie vor. er habe sich das Ehrenbürger-recht von Wien erschwindelt; den Obmann der Produktenbörse, Jonas Weil, nennen sic einen Kvrnwucherer; die Schale ihres Zornes schütten sie über den Präses der Wiener Kultusgemeinde. Klinger, aus; von dem Industriellen Wiesenburg behaupten sie, seiir Vater sei einst als Binkcljude nach Wien gekommen, und so geht es weiter ohne jede Grazie. Alle genannten Männer hatten eben den verhängnißvollen Wahlaufruf der „Fortschrittspartei" unterschrieben. Daß wir uns mit dieser ohnehin aussterbendeu Partei niemals recht befreunden konnten, ist den Lesern dieser „Briefe" bekannt. Wir halten sie nämlich für nicht weniger antisemitisch als die der Alldeutschen. Was geht uns Juden auch Lobmeyer und sein Wiener Ehrenbürgerrecht an! Wir haben uns weder dafür, noch dagegen zu erhitzen. Die Juden haben aber wieder eine traurige Erfahrung gemacht. Mit dem Präses der Wiener Kultusgemeinde wurde die ganze Wiener Judenschaft beleidigt, mit dem Vorsteher der Produktenbörse wurden alle ihre Besucher als Getreidewucherer beschimpft. Was aber Luegers Enthüllung betrifft, der alte Wiesenburg sei ein Binkeljnde gewesen, so bedauern wir dies aufrichtig. Hätten die Juden zu allen Zeiten Professoren, Bürgermeister, Landesgerichtsräthe, Staatsanwälte nud Direktoren rc. werden können, es hätte sicherlich unter ihnen weniger Binkelleute gegeben, was übrigens gar nicht einmal so unehrenhaft ist, ivie Besitzer gewisser Häuser und Stampiglienfälscher zu sein.-Die Interpellation Luegers wurde vom Ministerpräsidenten mit dankenswerther Raschheit und Objektivität beantwortet, die Debatte über sie eröffnet, undtzueger erlebte nun einen seiner schlimmsten Tage. Hageldicht sielen auf sein schuldbelastetes Hanpt die Schimpfworte der Sozialdemokraten Pernerstorfer und Schuhmeier hernieder, welche, mit einer wahren Hnnnengeißel ansgestattet, dem Herrn Bürgermeister alle seine Sünden vvrrechneten. Es war ein clies ii-as für Lueger und Genosse», der 14. Februar. Und die Lehren aus der Geschichte? — Höre und beherzige sie, armes Kind, das sich seines Jahrhunderts schämen muß. Luegers Ruhm wird nicht verblassen, sondern sein Haupt ist nun mit einer neuen Gloriole umkränzt, denn bei uns darf man alles thun, wenn nur die That durch die Partei gedeckt wird. Siehe Lueger, siehe Wolf. — Lueger nnd Wolf — sie werden als Märtyrer ihrer Parteien gepriesen und sind heute volksthümlicher als je. — Und die Lehre für uns Juden? Was können wir dafür, wenn die Klinger, Weil. Wiesenburg einen „deutsch-fortschrittlichen" Wahlaufruf unterschreiben? Und doch, wie muß die arme bohkottirte, geschmähte und verfolgte jüdische Volksmenge derartige Unterschriften büßen! Daß doch dies die Klinger e tutti gurrnti noch immer uicht einsehen wollen! Herr Klinger sucht im fernen Süden seine angegriffene Gesundheit zn repariren, und im slavischen Mähren müssen die armen jüdischen Geschäftsleute einer nach dem anderen ihre Geschäfte sperren, denn jeder tschechische Kunde, welcher ein jüdisches Geschäft betritt, wird projcribirt und kommt aus den Index der intransigenteil tschechischen Zeitungen. — Luegers Macht aber werden weder die Alldeutschen, noch die Sozialdemokraten, noch die Juden oder die Fortschrittlichen brechen, denn die Wurzeln seiner Gewalt liegen hoch, sehr hoch; aber für die Alldeutschen, Sozialdemokraten und Fortschrittlichen muß der Unschuldige büßen. Und dieser arme, kranke, geschmähte und verfolgte Unschuldige heißt: Israel. lvvri. Me neueste Bibelübersetzung. Besprochen von Dr. A. Berliner. II ernfeld hat sich für seine Uebersetzung die Methode Samuel David Luzzattos zum Vorbild genommen, leider nur zum Pentateuch und zum Buche Jesaja, indem ihm die italienische Uebersetzung Luzzattos zu den anderen Theilen der Schrift nicht vorlag. Luzzatto hatte seine besten Kräfte in den Dienst der Schriftexegese gestellt. Er zog hierzu auch seine ältesten Schüler heran, deren Beitrüge zur Erklärung der Schrift er gern in seine Kommentarieu mit ausnahm oder bei der Uebersetzung berücksichtigte. Luzzatto besaß nicht allein die vollste Befähigung für die Hilfsmittel, welche Grammatik und Sprachvergleichung an die Hand geben, er besaß noch mehr, nämlich das Vermögen, in den Geist der hebräischen Sprache einzudringen nnd sie wie kein Zweiter zu verstehen. In der That wird auch der tüchtigste Grammatiker oder Etymologe noch immer nicht ein richtiger Erklärer der heiligen Schrist sein, wenn er nicht auch die hebräische Sprache in ihren feinen Nüancen zu erfassen vermag. Bernfeld ging fleißig in diese Schule Luzzattos, besonders auch für die Werthschätznng der Accente, deren hohe Bedeutung für die Bibelerklärung erst Luzzatto vollständig erkannt hat. In einem Punkte ging aber Bernfeld über Luzzatto hinaus, indem er sich streng daran hielt, vom masoretischen Texte nicht abzuiveichen. Dies kann nicht genug hervorgehoben werden

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