Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1902)
- Date
- 1902-03-14
- Page
- Seite 122 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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122 Sabbath predigen, und wieder Andere verlangen von ihm, daß er auch am öffentlichen Leben theilnehme, den Antisemitismus bekämpfe und in allen Vereinen mitwirke. Diesen unangemessenen Ansprüchen gegenüber erscheint die Stellung, die mail dem Rabbiner gemeinhin bietet, keineswegs entsprechend. Wir begrüßen es deshalb mit besonderer Genugthuung, daß der Gemeindebund den Antrag angenommen hat, die Anstellung der Rabbiner sei derart zu regeln, daß dieselbe nach einem höchstens drei Jahre dauernden Provisorium eine definitive wird. Wir versprechen uns von diesem Beschluß die besten Folgen. Der Geineindebund hat ja allerdings keine autoritative Gewalt über die einzelnen Gemeinden, durch die er diese zwingen könnte, die Beschlüsse des Gemeindetages auszuführen, aber die moralische Kraft dieser Beschlüsse wird sicher eine so große sein, daß jede Gemeinde, die nur halbwegs dazu im Stande ist, die Anstellung des Rabbiners nach diesen durchaus berechtigten Forderungen regeln wird. Die Hauptsache wird allerdings bleiben, daß die Rabbiner selbst ihre Interessen wahren. Wenn erst einmal die Pensionskasse in Kraft getreten, dann werden, so hoffen wir zuversichtlich. auch die Anstellungsverhältnisse in den kleinen Gemeinden nach den gerechten Wünschen der Rabbiner sich ordnen lassen. Bis dahin wird es Aufgabe aller berufenen Organe bleiben, immer und immer wieder darauf hinzuweisen, daß die Tätigkeit des Rabbiners nur daun eine fruchtbare innerhalb der Gemeinde sein kann, wenn seine äußere Stellung eine einigermaßen gesicherte ist. Der zweite Punkt der Tagesordnung, die Petition der israelitischen Kultusbeamten betreffend, fand nach den vorangegangenen laugen und erregten Debatten leider nicht mehr die Theiluahme, die er verdient und erheischt. Jndeß ist die Annahme der Resolution, durch die der Gemeindetag den Ausschuß beauftragt, einen Normalvertrag für die Anstelluug der Kultusbeamten anszuarbeiten, immerhin ein wichtiger Fortschritt, und man darf sich der Hoffnung hingeben, daß der nächste Gemeindetag auch den Berhültnissen der Kultusbeamten größere Aufmerksamkeit schenken wird. Von besonderer Bedeutung war der dritte Punkt der Tagesordnung. Der Ausschuß hatte beantragt, daß jede über 1«>0 Seelen zählende Bundesgemeinde gehalten sei. ein Prozent ihrer steuerlichen Einnahmen an den Gemeindetag abzuführen. Liest man den Bericht des geschäftsführenden Vorsitzenden über die Leistungen des Bundes, so begreift man in der That nicht, wie es möglich war, mit so geringen Mitteln so große Aufgaben in Angriff zu nehmen. Und dabei treten fast alltäglich neue Aufgaben an den Bund heran, denen er sich kaum entziehen kann. Es wurde in der Debatte mit Recht hervorgehoben, daß man vom Bunde alles Mögliche verlange, ihm aber sehr wenig gebe. Die Forderung des Ausschusses wurde vom Referenten in sehr verständiger Weise begründet; schließlich wurde der Antrag angenommen, daß die Bundesgemeinden ihre Beiträge „thunlichst" auf ein Prozent erhöhen möchten. Wir wünschten im Interesse der Sache, daß „thunlichst" viele Gemeinden diesem Antrag Folge leisten möchten. Nicht der Ausschuß des Gemeindebundes, sondern die deutsche Judenheit wird sür die Erhöhung ihrer finanziellen Mitwirkung einen unvergleichlich größeren Segen auf wirthschaftlichem und ideellem Gebiete eintauschen! Eine lebhafte Debatte rief auch der nächste Punkt, nämlich der Antrag der Gemeinde Königsberg hervor, daß der Gemeindetag seinen Jnteressenkreis vergrößere, kurz gesagt, die Ausgaben übernehme, die man dein sogenannten „Judentag" oder der „Gesammtorganisation" znweisen wollte. Im Prinzip haben wir uns schon darüber ausgesprochen, daß dieser Antrag sehr plausibel klingt, und daß wir es lebhaft gewünscht hätten, wenn der Gemeindebnnd in der Lage gewesen wäre, auch diese Aufgaben zu übernehmen. Es hat nicht sollen sein, denn der Antrag wurde mit großer Majorität abgelehut, nachdem der Referent des Ausschusses ihn in längerer Ausführung bekämpft und nachgewiesen hatte, daß er rechtlich unausführbar sei, und daß er ferner den Gemeindebund zum Tummelplatz politischer, religiöser und sozialer Meinungsverschiedenheiten machen würde. Dadurch aber wären die Hauptaufgaben des Bundes, nämlich die Förderung der Verwaltungs-, Bildung?- und Wohlthätigkeitsangelegeuheiten der israelitischen Gemeinden im dentschen > Reiche, gefährdet. Es gab aber Manchen in der Versammlung,! der traurigen Herzens, in der Ablehnung dieses Antrags das Grab des Judentags erblickte, Andere mögen sich darüber gefreut haben, aber weder zur Trauer noch zur Freude liegt die geringste Veranlassung vor. Die Gesammt -Organisation wird erstehen, weil sie erstehen muß, weil sie eine unabweisbare Nothwendigkeit ist, und gerade das haben die Verhandlungen des IX. Gemeindetages mit einer Klarheit zu Tage gefördert, die nur Diejenigen nicht erkannt haben, die überhaupt nicht sehen »vollen. Der Rückblick aus die Berathungen des Gemeindetages gewährt uns die Hoffnung, daß die Beschlüsse desselben der deutschen Judenheit zum Segen gereichen werden. Berlin, 12. März. U«m Anschluß an die bereits erwähnte Aeußerung des Kriegsministers im Reichstage über die Anzahl der Wreschener Stadtverordneten sagte in einer späteren Sitzung der Abgeordnete v. Ge rs dorff wörtlich: „Dies beweist ja auch der Umstand, den der Herr Kriegsminister schon angeführt hat, daß von den Wreschener Stadtverordneten auch die sechs Polen und die sechs Juden werden wohl auch noch zum Theil Polen sein sich mit der Verlegung einer Garnison nach Wreschen einverstanden erklärt haben." Hat der Kriegsminister die Juden den Deutschen gegenübergestellt, so ist der genannte Abgeordnete noch weiter gegangen und hat sogar die Vermuthung ausgesprochen, daß die sechs Juden zum Theil Polen seien. Demgegenüber wird uns von sachkundiger Seite geschrieben: Bei den Stadtverordnetenwahlen (wie auch in Wreschen bei den sonstigen Wahlen) gehen die Deutschen evangelischer Konfession mit den deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens Hand in Hand. Vor den Wahlen werde» in den von den Dentschen abgehaltene» Vorbesprechungen die Kandidaten von beiden Parteien in gleicher Anzahl »ominirt. Wie bei den Wahlen, so geht es auch bei den Abstimmungen zu, an denen die Nationalitäten irgend nur interessirt sind. Die Juden stimmen da regelmäßig mit ihren anderen deutschen Genossen. — Es wird interessire», das Stimmenverhältniß (nach dem letzten amtlichen Protokoll) kennen zn lernen. In der 1. Abtheilung erschienen 25 Wähler, darunter 16 Deutsche (II Juden und 5 Protestanten), in der 2. Abtheilnng erschienen 52 Wähler, darunter 88 Deutsche (22 Juden und 11 Protestanten). Bei der 3. Abtheilnng, in der das polnische Elementsehr überiviegt, wurden in letzter Stunde ein deutsch-evangelischer und ein deutsch-jüdischer Zählkandidat auf-