Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 41 (5.4.1838)
- Date
- 1838-04-05
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
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165 chen sich offen und bestimmt zu erklären haben, kurz mit so geringer Verbindung unter einander, wie etwa mit demJudenthume und dem Islam. Zn diesem Sinne gibt es offenbar im Judenthume durchaus keine Partheien oder Secten, wenigstens nicht unter den deutsch-europäischen Juden; wir haben Alles gemeinschaftlich, wir stehen in allen Beziehungen nach außen und Ln Bezug auf die Gesammtheit einander völlig gleich, nur da, wo uns Niemand zu folgen berechtigt ist, im eigenen Hause, und in der Stellung des Einzelnen, gibt es Abweichungen. Es ist also hier nicht sowol Verschiedenheit des Bekenntnisses, als der Ansicht. Und was sind wir, wenn wir einen Namen dafür suchen? Wir sind Rabbiniten, Anhänger des Talmuds und der Rabbinen. So wenig auch verlaugnen das selbst die, welche in ihrem Privatleben der strengen Sitee am meisten sich entfremdet haben,^ daß sie von allen denen, die irgend auf öffentliche Weise eine jüdische Gemeinde zu vertreten haben, vom Rabbinen, Vorsänger, Schlachter geradezu verlangen, er möge das Herkommen bis ins Kleinste beobachten, und sehr häufig, wo es ihnen zuweiten etwa störend entgegentritt, sagen, er muß so handeln, so sprechen. Niemand wird den als. einen Lehrer des Judenthums anerkennen, der etwa ertauben möchte, eine verbotene Speise zu essen. Auch würde es in der Ausführung auf mehr Schwierigkeiten stoßen, als ' Manche sich einbilden, wollte man plötzlich vom Talmud sich lossagen und etwa nur die heiligen Schriften der Bibel als Richtschnur für Glauben und Handlungen annehmen. Das mosaische Gesetz hat z.B. keine Anordnung über Gebete, Niemand aber will diese etwa aufheben, weil sie talmudisch sind; wir erkennen also dadurch schon die Autorität an, die sie angeordnet hat, d. h. den Talmud. Wollten wir aber unsere eigene Vernunft entscheiden lassen, was von den mosaischen Gesetzen heute noch gelten soll, und was nicht, so stellen wir offenbar die Vernunft an die Spitze, ein jeder die seinige, alles Gemeinsame würde aufhören, eine Religion des Egoismus würde herrschen, die jedem positiven Bekenntniß entgegensteht. Auch die mannichfachen Versuche, die in neuerer Zeit zur Reformirung des Judenthums, besonders des Gottesdienstes gemacht worden sind, haben nie, so viel mir bekannt ist, es unternommen, den Talmud als überflüssig oder ungiltkg darzustellen. — Wir haben daher keine andere Quelle, als den Talmud, und alle Verschiedenheit kommt jetzt auf Auslegung desselben und auf die Grundsätze hinaus, die aus denselben entwickelt werden. Hier stehen wir aber ganz auf wissenschaftkichem Boden, und nichts ist mehr zu wünschen, als daß hier, jede Störung von irgend einer Seite vermie-. den werde. Die schöne Sitte der deutschen Universitäten kann I uns vollkommen beruhigen. Denn allerdings dürfen wir uns nicht verhehlen, daß sechs bis acht, vielleicht noch mehr Lehrer, in manchen Dingen von einander abweichen werden, mag die Wahl noch so vorsichtig geschehen, thue man auch alles Mögliche, um Gleichartigkeit der Ansicht zu erzielen, irgendwo gibt es Differenzpunkte, auf die man nicht vorher vorbereitet sein konnte. Eben so wenig dürfen wir uns verhehlen, daß Mißgriffe gemacht werden können, ja daß sie besonders im Anfänge fast unvermeidlich sind:.auch in andern Fächern gelkrrgt es nicht jedesmal, den besten Lehrer zu bekommen. Dieser ist ein großer Gelehrter, aber kein guter Lehrer; jener entspricht im Laufe der Zeit nicht mehr den Ansprüchen, die an ihn gemacht werden, er wird stationär; ein Dritter verdirbt es mit seinen Zuhörern; wieder ein Anderer verdient in Hinsicht seines Charakters nicht ganz das in ihn gesetzte Zutrauen; so gibt es der Möglichkeiten genug, daß eine Wahl sogar für verfehlt zu halten ist. Gerade hier aber ist der Punkt, wo die Wirksamkeit der jüngern Lehrer, ,der außerordentlichen Professoren und der Privatdocenten, ergänzend und anhaltend sich zeigt; die Concurrenz mit diesen zwingt immer jeden einzelnen Lehrer, allen an ihn gemachten Ansprüchen Genüge zu leisten, und gerade die Jüngeren finden hier ein sicheres Mittel, sich auch eine Bahn zu brechen und Anerkennung zu verschaffen. Es werden also die Fehler, die etwa in der Wahl eines ordentlichen Lehrers gemacht werden dürsten, hier am leichtesten sich (Ausgleichen; es werden so auch verschiedene Nüancen der Ansichten durch verschiedene Lehrer repräsentirt werden können, und die öffentliche Stimme, die gewiß sehr bald über die einzelnen Männer sich bilden wird, so wie auch zum Theil wol der gesunde Sinn der Studirenden, wird hier am leichtesten die Schwankenden auf' den richtigen Weg führen. Denn zuletzt gibt ja doch die öffentliche Meinung den Ausschlag, indem sie nur den als Rabbinen anstellen wird, der ihrer Denkweise am meisten entspricht *). Und Niemand glaube doch, daß alle diejenigen, die aus unserer Hochschule hervorgehen, gleichen Zuschnitt haben werden, der menschliche Geist laßt sich nicht so in Banden schnüren; wer nur das Leben der Universitäten, oder die Geschichte der Wissenschaf- °) Einen Wunsch kann ich hierbei nicht unterdrücken, daß unsere Candidaten eine bestimmtere Stellung in den Gemeinden einnehmen mögen. Bis jetzt ist ihnen keine Möglichkeit gelaffen, sich Anerkennung zu verschaffen, mögen daher die größeren Gemeinden ihnen einen gewissen Wirkungskreis eröffnen, ihnen z'. B. erlauben, einige Male im Jahre öffentlich zu reden, an den öffentlichen Schulen ex officio zu unterrichten u. dgl., dann lernt man sie kennen, und sie sind der unwürdigen Wahlpredigten, der Empfehlung durch Unberufene, kurz alles dessen, waS man Protection nennt, überhoben. Dr. I.