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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-04-05 · Heft 41 (5.4.1838) · p. Seite 164

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 41 (5.4.1838)
Date
1838-04-05
Page
Seite 164 (sequence 4)
Language
German
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164 tm kennt, der weiß, baß aus einer und derselben Lehre alle nur denkbaren Richtungen sich entwickeln können. Wer aber ungeachtet alles dessen, was ich so eben dargekegt habe, dennoch mißtrauisch bleibt/den frage ich; Welche Gewähr gibt denn die bisherige Ausbildung der Rabbinen? Sehen wir nicht deutlich, wie immer mehr alle Anstalten dazu eingehen, und daß am Ende Alles auf Glück und iUngefahr hknauskommen wird? Oft bringen Privatverhältnisse einen aus Amt; ein Anderer, oft der Tüchtigere, bleibt aus Mangel an Bekanntschaft zurück, und muß zeitlebens im Privatleben verkommen. Haben wir eine Facultät, die freilich das wichtigste aller Rechte — das Recht der Promotion in ihrer Wissenschaft — haben muß, so kann jeder Candidat den Anspruch, examinirt zu werden, machen, und die Gemeinden haben eine beglaubigte Korporation, an die sie sich bei Erledigung von Stellen wenden können. Jetzt haben hochgestellte Männer schon erklärt, sie würden durchaus Niemandem dies Zeugniß der Wissenschaft (Hatara) geben, und so kan» dieser letzte Anker auch aufhören, und die Gemeinden — wie allerdings auch schon geschehen — Rabbinen ohne alle Beglaubigung der Gelehrsamkeit und der Tüchtigkeit aufnehmen. Wer möchte wagen, auszusprechen, wohin das führen kann? — Die theologische Facultät dagegen gibt für alle kommende Generationen genügende Sicherheit, daß die Religion nicht wird gefährdet werden. Dabei wollen wir auch nicht die Hoffnung unterdrücken, daß wenn nur einmal an einer Universität eine solche Institution gemacht ist, eine zweite wol leicht Nachfolgen wird. Es wird auch wol unter uns noch Männer geben, wie Israel Jacobsfohn, die einem so hohen Zwecke eine hinreichende Summe aussetzen, das Capital, das Jacobsfohn für das Seesen'sche Institut hergab, wäre schon genügend, eine theologische Facultät zu dotiren; und es wäre wol zu vermuthen, daß, wenn er in ünsem Tagen noch lebte, mit der Kraft des Geistes und den günstigen Verhältnissen, wie zu Anfang dieses Jahrhunderts, er für diese Idee erglühen würde. Sollten wir denn ärmer geworden fein, als unsere Vater? Mancher möchte in unsem Plan eingehen, wenn eine beaufsichtigende Behörde constituirt würde, welche die Lehre der Professoren zu bewachen hätte, eine Art von Consistorkum. Aber warum denn diesen Männern mehr Zutrauen schenken als jenen. Da könnte man mit Recht dann wieder eine Controle für diese wünschen, und so ins Unendliche fort, bis man vor lauter Vorsicht und Aengstlichkeit den ersten Zweck ganz auS de« Augen verlöre. Die Oeffentlichkeit beaufsichtigt hinlänglich, die Concurrenz lhut das Ihrige, und in letzter Instanz muß man doch immer an die Rechtlichkeit der Menschen appelliren. Wir haben bis jetzt keine Hierarchie, und das Beispiel anderer Confeffionen ist nicht lockend, um uns eine neu« zu bilden. In wichtigen Fällen hat jetzt das geschriebene und gesprochene Wort ebenfalls eine Macht, eS ist nicht zu fürchten, daß ein solches verhalle. — Somit ergehe denn hiermit auch meinerseits der Aufruf an Alle, die es emst mit unserem Volke meinen, das hohe Werk aus Kräfte» zu fördern, durch Beitrage, durch Rede und Schrift. Warlich die Gegenwart bietet kein erfreulichs Bild. Hier ein dumpfer Formglaube ohne Kenntniß des Sinnes, der den Formen inwohnt, dort Erstorbenheit alles religiösen Sinnes. Väter und Mütter lassen ihre Kinder aufwachsen, ohne daß die Religion und die Quellen, aus denen sie geschöpft, ihnen gezeigt werden, ohne das innige, gemüthliche Lebe«, das aus derUebung der religiösen Gebrauche sich entwickelt. An manche» Orten Reformen, die alle Gemeinsamkeit, allen Zusammenhang aufheben. Streben wir daher nach der Einheit, nach einer höheren geistigen Einheit im religiösen -Leben. So fern auch unsere Religion von Proselytenmacherei und Miffionswesen ist, so ist der Gedanke, das erhalten zu wolle», was uns lieb, was uns das Theuerste ist, damit nicht zu verwechseln. Was den Einzelnen beglückt, warum sollte es nicht die Gesammtheit wünschen? Wer den Grundsatz hat: das Judenthum geht nicht unter, und wenn auch nur noch drei Juden übrig wären, der hat freilich einen schönen Glauben, aber die Handlungsweise, die aus demselben hervorgeht, ist nicht ersprießlich. Religion ist nicht ein blos abstrakter Gedanke, ist nicht da um Gottes willen, sondern von Gott gegeben, um den Menschen zu beseligen. Es muß uns daher willkommen sein, daß recht Diele diese Beseligung fühlen, die Gleichgiltigkeit, die es gehen läßt, wie es geht, höchstennur für das eigene Haussorgt, ist sträflich. Handeln müssen wir im ganzen Leben, um zu einem Ziele zu gelangen, nicht die Hände in den Schooß legen, und einer höheren Macht die Entwickelung anheimstellrn. Handeln wir also auch hier, und gedenken des alten Spruchs: Hilf dir selbst, so wird dir Gott helfen! Redactcur: vr. L. Philippson. — Verlag von BaumgärtnerS Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirfchfeld.

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