Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 in Mainz das städtische Armenamt die für die jüdischen Wanderbettler verausgabten Summen für Eisenbahnfahrkarten alljährlich zurückvergütet. Rabbiner Dr. Werner-München bittet uni Beseitigung eines Paragraphell, der sich vielfach im Statut von Armenkassen befindet, daß nämlich die durchreisenden Armen nur einmal in jedem Jahre eine Gabe erhalten. In München lehre die Erfahrung, datz die Armen stets mit dem Tage des Ablaufs des Jahres sich wieder an die Kasse wenden. Herr Hirsch-Halberstadt bittet die Verbandsvertreter, die gehörten Erfahrungen sofort nach der Rückkehr in die Heimath für die lokalen Verhältnisse in die Praxis umzusetzen, nm dadurch zu besseren Resultaten zu gelangen. Rechtsanwalt Sch ü l l er - Gleiwitz pflichtet den Ausführungen Kopfsteins bei, und Rabbiner Dr. V o g elst e i n-Königsberg. welcher die Bewältigung der über die Grenze kommenden horrenden Zahl von Armen als unmöglich bezeichnet, bittet, die strikte Durchführung der Beschlüsse des Breslauer Kongresses betreffs der Rückwanderer schleunigst in die Wege zu leiten. Nachdem noch Rabbiner Dr. Ca rl ebach-Lübeck es als wünschenswerth bezeichnet, daß der D.-J. G.-B. sich bezüglich der Durchwanderung der Armen mit den Nachbarländern in Verbindung setzen solle, wird die Debatte geschlossen, und es gelangen, wie bereits erwähnt, der Antrag Leb recht betreffs Einführung voll schwarzen Listen und der Antrag Feilchenfeld auf Einrichtung voll Arbeitsstätten namentlich in den Grenzstädten zur Annahme. — Die Sicherung der Arbeitskolonie in Weißensee. über deren historische Entwickelung und Geschäftslage Maurermeister Adler-Berlin in einem ausgezeichneten Referate berichtet, befürworten alle Verbandsvertreter, mit Ausnahme des Herrn David sohn-Danzig, welcher die Kolonie als Institution der Gemeinde betrachtet wissen will, für deren Unterhaltung Berlin und nicht die Provinzialverbände einzutreten haben. Professor PHil ippson erinnerte, daß der D.-J. G.-B. niemals die Errichtung der Kolonie vorgenommen hätte, wenn nicht dem Gemeindebund die materielle Unterstützung wiederholt seitens der Verbände in Aussicht gestellt worden wäre. Der Verbandstag beschließt auch gegen eine Stimme, nach Kräften zur Förderung der Kolonie in Weißensee beizutragen. In der Debatte zur Errichtung einer Fürsorgeerziehungsanstalt für Mädchen begegnen sich sännntliche Redner in der Betonung der dringenden Nothwendigkeit dieser Anstalt, wenngleich fast allgemein die Ansicht vertreten wird, daß der Familienerziehung in weitaus den meisten Fällen der Vorzug einzuräumen sei. Gegenüber einigen irrigen Ausführungen mußte der Vorsitzende wiederholt betonen, daß nach dem neuen Fürsorgegesetz eine gewisse Kategorie von Kindern einer Anstalt überwiesen werden müsse. Auf Anregung von Dr. Vog e l st ei n-Königsberg giebt der Vorsitzende die erfreuliche Erklärung ab. daß nach der Auffassung des Gesammtausschusses der Gemeindebund aus alle besonderen Beiträge der Verbände werde verzichten können, sobald sich die Gemeinden dazu verstehen würden, 1 Prozent ihres jährlichen Budgets dem Gemeindebunde zuzusühren. Die Debatte verdichtete sich zu der Löwe'schen Resolution, welche die Gründung der beregten Anstalt sür erforderlich erachtet und den D.-J. G.-B. mit weiteren Schritten in dieser Frage betraut. Eine sehr lebhafte und erregte Diskussion erhob sich noch über den Antrag des Gemeindeverbandes Posen an den Gemeindebund nm eine namhafte jährliche Subvention zur Ausbildung einer größeren Anzahl von reichsangehörigen Personen zu Religionslehrern, Schächtern und Vorbetern. Der Gemeindebund hat die Bewilligung von Mitteln abgelehnt, weil er die Ausbildung der Religionslehrer, die ihre Lehrbefähigung dadurch erhalten, daß sie einige Stunden in den oberen Klassen der Gemeiudeschule Posens unterrichten, sür durchaus unzureichend hält. In sehr scharfen Worten bekämpft Dr. Coblenz- Bielefeld den Antrag und erhebt kräftigen Protest gegen die Geistesrichtung. die iu dem Anträge zum Ausdruck kommt. Die pädagogische Ausbildung genügt irr keiner Weise -auch nur den aller-bescheidensten Ansprüchen. In ähnlichem Sinne sprechen sich Dr. Vogel st ein» Königsberg und D a vidsohn-Danzig aus, Dr. Reich-Breslau tritt für die Ausbildung von Kantoren und Schächtern ein, und Eichelbau m-Insterburg bittet aus Rücksicht auf die kleinen Gemeinden, die unreinen Beamten besolden können, um wohlwollende Berücksichtigung des Antrages. Erst nach den beredten Worten des Kirchenraths Dr. Kroner trat wieder eine versöhnlichere Stimmung ein. Er empfahl eine jährliche Subvention unter der Voraussetzung, daß in dem Posener Institut nunmehr nur noch Kantoren und Schächter herangebildet werden sollen und bat, aus taktischen Gründen im Interesse des Gemeindebundes dieser Resolution zuzustimmen. Die praktische Konsequenz aus dieser Resolution zog in treffender Weise der Referent des Ausschusses des D.-J. G.-B. Oberlehrer Dr. Schaefer- Berlin, indem er ausführte, daß die kleineren Gemeinden auch weiterhin die in dem Institut zu Posen ausgebildeteu Kantoren und Schächter als Religionslehrer anstelle» würden. Er empfahl dem Institut, eine durchgreifende Umänderung des Lehrplanes, salls es auf die Ausbildung von Religionslehrern nicht verzichten wolle, vorzunehmen und mit einem neuen motivirten Antrag an den Gemeindebund sich zu wenden. Trotzdem wurde die vorgeschlagene Resolution, wenn auch mit knapper Mehrheit, mit sieben gegen sechs^Stimmen, zum Beschluß erhoben; der Vertreter Posens war einsichtig genug, zu Gunsten der Resolution deu Antrag seiner Gemeinde vorher zurückzuziehen. — Die übrigen Punkte der Tagesordnung wurden debattelos erledigt und führten zu deu bereits angegebenen Beschlüssen. Berlin, 1. März 1902. Wir erhalten den folgenden Aufruf: An die jüdischen Handwerker Berlins! Unter den schwierigen Verhältnissen, in denen der jetzige Handwerkerstand lebt, hat der jüdische Handwerker am meisten zu leiden. Dazu hat neben dem Niedergang des Handswerks überhaupt sür uns Juden rächt zum Geringsten die antisemitische Bewegung einerseits und das Vorurtheil, das leider in manchen Kreisen unserer Glaubensgenossen gegenüber dem jüdischen Handwerker herrscht, andererseits außerordentlich viel beigetragen. Hierin Wandlung zu schaffen, ist die Hauptaufgabe des Unterzeichneten Vereins, dem anzugehören eine Ehrenpflicht jedes jüdischen Handwerkers sein sollte. Wir beabsichtigen nun am Montag, den 17. März, Abends 8V2 Uhr in Cohns Festsälen, Beuthstr. 20, eine öffentliche Versammlung einzuberufen, zu der der Vorstand und die Repräsentantenversammlung unserer Gemeinde ebenso wie die Vorstände aller jüdischen Vereine ganz besonders eingeladen werden, und bei der wir hoffen, auch Sie begrüßen zu können. In dieser Versammlung wird Herr Dr. med. Julius Moses über „Das Handwerk unter den Juden" sprechen, woran sich eine Diskussion ankuüpfeu soll. Um nun dem Referenten hinreichend Material zur Behandlung des angegebenen Themas zur Verfügung zu stellen, wollen wir eine Umfrage über die Lage der jüdischen Handwerker Berlins veranstalten. Wir bitten Sie daher, in Ihrem eigenen Interesse und in dem des jüdischen Handwerkerstandes überhaupt uns die auf beigefügtem Bogen enthaltenen Fragen möglichst ausführlich und bei der Kürze der Zeit umgehend beantworten und dieselben dann unter Benutzung einliegenden Couverts lfrauco 5 Pf.) an den Unterzeichneten einsenden zu wollen. Wir danken Ihnen im Voraus sür die kleine Mühewaltung und begrüßen Sie. Der Verein selbstständiger Handwerker jüdischen Glaubens. I. A. M. Herz. Linienstr. 34. ll. Schildberg, 2. März. Der Rabbiner Dr. M. L. Bamberger, früher in Schildberg, jetzt außer Rabbinatsstellung, hatte sich vor dein hiesigen Schöffengericht am 7. v. M. wegen Beleidigung eines achtbaren Gemeindemitgliedes zu verantworten. Er wurde durch den Rechtsanwalt Fuß vertreten und zu 20 Mark Geldstrafe, im Unvermögensfalle zu vier Tagen Gefängniß, außerdem zu einem Drittel der Kosten verurlheilt. — Rabbiner Dr. Kirsch aus Leipzig hielt am 8. v. M. hier seine Probepredigt. 8s. Breslau, 28. Februar. Die Einweihung des neuen jüdischen Friedhofes der Synagogengemeinde fand am 14. d. M. in Cosel statt. In ca. 30 von der hiesigen Synagogengemeinde gestellten Equipagen fuhren etwa 70 bis 80 Vertreter der verschiedenen Breslauer Gemeindekollegien um 10'/2 Uhr vom Gemeindehause aus nach dem Friedhofe hinaus, woselbst um 11 Uhr der feierliche Einweihungsakt mit der Uebergabe der Schlüssel durch Regierungsbaumeister Ehrlich all den Vorstandsvorsitzenden, Stadtrath Pringsheim, und von Diesem an den Vorsitzenden der israelitischen Krankenverpflegungsanstalt und Beerd'igungsgesellschaft, Herrn Eduard Sachs, eingeleitet wurde. Nach einem herrlichen Chorgesauge in der Kapelle ergriff Rabbiner Dr. Rosenthal das Wort, um in ergreifender Ansprache auf die ernste Bedeutung der heutigen Feier und der Oertlichkeit hinzuweisen. Nach einem Sologesänge des Oberkantors Cerini mit darauf folgendem Chor hielt Rabbiner Dr. Guttmann eine längere Rede, in der er das Thema Leben, Tod, Grab und Jenseits behandelte. Mit weiterem Chorgesange endete die weihevolle Feier, an die sich noch ein Ruudgang durch die Baulichkeiten und Alllagen des Friedhofs anschloß. Die gärtnerische Oberleitung wurde einem ehemaligen Zöglinge der Anstalt in Ahlem bei Hannover, Herrn Lesser übertragen. — DaS jüdische