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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-03-07 · Heft 10 (7.3.1902) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 10 (7.3.1902)
Date
1902-03-07
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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66. Jahrgang. Nr. 10. Berlin, 7. Mär; 19 02 Dev Gemeindevote. 'Weikcrge zur „Allgemeinen Zeitung -es IuöenLhums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. .V. Berlin, 4. März. Die am 24. v. M. in Cohns Festsälen abgehaltene Mitgliederversammlung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wurde an Stelle des durch Krankheit behinderten Vorsitzenden. Herrn Rechtsanwalt Dr. Horwitz, von Herrn Rechtsanwalt Dr. Lövinson geleitet, welcher nach Eröffnung der Versammlung den Geschäftsbericht erstattete. In demselben wurde dargelegt, daß die Mitgliederzahl in Berlin auf 3000 und auswärts auf 8000 angewachsen sei. und daß durch den Anschluß zahlreicher Shnagogengemeinden und großer jüdischer Organisationen der Centralverein jetzt als eine Vertretung von mehr als 100000 deutschen Juden die Verteidigung der staatsbürgerlichen Rechte derselben führt. Trotz erheblicher Ausgaben sei der Reservefonds des Centralvereins am Schlüsse des Jahres völlig intakt geblieben und an flüssigen Mitteln ein Bestand von 3756 Mark vorhanden gewesen. Das Vereinsorgan „Im deutschen Reich" erscheine in einer Auflage von 11200 Exemplaren; außerdem habe der Verein durch einzelne andere Publikationen zu wirken gesucht, von welchen die Agitationsschrift „An das Gewissen des deutschen Volkes" und das Flugblatt „Leitsätze für deutsche Juden" sich als besonders wirksam erwiesen hätten. Der Vorsitzende widmete mehreren, im Lause des verflossenen Jahres dahingeschiedenen, besonders verdienten Vereinsmitgliedern ehrende Nachrufe und berichtete hierauf über die von dem Vorstande, den Kommissionen desselben und dem Büreau erledigten umfänglichen Arbeiten und wies am Schlüsse seiner Ausführungen darauf hin, daß die Thätigkeit des Centralvereins bereits auch im Auslande zu ähnlichen Bestrebungen angeregt habe. — lieber die Thätigkeit der N ech ts schutzko mmissi o n in den letzten drei Jahren erstattete hierauf Herr Rechtsanwalt Dr. M. Brodnitz in fast zweistündiger Rede einen eingehenden Bericht, wobei er in der Einleitung an das Wort des Rechtslehrers Jhering anknüpfte, daß jedes Recht erkämpft werden müsse. Es seien erfreuliche Fortschritte in der Rechtsprechung den Juden gegenüber nicht ganz zu vermissen. Bezüglich der Kollektivbeleidigung sei zwar ein solcher Fortschritt noch nicht zu bemerken gewesen, aber auch auf diesem Gebiete könne derselbe auf die Dauer nicht ansbleiben. Bestrafungen wegen Beschimpfungen der jüdischen Religion seien wiederholt zu verzeichnen gewesen, und allem Anscheine nach werde nicht nur der H 166. sondern auch der Z 130 der Strafprozeßordnuug künftig den Antisemiten fühlbar werden und beweisen, daß auch die Juden als deutsche Staatsbürger des gesetzlichen Schutzes theilhastig seien. Die Rechtsschutzkommission habe durchschnittlich jährlich über 100 Aktenstücke zu bearbeiten, das Büreau des Vereins im letzten Jahre fast 6000 Eingänge zu verzeichnen gehabt. Der Vortragende versicherte, daß der Verein stets auf dem Posten sei, sich durch einzelne Mißerfolge niemals entmuthigen lasse und durch seine Zähigkeit schließlich doch in den meisten Fällen Erfolge erziele. Die Antisemiten seien aber mit der Zeit immer vorsichtiger geworden, paßten sich der Rechtsprechung geschickt an und wüßten ost durch Hinterthüren der Bestrafung zu entgehen. Der Redner erwähnte sodann die bekannten Vorgänge im preußischen Abgeordnetenhaus, die Rückwirkung der Aeußerungen des preußischen Justizministers auf Bayern, die aber erfreulicherweise keine nachhaltige zu sein scheine, da dort neuerdings wieder drei Juden als Richter und einer im Finanzministerium angestellt wurden. Der Redner warnte vor dem verkappten Antisemitismus des Berliner Thierschutzvereins und vor dem Engagement von Mitgliedern des unter antisemitischer Leitung stehenden „Deutsch-nationalen Handlungsgehilfenverbandes". Eine Anregung von antisemitischer Seite sei aber der Unterstützung Werth, diejenige eines Verbots der Namensänderungen der zum Christenthum übertretenden Juden, die ihre Uniform weiter behalten sollten. Der Vortragende schloß mit der Ermahnung, sich die Liebe zum deutschen Vaterland durch die antisemitischen Quertreibereien nicht rauben zu lassen und selbst in trüben Zeiten keiner Verbitterung Raum zu gewähren. — Lebhafter Beifall belohnte den fesselnden Vortrag. Der Vorsitzende wies auf die Riesenarbeit hin, welche die Bewältigung des vorliegenden überaus umfangreichen Materials erforderte und veranlaßte die Versammlung, ihren Dank für die interessanten Darlegungen durch Erheben von den Sitzen zum Ausdruck zu bringen. Hieraus erfolgte durch Zuruf die Wiederwahl der aus dem Vorstande ansscheidenden Herren: Stadtrath Kalisch, Dr. Jos. Lewh, Rechtsanwalt Dr. Lövinson Generalkonsul Landau, Dr. Wiesenthal, Geyeimrath Professor Dr. Senator, Geheimrath Professor Dr. Pinner und Gehetmrath Dr. Blumenthal. sowie an Stelle des verstorbenen Herrn Geheimrath Professor Dr. Wolfs die Neuwahl des Herrn Maurermeisters Weile. Nachdem Herr Alexander Lomnitz den Bericht der Revisoren erstattet hatte, ertheilte die Versammlung dem Schatzmeister, Herrn Dr. I. Ginsberg, Decharge, und dann wurde die Versammlung mit Dankesworten des Vorsitzenden um 11 Uhr geschlossen. 8. Berlin, 27. Februar. In Vervollständigung unserer in der vorigen Nummer enthaltenen kurzen Uebersicht geben wir heute einen aussührlicheren Bericht über diejenigen Vorlagen des zweiten Verbandstages, an welche sich eine Debatte anschloß. Eine besonders ausgedehnte Diskussion zeitigte die Berathung über die Bekämpfung des Wanderbettels. Nach den einleitenden vorzüglichen Referaten der Herren Frank-Leipzig, Leb recht-Nürnberg und Feil che nseld- Köln, von denen Letzterer sehr warm das beuetiemin lnboris empfahl, beklagte Herr Schiff-Frankfurt a. M., daß sie es in der von ihm vertretenen Stadt trotz größter Mühe und trotz Errichtung eines Arbeitsnachweises zu keinem Erfolge gebracht hätten. Kirchenrath Dr. Kroner-Stnttgart berichtet über die in Württemberg gemachten glänzenden Erfahrungen, wo ein beamteter Almosenvertheiler aus den Mitteln eines von den Ortsarmenkassen gebildete», Verbandes und aus den Beständen mehrerer Chewres an Unterstützungswürdige Gaben zu gewähren hat. Die Kommunen werden in Württemberg an erster Stelle betreffs ihrer Verpflichtung den Annen gegenüber in Anspruch genommen, doch wird die von den politischen Gemeinden berechnete Unterstützung natürlich als nicht maßgebend für den Verband betrachtet, der seinerseits ergänzend einspringt. Eine positive Hilfe kann nach seiner Ansicht nur durch die Errichtung von Arbeitsstätte», in, Norden, Süden. Osten und Westen geschaffen werden. Dieser Redner »vie Landrabbiner Dr. Mannheimer-Oldenburg rügen i»l scharfen Worten die Unsitte vieler Rabbiner, Empfehlungsschreiben für die Wanderbettler ausznstellen. Dr. Mannhein,er bekämpft die Uebertreibung der jüdischen Mildthätigkeit und empfiehlt, die Mithilfe der Polizei durchaus nicht zu scheuen, weil nur hier,»» ein genügender Schutz gegen Fälschungen gefunden werden könne. Für Ostsriesland, Oldenburg und Breme»» ist ein Verband gegen die Wanderbettelei in der Bildung begriffen. Landgerichtsrath P el ta s oh n-Bromberg giebt die Erklärung ab, daß als Einfallstation der russischen Einwanderer nur Thorn in Betracht kommen könne, und daß somit der westpreußische Verband ausreichende Schutzmaßregeln zu treffen verpflichtet sei. Herr Martin Simon-Berlin berichtet, daß über die städtische Armenpflege in Berlin nicht das Mindeste zu klagen sei. und die jüdischen Kassen nur die ergänzende Thätigkeit ansnben. Er verweist besonders auf den Kongreß in Breslau, dessen Beschlüsse bezüglich der Frage der Rückwanderer einen großen Schritt vorwärts bedeute»,. Rabbi,»er Dr. Kopfstein -Beuchen hält die Errichtung von Arbeiterkolonien in, Osten für unmöglich, ebenso würde durch die Gründung ei»,er Centralkasse den Bettlern die Nachsuch,mg von Unterstützungen nur erleichtert werden. Er hält für das allein Richtige, in denjenigen Ländern, speziell Pole», und Galizien , aus denen die meisten Armen Herkommen. Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Nachdem der Vorsitzende diesen Redner darauf Hingelviesen, daß die von ihn, gewünschte Abhilfe in den Bereich des kürzlich gegründeten Hilfsvereins der deutschen Juden gehöre, gießt Kommerzienrath Meyer-Mainz der Versaminlung Kenntnis;, das;

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