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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-03-07 · Heft 10 (7.3.1902) · p. Seite 120

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 10 (7.3.1902)
Date
1902-03-07
Page
Seite 120 (sequence 14)
Language
German
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>20 Meine Frau war eine gläubige Katholikin. Nnr ihre wirklich große Liebe zu mir vermochte sie einigermaßen über die Thatsache hinwegzntrösten, daß der Geistliche unseren Bund nicht hatte segnen wollen. So waren wir nur standesamtlich getraut; so war mir's auch am liebsten. Jedoch wollte meine Frau etwaige Nachkommenschaft katholisch getauft wissen. Das ging doch nicht. Das war doch gegen meine Assimilationsidee, das war doch eine direkte Tanse! Ich wollte die Kinder konfessionslos aufwachsen lassen — ihnen den Glauben an Gott und alles Gute und Schöne beibringen — so hatte ich mir das gedacht. Doch da stieß ich ans den hartnäckigsten Widerstand. Ihr Beichtvater — ich erfuhr nachträglich, daß sie ihn regelmäßig anfsuchte - muß ihr doch wohl gesagt haben, daß in der Taufe der Kinder noch ihre einzige Seelenrettung läge. Nach endlosen Pro und Contras kamen wir schließlich zu folgender Vereinbarung: jedes Mädchen sollte katholisch getauft, jeder Knabe dagegen jüdisch erzogen werden. Ich fragte mich allenfalls: Warum läßt Dir sie wenigstens nicht konfessionslos aufwachseu? und antwortete mir: Weil meine Frau nicht mehr Rechte haben soll wie ich, und fühlte dabei, wie ich mich selbst belog. Mit Theorien ging alles fein, als es aber zur Praxis kam, da fühlte ich, obwohl ich es mir nicht eingestehen wollte, wie froh ich war, eine Ausrede zu haben um meinen Sohn — beschneide»! zu lassen. Unser erstes Kind war eine Tochter. Mit schwerem Herzen, jedoch meinem Versprechen getreu, ließ ich sie taufen. Zlvei Jahre später folgte ein Sohn. Acht Tage nach seiner Geburt wurde er beschnitten, während meine arme Frau Thränen der Verzweiflung weinte. — — - - Unser Töchterchen besuchte jeden Sonntag die Sumlov-Lclwol des „Paters" - wie sie ihn schon nannte. Unser Söhnchen ging täglich zu — „Neb Kochmaun", einem Schuster in Allenstreet, im Hebräischen aber sehr gebildet. Sie kennen ihn? Um so besser. Es scheint, der Pater nahm sich ganz speziell unseres Mariechens an. Nor allen Dingen lehrte er sie die Leidensgeschichte Jesu, die Verruchtheit und Verdammtheit seiner Kreuziger und Peiniger, die Verworfenheit des Judas - von dem alle Juden abstammen — und die Gewißheit, daß jeder Mensch, der den Juden wohlwolle, in die Hölle käme. Reb Kochinann versäumte aber auch seinerseits nicht, unseren» David zu erklären, »vie schändlich die Juden im Alterthum nichtjttdischerseits behandelt worden seien, er erzählte ihm alle die bekannten jüdischen Leidensgeschichten, von» Ghetto, von der Inquisition; er machte ihn darauf aufinerksan», »vie die Knaben auf der Straße ihn „Cheney" riefen, »veil er Jude ist. Kurz, von beiden Seiten war mau aufs eifrigste bemüht, die Kinder zu Fanatikern heranzubilden. Ahnungslos führte ich ein zufriedenes Familienleben an der Seite »»einer Frau, dankend, daß ich mit meiner Idee doch nicht so ganz Unrecht hatte, als eines Tages mein Sohn mit der Meldung kommt, ii» drei Monaten sei seine „Barnüzwah". Meine Tochter erklärt gleichzeitig, daß ihre Konfirmation im selben Monate stattfinden soll. Meine Frau sah mich mit einer „Was jetzt"-Frage in den Augen an. „Nun, ganz einfach," erklärte ich, „wir gehen in den Tempel zur Barnüzwah und in die Kirche zur Konfirmation." Bald daraus brach das Unglück über mich herein, der ich mich bis jetzt für einen glücklichen Menschen gehalten. Mein Sohn erklärte kategorisch, nach seiner Barnüzwah nicht bei mir bleiben zu können, er »volle nicht trefe essen, er sei stolz, als Jude erzogen zu sein und »volle alle jüdischen Satzungen halten, Tefillinlegen. was er zu Hanse doch wohl nicht könnte, ohne von Mutter und Schwester verlacht zu werden u. s. >v. Dabei zeigte er gegen Letztere eine Gereiztheit, die oft in Streitigkeiten endete, und als ihm seine Schwester im Laufe eines solchen Streites „Christ-Killer" (Christustödter) an den Kopf warf, da war das Maß voll. Auch die Tochter wollte nicht länger in» Hanse bleiben, um nicht, „wie einst die Mutter, Vater und Bruder, auch in die Hölle wandern zu mttssen". Sie wollte in ein Kloster. Und nun folgten wahre Höllentage. Mutter und Tochter quälten mich in allen Tonarten, zum Katholizismus überzutreten. Um des lieben Friedens willen hätte ich es vielleicht gethan — wenn der Sohn nicht gewesen. Dieser bat mich himmelhoch, ans den Knien flehte er mich au, von Frau und Schwester zu lassen und mit ihn» allein irgendwo zu Hansen. Und beiderseits führten sie ihre Geistlichen, ihre Freunde ins Treffen. Meine Iran nah»» schließlich gegen mich Partei, sie wollte ihre Seele retten, falls es noch möglich. Oh, sie waren schrecklich, diese Tage; nie werde ich sie vergessen. Und ich liebte sie doch alle so sehr, die Fran sowohl »vie die Kinder. Ich »vill es kurz machen. Die unausbleibliche Katastrophe kam schnell genug. Erst verschwand mein Sohn. Ich setzte alle Hebel in Bewegung, es war keine Nachricht von ihm zu erlangen. Meine Frau und Tochter sahen in mir nur noch den Inden. Täglich gingen sie in die Kirche, regelmäßig beichteten sie, eines Tages waren sie verschwunden. . . . Und so reiste ich einsam, ein gebrochener Greis, »ach meiner alten Heimath zurück, die ich so voller Hoffnung verlassen. Mein eiriziger Wunsch ist nur noch, daß die bittere Erfahrung, die ich gemacht, einen andere» Schwärmer, einen Heißsporn, vor eitlen» gleiche,» Schicksal bewahren möge. Jude, bleib bei deinen Juden! Kämpfe für dein Recht mit alle»» redlichen Mitteln, aber laß dich nicht von falschen Schlußfolgerungen irre leiten. Nicht der Schwärmer, nicht der Assimilatvr um jeden Preis, nicht irgend eine andere Idee oder Bewegnng wird unsere Lage, kann unsere Lage verbessern, nein — der Gott, der unS Jahrtausende hindurch geholfen, der uns schon so »veit gebracht, »vie »vir es heute sind, er wird uns auch noch weiter bringen — bis zur wirklichen Gleichberechtigung! Max Loewenthal hat von seiner Fran und seinen Kindern nie etwas gehört. Sie sind verschollen. Sprechscrat. Sehr geehrter Herr Redakteur! cMil dem Bericht aber die erste Sitzung des „Vereins jüdischer Lehrer und Lehrerinnen" zu Königsberg i. Pr. ist die Abkürzung „V. P. K." als „Verein preußischer Kantoren" wiedergegeben worden. Es sollte „Verbands-Pensions-Kasse" heißen. Königsberg i. Pr., 26. Februar. Hochachtungsvoll Ad. Peritz. Briefkasten der Redaktion. .1. i'. in VV.: Wenn alle Papiere, namentlich der Paß. in Ordnung sind, steht der Sache nichts im Wege. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchrvitz in Berlin.

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