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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-03-07 · Heft 10 (7.3.1902) · p. Seite 119

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 10 (7.3.1902)
Date
1902-03-07
Page
Seite 119 (sequence 13)
Language
German
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Wenn ich die zionistische Idee und ihre Endziele nicht für rein utopistisch hielte, so würden Sie mich heute ebenso für den Zionismus arbeiten sehen, wie ich es jetzt für Assimilation thne. Die Juden werden verachtet, gestoßen, geknechtet, d. h. die slavischen — weil sie Juden sind. Wir in Deutschland — ja überall — wir Intelligenteren, werden moralisch mißhandelt, zurückgesetzt. Wie Ehrlose werden wir behandelt — das geht unserer Ehre zuwider. Was also thuu? Fort können wir nicht. Ein eignes Vaterland können wir nicht mehr gründen. Ueber das, was wir unter Religion verstehen: Speisegesetze, Sabbathgesetze überhaupt mosaische Gesetze, haben sich die reformirten Inden, also die Mehrzahl der Intelligenten, doch längst hinweggesetzt. Also wofür dulden wir all die Unbill eigentlich? Für unsere Nation? Die ist leider erloschen. Für unsere Religion? Was bleibt von der jüdischen Religion übrig, wenn man die mosaischen Vorschriften fortnimmt? Der Glaube an einen Gott? Gut. Den haben aber unsere Nachbarn auch. Der Glaube an Christus? Christus war ein edel denkender Philosoph, der die damalige Korruptheit gern beseitigt hätte — eine edeldenkende, edelhandelnde Philosophengestalt, ein Bruder — mehr brauchen wir von ihm nicht zu glauben, mehr glaubt wohl mancher Christ nicht von ihm. Sie sehen, der Unterschied ist so groß nicht, wenigstens nicht groß genug, um das Ertragen aller möglichen Leiden zu rechtfertigen. Ja, wenn es sich um ein Erhalten der Nation handelte, das wäre etwas ganz anderes. Aber der deutsche Jude, der amerikanische, sagen sie nicht: „Ich bin ein Deutscher! Ein Amerikaner!" Dieses sind ihre Nationalitäten, also die jüdische Nation existirt nicht. Und der kleine Unterschied — wie klein er ist, glaube ich Ihnen vorhin bewiesen zu haben — ist nicht all die Leidere werth, die wir deswegen zu erdulden haben. Und daher sage ich: Assimilation ist der einzige Ausweg! Wohlverstanden, ich predige nicht einen Religionswechsel, nur ein Aufgehen, ein langsames Verschwägern, so daß die Schranken, die uns jetzt trennen, nach und nach naturgemäß und von selbst fallen-— Noch stundenlang debattirten wir — resultatlos. Es nützte alles nichts. Der junge Mann mußte seiner jüdischen Abstammung wegen schwer gelitten haben; Assimilation als einzige „Ehrenrettung" — wie er es nannte war bei ihm zur fixen Idee geworden, nichts konnte 'eine Ueberzeugnng erschüttern. Und diese Ueberzeugung predigte er — Chassidim, russischen Orthodoxen. Wäre es nicht zar so sehr zum Weinen, ich hätte lachen mögen. Und die ganze Nacht hindnrch und noch viele Tage verfolgten mich die rührend traurigen, großen Augen des jungen Mannes. Einige Wochen später führte mich mein Weg wieder in die Gegend von Delancey. Plötzlich schlug ein Geschrei an mein Ohr: „Meschumed, der Meschumed." Schleunigst machte ich Kehrt — ich habe seit der Zeit nie mehr jene Straßen betreten. Jahre, viele Jahre sind vergangen. Ich habe mich nach einem arbeitsreichen Leben in der Hauptstadt des Deutschen Reiches zur wohlverdienten Ruhe gesetzt. Denn der Lebenskluge arbeitet in Amerika und lebt — in Deutschland. „Gut Jomtof!" Es war uni die Mittagszeit des ersten Sukkoth-Tages. Ich hatte einem herrlichen Gottesdienst in der schönen Synagoge der Oranienburgerstraße beigewohnt und schlenderte jetzt die Friedrichstraße entlang, denn das Wetter war gar zu schön, und meine Frau hatte die Mittagzeit — wie immer an Feiertagen — für zwei Uhr festgesetzt. Und dort an der Ecke der Friedrich- und Mohrenstraße, stand ein alter Mann, ein gebückter Greis, und als ich vorbeiging, sagte er mir ein leises „Gut Jomtof" ins Ohr. Stehenbleibend, erwiederte ich den Gruß. Ich sah auf den ersten Blick, daß ich es mit einem verschämten Armen zu thun habe. Natürlich lud ich ihn zu Mittag ein, ivas er zögernd und doch dankbar annahm. Es wäre mir nie eingefallen, meinen Gast auszufragen, aber als er mir am Tische gegenüber saß und in gläubiger Weise seine Braches «rächte, da war es mir. als sehe ich ihn heute nicht zum ersten Male. Dieser Blick, diese ernst-traurigen, großen Augen — wär's möglich? Ich glaubte ihn erkannt zu haben — der Meschumed! In den wenigen Stunden, beim Scheine einer trüben Kerze, hatten diese Arigen doch einen solchen Eindruck auf mich gemacht, daß ich sie nicht vergessen hatte. Der Mairn war ganz verändert, grau, gebückt, verkümmert, — die Schwärmeraugen waren dieselben. Es stimmte. Er erinnerte sich jenes Abends vor über zwanzig Jahren noch ganz genau. Nachdem wir uns über den eigenartigen Zufall, der uns heute zusammengesührt, sattsam gefreut hatten, — gewundert weniger, der Vielgeprüfte weiß, wie klein die Welt ist - fragte ich: „Und glauben Sie noch immer an die unbedingte Heilkrast der Assimilation?" „Nein, wahrhaftig nicht," kam die Antwort. „Sehen Sie mich an, was sie aus mir gemacht hat." „Was, die Assimilation?" fragte ich verwundert. „Ebendieselbe. Sie entsinnen sich doch, wie ich sie damals predigte, wie ich Gut und Blut für die Idee eingesetzt hätte. Nun, ich hörte nicht früher auf, mit meinem Wagen herumzuziehen, als bis ich ein paar Mal tüchtige Hiebe voll unseren frommen, intoleranten Glaubensgenossen bekommen hatte, und die Polizei mir bei Gefängnißstrafe jedes weitere derartige Umherziehen verbot. Aber auch die Missionäre, mit denen ich iir Verbindung stand, wurden unzufrieden mit mir. Sie verlangten, daß ich mich ohne Weiteres taufen ließe, und das wollte ich nicht. Da wiesen sie mich von sich, und ich mußte jenes kleine Zimmerchen räumen. Vor allen Dingen mußte ich nun auf Erwerb sinnen. Doch da hatte ich Glück, ich erhielt bei der „World" einen Repvrterposten. Meine Reformationsgelüste waren mir gründlich vergangen, die Ueberzeugung aber, daß ich mit meiner Idee Recht habe, war geblieben. Was logischer, als daß ich nach dieser Idee handelte? Ich machte die Bekanntschaft eines bildschönen Mädchens, eurer Christin —, verliebte mich, sic erwiederte meine Liebe wir wurden eins.

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