Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- Seite 118 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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118 folgte, als inan anzunehmen Pflegt, wie aufmerksame Leser feiner Schriftkommentare wissen. Auch ein persönlicher Verkehr mit nichtjüdischen Schriftgelehrten, und in religiösen Disputationen mit denselben, bei seinen Enkeln läßt sich dies mit Bestimmtheit Nachweisen, mag ihn zugleich mit feinen unmittelbaren Schülern auf den Weg der natürlichen Hermeneutik gedrängt haben. In Trohes war zur Zeit Raschis eine große Synode thätig, die sich mit der Revision des arg korrmnpirten Textes der Vulgata beschäftigte. Die jüdischen Schriftgelehrten ' haben zu allen Zeiten nicht verfehlt, mit ihrer vernünftigen Schriftexegese auf die Verständigen im hohen Klerus, dem die christliche Mystik der Kirche nicht immer zusagte, den besten Eindruck zu machen. Das Verlangen nach einfacher, nüchterner Erklärung der > Schrift war noch bei Lebzeiten Raschis so allgemein geworden,! daß Dieser im Alter seinem Enkel Samuel b. Meir gestand,! wenn er jünger gewesen wäre, würde er es unternommen . haben, einen neuen Kommentar zur Schrift zu verfassen, unter Berücksichtigung der mit jedem Tage immer mehr sich ausbreitenden Einfachheit in der Schrifterklärung. Allerdings hat l oft die Suche nach einer solchen Einfachheit zu einer Sucht geführt, diese bis auf die äußerste Spitze zu treiben und Erklärungen hervorzurufen, die bezeugten, wie nicht selten vom Erhabensten bis zum Lächerlichen nur ein Schritt sei. Zum Glück sind solche Exeuipel nicht viel bekannt geworden; sie schlummern meistens noch im Dunkel der Bibliotheken, in Handschriften, aus denen sie Herr Menasche Großberg und Andere nicht erwecken mögen. Dagegen bewahren außer den bereits gedruckten Kommentaren und Sammelwerken die Handschriften noch viele Schrifterklärungen, die es verdienen, daß sie zur näheren Betrachtung an das Tageslicht gezogen werden. Die Empfänglichkeit aber für eine natürliche Schriftauslegung war nicht überall und zu allen Zeiten vorhanden. Die Neigung für sie ist wandelbar, sie wird von verschiedenen Umständen in und außer uns bedingt. Wir erfahren dies noch in der Gegenwart, wenn wir auf die Länder des Ostens blicken, in denen Viele oft eine rein midraschische Erklärung zum Schriftverse als den Pschat, d. h. als die einzig richtige Auffassung des Schriftwortes anfehen mögen, während sie unserem Gcfchmacke durchaus nicht entsprechen mag. und wir sie als fern von der Wahrheit anfehen müssen. Diese verschiedene Geschmacksrichtung hat sehr oft die Auslegung und mit ihr auch die Uebersetzung beeinflußt. Zahlreiche Beispiele finden sich hierfür in den mittelalterlichen Kommentaren, Glossarien und paraphrasirenden Uebersetzungen. Erst als inan ernstlich anfing, nach der Anweisung älterer Kommentatoren auch die grammatischen Formen und die syntaktischen Konstruktionen im Schriftworte mehr zu berücksichtigen, wurden Uebersetzungen hergestellt, die für die Zeit, aus der sie hervorgegangen waren, und oft noch darüber hinaus, das geistige Bedürfniß befriedigten. Aber im Lause der Zeiten hat man doch diese Befriedigung nicht mehr gefunden, und das Verlangen nach einer verbesserten Uebersetzung hat sich mehr oder minder laut kundgegeben. Wir finden dies auch bei den evangelischen Christen, denen die Uebersetzung Luthers mehr als 300 Jahre fast als kanonisch galt, und doch hat man seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die größten Anstrengungen gemacht, das Original sorgfältig zu revidiren und zu verbessern. Auch die Pentateuchübersetzung von Moses Mendelssohn welche sich allmälig auch in die anfangs widerstrebenden Kreise Bahn gebrochen hatte, konnte trotz ihrer mehrfachen Vorzüge, die wir noch heute anerkennen müssen, auf die Dauer sich nicht im Ansehen erhalten. Vielleicht, wenn auch die übrigen Theile der Schrift von Mendelssohn selbst übersetzt worden wären, würde man nach einer Revision der Pentateuchübersetzung eine deutsche Bibel erhalten haben, welche den Ansprüchen Vieler entsprochen hätte. Das Verlangen nach einer sinngemäßen und volksthünn lichen Uebersetzung der heiligen Schrift wollte zwar die unter der Redaktion von Zunz im Vereine mit drei anderen Mitarbeitern entstandene Bibelübersetzung befriedigen, allein dieses Ziel ist damit nicht erreicht worden. Diese Behauptung näher zu begründen, kann hier nicht die richtige Stelle sein. Erst Samuel David Luzz atto hat es verstanden, in seiner italienischen Bibelübersetzung das Möglichste anzustreben, worauf wir noch weiter unten zurückkommen werden. Inzwischen sei noch die Uebersetzung des Pentateuchs von WohlgemuthundBleichrode(18S9) rühmend hervorgehoben. Was sich diese zum Ziel gesetzt, haben sie auch erreicht. Sie haben bei ihrer Uebersetzung vorzüglich sich bemüht, einen deutsche» Pentateuch herzustellen, d. h. einen solchen, bei dem Verstöße gegen die deutsche Sprache vermieden sind, und die Bilder dem deutschen Sprachgeist entsprechen, wie sic auch bei den poetischen Stellen versucht haben, den Schwung der Sprache in freien Rhythmen wiedertönen zu lassen. Wären auch die übrigen Theile der Schrift in gleicher Weise übersetzt, so würde eine vorzügliche deutsche Bibel als Lesebuch für die Gebildeten im Volke geschaffen sein. Etwas anderes will der neueste Uebersetzer, Dr. S. Bern fe l d,mit seiner in vorzüglicher Ausstattung erschienenen deutschen Bibel bieten, auf die wir nunmehr näher eingehen wollen. sForls. folgt.) AffiinMrt. Von Oscar T. Schweriner. ^0« ch starrte den Mann mir gegenüber verständnißlos a» „Aber worin, um alles in der Welt, besteht denn dieses Martyrium," fragte ich. „Darin, daß Sie gewisse» Verbindungen nicht beitreteu konnten? Hatten Sie nicix dasselbe Recht wie die Anderen, die Vorlesungen zn besuche» Wurden Sie irgendwie zurückgesetzt?" Traurig, überaus traurig blickten seine großen Auge» mich an, während er mit seiner weichen, bewegten Stimm erwiderte: „Zurückgesetzt! Das ist das Wort! Sie haben den Nagel ans den Kopf getroffen. Was ich vorhin sagte, bezog sich nick« auf die Studienjahre, es bezog sich auf später. Aus welche»! Grunde kann kein Jude Offizier, kein Assessor, Richter, — aus welchem Grunde kann kein Jude in der ganzen Welt, selbst i» diesem berühmten freien Amerika, es nicht über ein« gewisse Stuse hinaus bringen? Vielleicht, weil wir nicht das nöthige